Dem Musiker Marilyn Manson, 52, wird nicht zum ersten Mal vorgeworfen, Frauen sexuell missbraucht zu haben. Bereits 2018, da waren die Vorwürfe gegen den Hollywoodmogul Harvey Weinstein gerade publik geworden, wurde im Zuge der MeToo-Empörung auch eine Anzeige gegen Manson erstattet. Dabei ging es um verschiedene Sexualdelikte aus dem Jahre 2011; die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren schnell wieder ein. Der Vorgang wurde damals einigermaßen gelassen zur Kenntnis genommen, schließlich galt Manson mit seinen irgendwie goth-klerikalen, satanskultigen, blutrünstigen Auftritten doch als Schockrocker – machte da eine Anklage seinem ohnehin prekären Ruf nicht alle Ehre?

Nun allerdings haben gleich mehrere Frauen schwere Missbrauchsvorwürfe gegen Manson erhoben. Und sie taten das, anders als noch vor zwei Jahren, mit vollem Namen und in aller Öffentlichkeit, nämlich per Instagram. Daraufhin trennte sich Mansons Plattenfirma von ihm: Loma Vista Recordings teilte per Twitter mit, es werde sein jüngstes Album nicht weiter vertreiben und mit dem Künstler nicht mehr zusammenarbeiten. Eine massive Front gegen Manson, der sich nun genötigt sah, auf Instagram die Anschuldigungen als „schreckliche Verzerrungen der Realität“ zurückzuweisen: Seine intimen Beziehungen hätten immer auf „völligem Konsens mit gleich gesinnten Partnern“ beruht.

Diese Beteuerung dürften Manson allerdings kaum helfen, nachdem die Schauspielerin Evan Rachel Wood, 33, und vier weitere Ex-Freundinnen des Musikers ihre Anschuldigungen veröffentlicht haben. Sie sind in ihrer Massivität erschreckend. „Der Name des Mannes, der mich missbraucht hat, ist Brian Warner – den die Welt als Marilyn Manson kennt.“ Mit diesem Statement trat Evan Rachel Wood die Empörungswelle los: „Er hat mich bereits als Teenie an sich gebunden und mich auf schreckliche Weise jahrelang missbraucht. Er hat mich einer Gehirnwäsche unterzogen und mich zur Unterwürfigkeit manipuliert … Ich bin hier, um einen gefährlichen Mann zu entlarven, ehe er noch weitere Leben ruinieren kann.“

Darüber hinaus erhob Wood, politisch durchaus versiert, auch Vorwürfe gegen die Plattenlabels, also die strukturellen Voraussetzungen des Missbrauchs. Bekanntlich missbraucht ein Mann niemals nur allein, sondern muss zumindest auf insgeheime Akzeptanz hoffen können: „Ich will bekannt machen, dass viele in der Industrie ihn gewähren lassen und ihn gedeckt haben. Ich schließe mich den vielen Opfern an, die nicht mehr länger schweigen wollen!“ Mit letzterer Äußerung kündigte Wood eine offenbar gut koordinierte Aktion an. Denn fast zeitgleich mit ihrem Post veröffentlichten vier weitere Frauen ihre detaillierten Vorwürfe auf Instagram:

1. Die Künstlerin Gabriella, auch bekannt unter dem Namen SourGirrrl, war 22, als sie Manson im Oktober 2015 nach einem Konzert Backstage traf: „Das Erste, was er zu mir sagte, dass er mich beißen werde. Er hat mich dann zu sich in den Tour-Bus eingeladen, mir Kokain angeboten und mich aufgefordert, nackt vor ihm zu duschen.“ Beim zweiten Treff im Hotelzimmer verlangte Manson einen „Blutpakt“ von ihr: „Er hat unsere Hände mit zerbrochenem Glas geschnitten. Er hat mir geschworen, mich zu lieben und mich dazu gebracht, ihn auf Europatournee zu begleiten.“

Auf der Tour begann dann ihr Albtraum: „Er hat mich immer wieder gefesselt und mich dann vergewaltigt. Wenn ich dann weinend auf dem Boden lag, hat nur gelächelt. Er hat, als ich geschlafen habe, Nacktfotos von mir geknipst und sie an seine Freunde geschickt.“ Immer wieder habe er sie dazu gezwungen, Drogen zu nehmen – „er hat sie mir regelrecht mit Gewalt in den Mund geschoben“. Er verbot ihr, Hosen zu tragen und verlangte, dass sie ihre Haare rosa färbte: „Er hat mich während des Sex geschnitten und mich als verrückt und autistisch beschimpft.“

„Messer, auf die Hakenkreuze geschmiedet waren“

Manson, so die Schilderungen, machte die junge Frau psychisch dermaßen von ihm abhängig, dass sie versuchte sich umzubringen, als er sie Weihnachten 2015 versetzte: „Ich wurde immer depressiver. Er hat mich bedroht und sich damit gebrüstet, dass er Gangmitglieder kennt, die mich oder jeden einfach umbringen können.“ Gabriella brauchte nach dem Aus der Beziehung fünf Jahre, um darüber reden zu können: „Ich leider immer noch an Albträumen und wurde auf posttraumatisches Stresssyndrom diagnostiziert.“

2. Ashley Lindsey Morgan wurde von Manson 2009 über einen befreundeten Fotografen kontaktiert. Er gab dem Model den Eindruck, ihr bei ihrer Schauspielkarriere helfen zu wollen: „Ich fühlte mich bei ihm sicher und bin bei ihm eingezogen“. Der eben noch so charmante Sänger zeigte schnell seine dunkle Seite: „Er hat mich missbraucht. Er ist sexuell und körperlich gegen mich gewalttätig geworden und hat mich zu Dingen gezwungen, die ich nicht tun wollte.“ So habe Manson ihr aufgetragen, in Thailand Nazi-Memorabilien für ihn zu kaufen: „Ich musste ihm Wurfsterne und Messer, auf die Hakenkreuze geschmiedet waren, mitbringen. Obwohl er wusste, dass ich jüdisch bin und mir das total zuwider war.“

Manson soll Morgan tagelang das Schlafen verboten haben, ein Mittel, um sie gefügig zu machen. Als sie einmal morgens um drei Uhr doch einnickte, habe er sie fast völlig nackt aus seiner Villa geworfen: „Er hat mir eingeredet, dass es ‚unser Ding sei‘, wenn er mich mit dem Messer schneidet, mich verbrennt oder mir die Faust auf den Mund schlägt.“ Morgan leidet mach eigenen Aussagen bis heute unter Angstzuständen.

„Er hat mich ins Zimmer eingesperrt, wenn ich ‚böse‘ war.“

3. Sarah McNeilly wurde anfangs von dem „charmanten und witzigen“ Manson mit „Liebe bombardiert“. Dann aber änderte sich die Beziehung zu dem Model offenbar: „Er hat mich gequält, emotional missbraucht und terrorisiert. Er hat mich ins Zimmer eingesperrt, wenn ich ‚böse‘ war. Ich wurde gezwungen, zuzuhören, wenn er mit anderen Frauen zusammen war.“ Er wies McNeilly an, über ihn nicht mit anderen sprechen. Von Bekannten erfuhr sie, dass „deren Haustiere plötzlich tot waren, weil sie über ihre Erlebnisse mit Brian reden wollten“. Als ein alter Freund von McNeilly einen Kommentar auf ihrem Facebook-Account hinterließ, habe Manson gedroht, ihn zu erstechen.

Manson sei auch oft gewalttätig gegen sie geworden: „Ich wurde von ihm gegen die Wand geworfen. Er mit mir gedroht, mir mit einem Baseballschläger, den er in der Hand hielt, das Gesicht zu zertrümmern.“ Sie sei Zeugin geworden, wie Manson auch andere terrorisiert und missbraucht habe. Seit dem Ende der Beziehung habe sie psychologische Probleme und leide unter posttraumatischem Stresssyndrom: „Mein Selbstwertgefühl ist noch immer am Boden. Ich will, dass Brian endlich für sein bösartiges Verhalten zur Verantwortung gezogen wird.“

„Missbrauch, Morddrohungen, Gaslighting und Gehirnwäsche“

4. Ashley Walters arbeitete ab 2010 als Privatassistentin für Manson: „Er hat mich kontrolliert, ausspioniert und die gewonnenen Informationen genutzt, um zu manipulieren. Ich war wie sein Besitz. Er hat mich potenziellen Kollaborateuren und Freunden zum Sex angeboten.“ Er habe Walters von ihren Freunden und ihrer Familie abgeschottet und sie durfte manchmal mehrere Tage am Stück nicht schlafen: „Er wurde oft gewalttätig und hat schwere Dinge wie Glasschalen nach mir geworfen. Ich wurde auch Zeuge, wie er andere um sich herum – so wie seine Freundinnen – kontrolliert und seelisch missbraucht hat.“

Als Walters nach einem Jahr kündigte, habe Manson sie noch weiter gemobbt, ihren Ruf geschädigt und ihr mit finanziellem Ruin gedroht: „Ich litt unter Panikattacken und habe mit Depressionen zu kämpfen gehabt.“ Walters postete auf Instagram auch eine SMS-Nachricht von Manson, wie er über Wood redet: „Ich würde Evan am liebsten den Schädel zertrümmern.“ Ähnlich hatte sich Manson schon einmal in einem Interview mit der Zeitschrift Spin geäußert: „Ich habe jeden Tag Fantasien, ihren Schädel mit einem Vorschlaghammer einzuschlagen.“ Das sollte offenbar der Imagepflege dienen.

Evan Rachel Wood hatte vor drei Jahren zum ersten Mal öffentlich von ihren Missbrauchserfahrungen berichtet – ohne allerdings den Namen Mansons zu erwähnen. Sie schilderte vor einem Ausschuss des US-Repräsentantenhauses im Rahmen einer Gesetzesinitiative zum Schutz von Missbrauchsopfern erstmals ihre eigenen Erlebnisse: „Meine Erfahrung mit häuslicher Gewalt ist: Toxischer mentaler, körperlicher und sexueller Missbrauch, der langsam begann und über die Zeit hinweg eskalierte; Morddrohungen, Gaslighting und Gehirnwäsche; aufzuwachen, während der Mann, von dem ich dachte, dass er mich liebt, meinen Körper vergewaltigte.“

Schon damals war gemutmaßt worden, um wen es sich handeln könnte, doch Wood hatte keinen Namen genannt. Und niemand fragte bei ihr nach oder wollte es genauer wissen. Das ist nun anders geworden. Mittlerweile meldete sich eine weitere Frau zu Wort, Mansons ehemalige Verlobte Rose McGowan, die auf Twitter erklärte: „Ich stehe Evan Rachel Wood und den anderen mutigen Frauen bei.“