Marina Frenk schreibt dicht und plastisch mit ungewöhnlichen Sprachbildern – als würde sie Gemälde verfertigen wie ihre Erzählerfigur.
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Kira ist Malerin und kommt im Alltag kaum noch dazu, sich ihrer Kunst so zu widmen, dass sie damit zufrieden ist. Geld verdient sie mit Zeichenkursen für Kinder. Kira ist Mutter eines kleinen Jungen, der sie fordert und erfreut, der ihren Alltag auch dann strukturiert, wenn sie am Boden ist. Das Kind verbindet sie noch mit Marc, der aus ihrem Leben zu verschwinden droht. Noch: Dabei war es so ein großes Ereignis, als Marc und sie zusammenkamen – vor gar nicht langer Zeit.

Relativität von Zeit, von Erinnertem und Erlebtem

Kira ist die Hauptfigur im ersten Roman der in Berlin lebenden Schauspielerin und Musikerin Marina Frenk, er heißt „ewig her und gar nicht wahr“. Die Relativität von Zeit, von Erinnertem und Erlebtem spielt hier eine große Rolle. Die Episoden des Buches erstrecken sich über die fast achtzig Jahre von 1941 bis heute, dabei mal weit, mal nur kurz in die Vergangenheit springend, es beleuchtet Begegnungen und Erlebnisse von Südosteuropa nach Deutschland, mit Abstechern nach Israel und in die USA.

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Die Autorin lässt alle Episoden so lebendig wirken, als würden sie gleichzeitig geschehen, und als blicke sie stets durch Kiras Augen. Nur die Jahreszahlen geben Orientierung. „Papa steht immer noch draußen und spricht mit den Männern in Uniform“, sieht die Sechsjährige. „Ich stehe im Bad vor dem Spiegel und untersuche meine Brandwunden“, berichtet die erwachsene Kira, die sich selbst kleine Wunden zufügt. Vierzig Seiten später erklärt sie Marc, warum sie das tue. Sie möchte wissen, „wo ich aufhöre“. Es steckt eine Angst tief in ihr.

Kiras jüdische Familie war zu oft gezwungen, sich einen Platz zu suchen. „Es gab nie Ruhe in unserem Leben, und es wird auch nie welche geben“, sagt die Oma, als Kira sie in Haifa aufsucht. Sie will ihr nicht von früher erzählen: „Eine allgemeine Verstimmung, Ekel und Ungleichgewicht verbreiten sich in ihrem ganzen Körper und in ihrem durchsichtigen Blick, wenn sie an das Leben erinnert wird, es liegt viel Vergangenheit hinter ihr.“ Kira zweifelt: „Kann man zu viel Vergangenheit haben?“ Nun bringt ihr Sohn sie dazu, selbst den Geschichtenteppich auszurollen. „,Mama, warum lebe ich?‘, fragt Karl. ,Weil ich dich geboren habe.‘ – ,Warum lebst du?‘ – ,Weil Oma Lena mich geboren hat.‘“

Episoden sind personal erzählt

Marina Frenk schreibt dicht und plastisch, mit ungewöhnlichen Sprachbildern, dabei so, als würde sie ein detailreiches Gemälde verfertigen, passend zum Beruf ihrer Erzählerfigur. Es setzt sich zum Beispiel zusammen aus der Flucht von Bessarabien durch die Ukraine und einem traumatischen Kriegserlebnis 1941, aus peinlichen Begegnungen mit den lieben Verwandten in Chisinau 1948.

Auch diese Episoden sind personal erzählt, nur ohne ein Ich. Kira schildert mit Landschaftsdetails die Ausreise nach Westeuropa, 1993, als die Moldauische Republik gerade unabhängig wurde. Kira erlebt 2005 am Rheinufer in Köln, wie eine großherzige Frauenfreundschaft beginnt, sie beschreibt den Besuch bei der Großtante 2012 in New York, wo sie versteht: „Das Wesentliche liegt irgendwo anders als in der Geographie.“

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Dieser durch die Zeiten und über die Landstriche gewebte Roman hält durch seine Gedankenfülle in Atem. Im Selbstgespräch, im Dialog mit der besten Freundin, im Streit mit Marc, bei der Plauderei auf dem Weg zum Kindergarten folgt Kira immer neuen Fragen, um tiefer in das Herz ihrer Familie, die Möglichkeiten ihrer Kunst, das Wesen der Liebe zu kommen.

Trotz vieler Männer gilt Empathie den Frauen

Und obwohl hier viele Männer auftauchen, lenkt die Autorin die Empathie ihrer Leserinnen und Leser vor allem auf die Frauen und deren Lebensmöglichkeiten. Sie beschreibt Eifersucht als Körpergefühl, und sie lässt eine Fehlgeburt in allen Details passieren, die so noch nicht zu lesen waren. Sie lässt ihre Heldin die Wehen als stärkste Schmerz-Erinnerung zitieren. Kira steht als Frau in einer Familientradition, und sie gibt selbst schon etwas weiter. Dabei entlarvt sie Mutterglück als Abhängigkeit: „Die Diskriminierung von Müttern besteht darin, dass man ihnen symbolisch das Wort privat auf die Stirn tätowiert und sie bemitleidet, weil sie ihre Freiheit und Autonomie zugunsten von Liebe und Bindung aufgeben.“

„ewig her und gar nicht wahr“ zeugt als ein eindrücklicher Roman aus unserer Gegenwart von den uneindeutigen Biografien der Menschen im 20. und 21. Jahrhundert. Viele sind nicht da zu Hause, wo sie geboren wurden, sprechen verschiedene Sprachen im Alltag, in der Arbeit, mit den Verwandten. So farbig Marina Frenk hier auf Deutsch schreibt, sie lässt ihrer Kira russische Wörter aus der Kindheit im Kopf, für die sie im Deutschen nur unzureichende Entsprechungen findet. Das ist der Reichtum der Herkunft.

Marina Frenk: ewig her und gar nicht wahr

Roman. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 240 S., 22 Euro.