Robert Beyer verteidigt seinen Platz auf einem Kugelklumpen, der zumindest in diesen Zeiten an einen vergrößerten Virus erinnert.
Foto: Arno Declair

BerlinOb aus trotziger Entschlusskraft oder lethargischem Fatalismus, der 270-Plätze-Saal, das Globe der Schaubühne, war am Mittwochabend voll besetzt. Weder die erhöhte Ansteckungsgefahr in Theatersälen (wie viele Plätze auch immer sie haben, seine Sitznachbarn kann man sich nicht aussuchen) noch die Angehörigkeit zu einer Risikogruppe (der erhöhte Altersdurchschnitt des Theaterpublikums), hielten die Leute vom Besuch der „Affen“ ab, eine vom Autor Marius von Mayenburg selbst inszenierte Uraufführung. Sie sollte F.I.N.D., das Festival für internationale neue Dramatik, eröffnen, das einen Tag zuvor wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste. Am Tag nach der Premiere folgte dann eine weitere Anordnung, nach der nun auch die kleinen Säle, die Privatbühnen, Bibilotheken, Gedenkstätten in öffentlicher Trägerschaft zu schließen sind. „Die Affen“ werden also für viele das letzte gewesen sein, was sie für einige Wochen im Theater gesehen haben. 

Da sitzt man also im Saal, in der Hoffnung, dass der Virus draußen geblieben ist, und dann hängt einem so ein Ding direkt vor der Nase: eine grünbunt verfilzte Kugel mit einem Durchmesser von drei bis vier Metern, bewachsen mit pflanzlichen Gekröse, Ausstülpungen und Tentakeln, allerdings auch mit Wohlstandsmüll und Flachbildschirmen. Und im Text wird man auch gleich zu Beginn von Rupp mit der Nase drauf gestoßen. Er ist unrasiert (Hinweis auf seine bevorstehende Verwandlung), hasst die Menschen und will die Welt retten: „Kein andres Tier ist so beschissen dumm und ruiniert sich selber alles, was es braucht zum Überleben. Kein Elch, kein Spatz, kein Aal. Sowas Hirnverbranntes machen nur Bakterien, die kein Hirn haben, Viren machen so was, Parasiten, die töten ihren Wirt. Und eben der Mensch die ganze Welt, Krone der Schöpfung? Am Arsch, du schleimiger Parasit.“

Klüger, aber dümmer als ein Aal

Im Weiteren wird die höhergradige Dummheit der Menschen beklagt, die wie Elch und Aal sehr wohl ein Hirn, darüberhinaus aber auch noch vom Baum der Erkenntnis genascht haben und bei vollem Bewusstsein ihren Wirt, die Erde, töten. Dieses höhere Bewusstsein (Hinweis Nummer zwei) ist genau das Problem − ein Gedanke, der im Lauf des Abends in vielen Monologen ausgebaut wird.

Das Publikum erwartet Zivilisationskritik und Kulturpessimismus in parodistischen Sachbuchzusammenfassungen über Wirtschaft, Umweltschutz, Tourismusindustrie, Waffenhandel, Raumfahrt oder Bodenschätze, die beiden Schauspielerinnen (Jenny König und Genya Rykova) und ihre männlichen Kollegen (Robert Beyer und Mark Waschke) sind Thesenträger, die sich das Wort greifen und nicht so schnell wieder hergeben, stattdessen mit hohem Tempo, irrem Augenrollen und verzweifelter Deutlichkeit Denkansätze ins Absurde steigern, bis sie sich − und das ist die theatralische Grundidee des Abends − einer nach dem anderen in Affen verwandeln.

Affen gucken

Erst sprechen sie seltsam, als würden ihnen die Buchstaben durcheinanderpurzeln, dann kratzen sie sich auffällig, halten den Kopf schief und schließlich sind sie nackt und fusselig behaart, sitzen meist in der Hocke oder hangeln sich an dem besagten Ball hoch, der zwischenzeitlich, umspielt von großflächigen Projektionen (Bühne und Video: Sébastien Dupouey) als Raumkapsel auf nebligen Abwegen, Ozeanmüllklumpen unter Vogelschwärmen oder verletzlicher Planet im Ascheregen gesehen werden könnte. Am Ende gibt es einen halbstündigen wortlosen Rangordnungskampf.

Ist das schon alles? Es könnte schon sein, dass einem die eine oder andere Gegenwartserkenntnis entgangen ist, was aber eben an der ausgeworfenen Stofffülle und der Dauerschimpferei liegt. Wo ist Mayenburgs Sinn für die geschmierten Spielsituationen und für seine ausgereizten Selbstreflexionen geblieben? Stattdessen pointenloses, erratisches, erregtes Geraune.  Man weiß weder, wo die Handlung spielt, noch wer die Personen sein sollen. Und dieser runde Erreger ist einem auch egal.

Die Affen 13.-15. 3., Schaubühne, Tel.: 890023 oder schaubuehne.de