Hauptgericht: Hackbraten vom Rind und Schwein mit fränkischem Krautsalat und Tomatensoße im Markthallen Restaurant.
Foto: Volkmar Otto/Berliner Zeitung

Berlin-KreuzbergAls Nostalgikerin hat man es nicht leicht in dieser Stadt. Es gibt so vieles, was man ständig betrauern könnte. Die Veränderungen sind rasant: Das Altersheim am Hackeschen Markt, dessen Bewohner doch eben noch von der Dönerbude aus das fremde Treiben beobachteten, ist einer Investoren-Baustelle gewichen, die Neuköllner Dartskneipe einer Gin-Infusion-Bar. Und der Schweinebraten mit Sauerkraut und Knödeln im Weltrestaurant, den Leander Haußmann mit seinem Film „Herr Lehmann“ unsterblich machen wollte, ist auch nicht mehr da.

Man könnte viel darüber jammern. Der Mensch mag nun mal keine Veränderung. Aber auch die Dartskneipe, das Altersheim und das Weltrestaurant waren irgendwann neu, auch sie haben etwas verdrängt. Stillstand kann kein vernünftiges Stadtziel sein, lebenswerte Quirligkeit schon eher. Die besonnene Mitte ist der richtige Weg, denke ich. Veränderungen sollten behutsam umgesetzt werden. Das alte Markthallen Restaurant, ehemals Weltrestaurant, ist ein gutes Beispiel dafür. Ich weiß, dass es viele Querelen darum gab.

Der alte Pächter hat dem neuen Betreibertrio, das auch die Markthalle Neun führt, vorgeworfen, es habe eine touristische Eventhalle daraus gemacht. Doch was das Markthallen Restaurant betrifft, kann ich das nicht bestätigen, im Gegenteil: Es ist wunderbar gelungen, die traditionelle Gaststätte so fortzuführen, dass ihr ursprünglicher Charakter bewahrt geblieben ist. Die Holzvertäfelungen, der lange Tresen, das Gasthaus-Gefühl, all das ist noch da. Auch vom alten Team erkenne ich einige wieder, und viele der Gäste sind immer noch aus dem Kiez.

Markthallen Restaurant legt Wert auf artgerechte Haltung und gute Fleischqualität

Einen großen Unterschied gibt es jedoch: Man isst wesentlich besser. Das Markthallen Restaurant hat nun kulinarisch eine klare Richtung. Hier geht es nicht um hochpreisiges Fine Dining, sondern um verständliche, naturnahe Produktküche. Der Schweinebraten, der ehrlicherweise seinem filmischen Ruhm nie ganz gerecht wurde, ist weg. Aber dafür stehen regelmäßig andere Gasthaus-Klassiker auf der Karte – etwa ein Schweinekotelett, eine Rinderschulter und ein Schnitzel, jedoch behutsam modernisiert.

Zunächst bedeutet das, dass Wert auf artgerechte Haltung und gute Fleischqualität gelegt wird, weswegen die Preise über den alten liegen müssen. Auch werden die Fleischgerichte frischer und leichter kombiniert – statt schwerer Soßen und Beilagen überzeugen selbst gemachte Dips, zarte Wildkräutersalate und gut verarbeitetes Gemüse.

Viele Produkte bezieht die Küche direkt von Erzeugern über die Markthalle, das Bier stammt sogar aus den Braukesseln im Keller.

Modern heißt heute glücklicherweise auch, wieder mehr vom Tier zu verwerten als nur das Muskelfleisch. Das ist eigentlich eine sehr alte Idee, die aber lange in Vergessenheit geraten ist. So stand zum Beispiel Gebackenes von Schweinskopf und -fuß auf der Karte, als ich da war. Ich kann das sehr empfehlen.

Die Extremitäten sind klein gehackt und gut verpackt als Füllung in einer Art frittierter Krokette. Beim Reinbeißen schmecke ich zuerst die kräftige Würze von Maggi und Kerbel, danach kommt ein leichtes Schwein-Aroma. Sehr gelungen sind die hausgemachte Mayonnaise mit Kapern und der zarte, süßsaure Wildkräutersalat samt Sauerampfer, die es dazu gibt.

Unbedingt erwähnen will ich auch noch mein Dessert: ein knallroter Wackelpudding, der auf den ersten Blick wie ein künstliches Industrieprodukt aussieht. Doch das Rot schmeckt herrlich intensiv nach Mirabelle und die Soße nach echter Vanille.

Wenn Veränderung in puncto Essen im 21. Jahrhundert bedeutet, wieder mehr selbst zu machen und zum Geschmack der Natur zurückzukehren, dann gibt es in meinen Augen nichts zu betrauern.

Das Markthallen Restaurant in Kreuzberg.

Karte: GoogleMaps

Markthallen Restaurant

Vorspeisen kosten 5,50–9,50, Hauptspeisen 14,50–21,50 und Desserts 6,50 Euro.