Marlene Dietrich in ihrer Rolle in „Der blaue Engel“.
Foto: dpa

Der Plan war sonnenklar: Ufa-Produzent Erich Pommer und Schauspieler Emil Jannings wollen mit ihrem Film „Der blaue Engel“ weltweit für Furore sorgen. Als Regisseur verpflichten sie Josef von Sternberg, mit dem Jannings bereits in den USA erfolgreich zusammengearbeitet hatte. An einer zunächst vorgeschlagenen Verfilmung über das Leben Rasputins ist der Regisseur nicht interessiert, also soll Heinrich Manns Roman „Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen“ von 1905 als Vorlage dienen.

Dass Emil Jannings die männliche Hauptrolle spielt, steht felsenfest: Erst kurz zuvor ist er als erster Oscarpreisträger überhaupt aus Amerika nach Deutschland zurückgekehrt. Für die Besetzung der verführerischen Sängerin Lola-Lola kommen Lucie Mannheim, Brigitte Helm und Trude Hesterberg in die engere Wahl, auch die Schauspielerinnen Käthe Haack und Blandine Ebinger dürfen bei Sternberg vorsprechen. Doch keine entspricht seinen Vorstellungen auf der Suche nach dem „ewig Weiblichen“.

Vollendete Bewegungen

Seinen Star entdeckt der Regisseur eher zufällig, als er sich im Berliner Theater in der Kreuzberger Charlottenstraße die Revue „Zwei Krawatten“ mit Hans Albers und Rosa Valetti anschaut, die beide bereits für seinen Film in Nebenrollen besetzt sind. „Und da fiel mir die Marlene auf, die hatte eine sehr kleine Rolle. Sie war zwar nicht besonders schlank, wusste sich aber vollendet zu bewegen“, erinnert sich Sternberg später.

„Hier war das Gesicht, das ich gesucht hatte: provozierend, schmachtend, verzückt, hinreißend und bezaubernd.“
Die Schauspielerin Marlene Dietrich, sie ist damals Ende 20, zögert jedoch mit ihrer Rollenzusage. Sie habe kein Talent für den Film, ihre „Entennase“ mache sie nicht wirklich fotogen und sie traue sich die Rolle als Varieté-Vamp nicht zu. Außerdem sei ihre Familie sicherlich nicht erfreut, sie in dieser „Nuttenrolle“ zu sehen.

Dramatische Story

Sternberg aber lässt nicht locker und bringt sie schließlich zur Vertragsunterzeichnung. Sowohl Hauptdarsteller Jannings als auch Produzent Pommer sind von seiner Entscheidung wenig erfreut.
In der dramatischen Story bietet sich für Jannings eine maßgeschneiderte Rolle im halbseidenen Milieu des Tingeltangels, die Binsenweisheit „Sex sells“ gilt schon damals. Die Dreharbeiten für Jannings ersten Tonfilm dauern weniger als drei Monate und sind am 22. Januar 1930 abgeschlossen.

„Der blaue Engel“ erzählt vom gesellschaftlichen Abstieg des in die Jahre gekommenen Gymnasial-Professors Immanuel Rath (Jannings), der an der Liebe zur Barsängerin Lola-Lola Fröhlich (Dietrich) zerbricht. Er wird aus dem Schuldienst entlassen, heiratet sie und gerät in eine entwürdigende Abhängigkeit. Schließlich verlässt die Sängerin Rath und tröstet sich mit dem Artisten Mazeppa (Hans Albers). Am Ende kann der Lehrer mit der Schmach nicht leben und stirbt in seiner früheren Schule am Katheder.

„Unintelligentes Spießerstück“

Während Mann in seiner literarischen Vorlage die Rachsucht und das anarchistische Potenzial eines gestürzten Tyrannen thematisiert und das „korrupte und heuchlerische deutsche Kleinbürgertum“ attackiert, bleibt der Professor im Film ein einfacher Biedermann, der an der Erotik einer Femme fatale zerbricht. Der Journalist und Schriftsteller Carl von Ossietzky nennt den Film ein „larmoyantes, unintelligentes Spießerstück“, Theodor Adorno hält noch in den 1950er Jahren ausschließlich die Beine der Dietrich für erwähnenswert.

Das Publikum hingegen ist begeistert. Dabei sind die Kosten des Prestigeprojekts immens: rund zwei Millionen Reichsmark – und das in Zeiten von Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit. Allein Superstar Jannings kassiert 200.000, Sternberg 40.000 und Mann 35.000 Reichsmark, Marlene Dietrich als noch aufgehender Stern muss sich mit 25.000 zufriedengeben. Die Rolle der Sängerin Lola-Lola verschafft ihr aber den internationalen Durchbruch. Kritiker Herbert Ihering lobt ihren Auftritt: „Sie singt und spielt fast unbeteiligt, phlegmatisch. Sie ist ordinär, ohne zu spielen. Alles ist Film, nichts Theater.“ Das Parteiorgan der NSDAP, der Völkische Beobachter, sieht im Film eine „bewusst jüdische Zersetzung und Beschmutzung deutschen Wesens und deutscher Erziehungswerte“.

Meilenstein der Filmgeschichte

Der Filmhistoriker Wolfgang Jacobsen führt den Erfolg des Films einerseits auf die bis dahin so nicht dagewesene Erotik im Film zurück – und andererseits auf den Mythos der Dietrich: „Der blaue Engel“ sei ein „Stück gelungenes Entertainment“ gewesen. Viele Zeitgenossen mögen Dietrichs Auftritt als männermordendes Luder in Strapsen höchst skandalös empfunden haben. Doch die Produktion gilt noch heute als Meilenstein der Filmgeschichte. Lieder wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Ich bin die fesche Lola“ und „Kinder, heut’ Abend, da such ich mir was aus“, von der Dietrich gesungen, werden schon damals zu Gassenhauern.

Die Karrieren der beiden Hauptdarsteller entwickeln sich in der Folgezeit äußerst unterschiedlich. Marlene Dietrich wird für ihre Natürlichkeit gefeiert, Emil Jannings spielt noch immer wie im Stummfilm mit übertriebenem Augenrollen und dramatischen Gesten. Der einzige Deutsche, der jemals als bester Hauptdarsteller mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, sieht seine Zukunft im Dritten Reich und tritt fortan in verschiedenen Ufa-Produktionen auf. Wegen seiner Nähe zu den Nazis wird er 1945 von den Alliierten mit einem lebenslangen Auftrittsverbot belegt.

Flucht aus Deutschland

Marlene Dietrich hingegen verlässt noch am Premierenabend – die Uraufführung des „Blauen Engels“ findet am 1. April 1930 im Berliner Gloria-Palast am Kurfürstendamm statt – Deutschland. In Hollywood erhält sie einen Siebenjahresvertrag und steigt an Sternbergs Seite – mit bestechend gutem Englisch – durch Filme wie „Marokko“, „Shanghai Express“ und „Blonde Venus“ zum umschwärmten Sexsymbol auf.

Eine Rückkehr in die alte Heimat lehnt die Gegnerin des NS-Regimes kategorisch ab.