Als Mohammed VI. im Jahr 1999 den marokkanischen Thron bestieg, keimte im ganzen Land Hoffnung . Auch viele Journalisten atmeten auf. Hassan II., der Marokko mit eiserner Faust regiert und die Presse zu öden Verlautbarungspostillen degradiert hatte, war tot. Sein erst 35-jähriger Sohn verkündete alsbald eine Amnestie für politische Gefangene und ließ eine ziemlich freie Presse zu. Doch es gab immer rote Linien. So durfte etwa die Zugehörigkeit der völkerrechtswidrig annektierten Westsahara zu Marokko nicht in Frage gestellt werden – und erst recht nicht der König selbst.

Journalisten, die diese ungeschriebenen roten Linien überschritten, riskierten Gefängnisstrafen. Ihre Zeitungen wurden geschlossen oder zu horrenden Geldbußen verdonnert, sodass sie schließen mussten. Kürzlich hat wieder einer eine rote Linie überschritten: Ali Anouzla, Chefredakteur der Internet-Zeitung Lakome. Am 19. September wurde er festgenommen. Am Dienstag nun hat ein Gericht seine vorläufige Freilassung verweigert.

Nachdem einige kritische Blätter ihre Pforten schließen mussten und in den Redaktionen anderer sich Selbstzensur breit machte, gründete Anouzla 2010 die Internet-Zeitung Lakome. Sie ist gewiss das mutigste Medium des Landes, prangert Korruption und Misswirtschaft an, bricht Tabus und tastet sich immer wieder an die roten Linien heran.

Ein Vorwand und eine Enthüllung

Am 14. September wagte sich Anouzla zu weit vor. Lakome informierte über ein Video von „Al Kaida im islamischen Maghreb“ (Aqmi) und setzte zum Artikel einen Link, der auf die renommierte spanische Tageszeitung El País verwies, die das Video auf ihrer Seite aufgeschaltet hatte. In diesem bezeichnet die terroristische Gruppe Marokko als ein „Königreich der Korruption und des Despotismus“.

Das war dem Monarchen, der die Legitimität seiner Herrschaft auf seine angebliche Abstammung von Ali und Fatima, Schwiegersohn und Tochter Mohammeds, zurückführt und den Titel „Befehlshaber der Gläubigen“ trägt, offenbar zu viel. Es nützte Anouzla nichts, dass er das Video als Propaganda einer terroristischen Organisation brandmarkte. Die Staatsanwaltschaft, im Königreich immer zu Diensten des Königs, klagte ihn wegen propagandistischer und materieller Unterstützung einer terroristischen Organisation an.

Vermutlich aber war der Link auf ein Video in der Auslandspresse nur ein Vorwand für die Inhaftierung des unbotmäßigen Journalisten. Der eigentlich Grund seiner Festnahme ist wohl eine Geschichte, die noch nicht weit zurückliegt: Anlässlich des 14. Jahrestages seiner Thronbesteigung begnadigte Mohammed VI. Ende Juli insgesamt 1044 Häftlinge, unter ihnen den Spanier Daniel Galván, der in Marokko elf Kinder im Alter zwischen vier und fünfzehn Jahren sexuell missbraucht hatte und zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

In zahlreichen Städten Marokkos gingen danach Zehntausende auf die Straße, um gegen den von Lakome enthüllten Skandal zu protestieren. Dann geschah das Unerhörte: Der König knickte ein. Er zog seine Entscheidung zurück mit der wohl zutreffenden Begründung, er sei schlecht informiert worden. Aufsehen erregte weniger die Begründung als der Umstand, dass der König sich dazu herabließ, überhaupt etwas zu begründen.

Lakome hat also wesentlich dazu beigetragen, dass das Image des Königs in Marokko nachhaltig beschädigt ist. Und deshalb wohl können die Marokkaner seit einer Woche die Internet-Zeitung nicht mehr lesen. Der Zugang – sowohl zur arabischen wie zur französischen Version – ist gesperrt. Das ist in Marokko, wo 55 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet haben, für die Öffentlichkeit ein härterer Schlag als die Schließung von Printmedien, die sehr bescheidene Auflagen erzielen.

Dann aber nahm die Sache eine überraschende Wende. Aus dem Gefängnis heraus gab der Chefredakteur vor einer Woche über einen neuen Anwalt, dem er seine Verteidigung anvertraut hatte, bekannt, er selbst habe die Website schließen lassen, weil er in seiner Lage die rechtliche Verantwortung für deren Inhalte nicht übernehmen könne. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Erklärung nicht seinem freien Willen entspricht.

Prominente Unterstützung

So hat nun Aboubakr Jamai, Mitgründer von Lakome und Chefredakteur der französischsprachigen Ausgabe, interimistisch die Verantwortung für beide Versionen der Internet-Zeitung übernommen, die in Marokko weiterhin gesperrt, vom Ausland her aber einsehbar ist.

Jamai gehört zu den bekanntesten Journalisten des Landes. Schon unter Hassan II. hatte er 1997 Le Journal Hebdomadaire, die erste kritische Wochenzeitung Marokkos, gegründet. Zehn Jahre später musste er sie schließen, weil er eine Geldbuße von umgerechnet 290 000 Euro nicht bezahlen konnte. „Sie haben bei uns begründete Hoffnungen geweckt“, schrieb er danach dem König in einem offenen Brief, „manchmal haben Sie uns enttäuscht. Gewisse Entscheidungen haben wir nicht verstanden. Aber Sie müssen wissen: Wir werden darauf beharren, Ihnen zu sagen, wenn wir den Sinn Ihrer Handlungen nicht verstehen. Das ist unser legitimes Recht.“

Inzwischen fordern Amnesty International und Human Rights Watch die Freilassung von Ali Anouzla. Die Washington Post hat dem Skandal ein Editorial gewidmet. Und auch US-Außenminister John Kerry hat die weitere Inhaftierung des Chefredakteurs kritisiert.

Selbst aus der königlichen Familie kam Unterstützung für Ali Anouzla. Moulay Hicham, Cousin von Mohammed VI., forderte seine Freilassung. Gleichzeitig las er den „domestizierten Eliten“ seines Landes die Leviten. Sie würden sich nicht trauen, den König zu einer Reform der Monarchie zu drängen. Der Prinz, der im US-Exil lebt, fordert eine parlamentarische Monarchie spanischen Zuschnitts. Der König aber, in dessen Palast er persona non grata ist, redet mit ihm schon lange nicht mehr.