Marta C. Gonzales stand in den Sechzigern als Primaballerina auf der Bühne des New York City Ballets. Seit ein paar Tagen, über ein halbes Jahrhundert später, erlangt sie neuen, allerdings postmortalen Ruhm. Sie ist nicht lange nach der Videoaufnahme, die nun im Internet kursiert, gestorben. Auf dem Video sieht man die Dame im Rollstuhl irgendwo in einem hellen Raum, in einer Altersresidenz in Valencia. Sie ist an Alzheimer erkrankt, das Gesicht ist eingefallen, die schwarz-weiß gestreifte Bluse ist mit einer lila Ansteckblume geschmückt, ums Handgelenk trägt sie ein Perlenarmband.

Jemand hat ihr Kopfhörer aufgesetzt, spielt nun Tschaikowskis „Schwanensee“ ein, küsst ihr die Hand und überlässt sie der Musik, die mit ihrer Kraft und mit ihrem Schmelz natürlich auch den Boden für die Wirkung auf die Zuschauer bereitet. Und dann geht es los: Leben fährt in den Blick der Ballerina, es ist ein suchender, erwartungsvoller. Man sieht förmlich, wie der Strom zu fließen beginnt.

Signale aus unerreichten Tiefen

Beim ersten musikalischen Höhepunkt fliegen, wie von einem Windstoß getroffen, die zarten, venendurchwirkten Hände der Greisin auf. Irgendwo aus den sonst unerreichbar gewordenen Tiefen des Hinterkopfs werden Signale an die Motorik gesendet. An den zarten, angedeuteten Bewegungen der Hände und an dem emotional durchwetterten Gesicht kann man die Schritte, Sprünge und Flügelschwünge des Schwanes sehen. Dazwischen montierte Filmaufnahmen, die die Ballerina bei ihrem Auftritt in den Sechzigern zeigen, weisen eine gewisse Synchronität auf, die beim Schnitt natürlich auch ein bisschen manipuliert sein kann. Aber was soll’s?

Es ist ein Video der gemeinnützigen Organisation Música para despertar (Musik zum Aufwachen), die sich um die musiktherapeutische Behandlung von Demenzpatienten verdient macht. Zitiert werden Studien, die die günstige Wirkung von Musik auf das Wohlbefinden belegen. Man braucht diese Studien nicht, man sieht es in diesem kleinen Video.