Das Art’otel in Mitte am Spreekanal, nahe der Fischerinsel: Für den passionierten Angler Marten Laciny, 34, besser bekannt als Marteria, die perfekte Umgebung, um über seine Lieblingsthemen zu reden: Angeln und Reisen. Gerade hat er eine Clubtour beendet, danach ist er bei Rock am Ring aufgetreten, hat seine neue Platte „Roswell“ veröffentlicht und den einstündigen Youtube-Film „Antimarteria“. Darin ist der ehemalige Schauspielstudent neben Akteuren wie Frederick Lau und Emilia Schüle zu sehen. Marterias Kalender ist also randvoll, aber Stress merkt man ihm nicht an. Der Mann wirkt gelöst und zufrieden und mit sich im Reinen. Es gibt auch kein Zeitlimit für das Gespräch. Halbgare Sachen mag er nicht. Egal, ob er Musik oder sonstwas macht – oder Interviews gibt.

Ihr neues Album „Roswell“ ist sehr politisch. Es geht um Krieg, Rassismus, Umweltzerstörung. Sollte das so sein?

Ja, vermutlich. So etwas plane ich aber nicht, denn Musik muss aus dem Bauch kommen. Außerdem will ich mich nicht wiederholen. Musik muss sich bewegen, nur so bleibt sie interessant. Dafür muss man Mut aufbringen.

Ihre Botschaften transportieren Sie aber eher unterschwellig.

Weil ich keine Zeigefingerpoesie mag. Wer hat schon Bock, sich belehren zu lassen? Das nervt und ist kontraproduktiv.

Tun das viele Ihrer Rap-Kollegen?

Ein paar sicherlich. Aber auch nicht jeder Rapper muss Inhalte vermitteln, bloß weil er die Möglichkeit dazu hat. Manchmal muss Rap auch stumpf und politisch unkorrekt sein. Gäbe es das nicht, würde eine wichtige Facette fehlen. Es gibt Momente, da ist ein Bushido-Album die beste Platte der Welt.

Tatsächlich?

Ja, weil man manchmal einfach durchdrehen will. Danach höre ich mir dann auch gerne wieder was mit Inhalten an. Aber es gibt nicht viele Rapper, die gute Songs mit Message schreiben können – leider. Andererseits sind die besten politischen Songs sowieso die, die durch die Hintertür kommen und zu denen man tanzen kann. Das ist mein Ansatz.

Apropos tanzen: Gehen Sie selbst noch viel aus?

Nein, kaum. Seit zwei Jahren trinke ich keinen Alkohol und nehme keine Drogen mehr. Und das feiere ich total ab.

Gab es einen konkreten Grund dafür, Ihr Leben zu ändern und Ihren Gewohnheiten abzuschwören?

Ich hatte 2015 nach einem Benefizspiel für Hansa Rostock akutes Nierenversagen. Es stand bei mir auf der Kippe: Leben oder Tod. Ich war zwar weder Alkoholiker noch Junkie, aber ich habe immer viel gefeiert und war nie der Typ für nur ein Bier. Zwischendurch hatte ich aber eben auch krasse Sportphasen, und vor diesem Hin und Her hat mein Körper kapituliert.

Wie muss man sich diesen Moment vorstellen?

Der Arzt konnte mir nicht sagen, ob ich das überleben werde. Freunde und Familie waren am Boden zerstört. Aber ich war erstaunlich gefasst und dachte nur: Ich habe so viel geilen Scheiß erlebt. Wenn es jetzt so ist, dann ist es so. Ich habe mein Leben gelebt und bereue keine Sekunde davon.

Was haben Sie dabei gelernt?

Dass mich jetzt keiner mehr anruft, wenn er mal feiern geht.

Haben Sie eine Ersatzbeschäftigung gefunden?

Meinen Rausch hole ich mir jetzt durchs Angeln. Dass ich dieses Hobby habe, rettet mir den Arsch. Das ist mein Ventil – neben der Musik natürlich.

Was ist das Berauschende am Angeln?

Ich bin fokussiert, voll auf Modus – und dabei geht es natürlich nicht um den Fisch.

Sondern?

Rumzukommen, einen Plan zu haben und in der Natur zu sein. Und ums Reisen – fremde Menschen, Kulturen und Länder kennenzulernen. Wenn ich irgendwo mit ein paar Fischern rausfahre, habe ich innerhalb von sechs Stunden achtzigmal soviel über das Land erfahren wie jemand, der dort drei Wochen Urlaub macht.

Wann haben Sie die Freuden des Angelns entdeckt?

Als ich klein war, war das so ein Vater-Sohn-Ding, das ich nun auch mit meinem eigenen Sohn etabliert habe, der bald zehn wird. Viele Jahre hatte ich dann nichts mehr mit Angeln am Hut, da waren Fußball und Musik wichtiger. Aber irgendwann habe ich mir ein kleines Häuschen gekauft, anderthalb Stunden von Berlin entfernt. Da gibt es einen See und ein kleines Ruderboot – und plötzlich kam die Leidenschaft fürs Angeln zurück. Das ist jetzt mein Ausgleich. Wenn ich das nicht hätte, wäre ich in puncto Drogen und Alkohol sicher rückfällig geworden.

Hat sich Ihr Lebensrhythmus dadurch verändert?

Mein Freund Tua, der ebenfalls nichts trinkt, hat mir mal gesagt: „Man gewinnt den Tag und verliert die Nacht.“ Und das stimmt. Ich bin jetzt viel früher müde, aber es gibt nichts Geileres, als schon früh in den Tag zu starten. Mein DJ angelt ja auch, und als wir vor zwei Jahren bei Rock am Ring waren, sind wir morgens um acht an so einen Eiffel-See gefahren, waren da bis 18 Uhr in diesem Kratersee angeln, sind dann zurückgefahren, mit Sturmlocken aus dem Bus gestiegen, und hatten bereits das Krasseste erlebt, bevor wir dann beseelt vor 90.000 Leuten auf der Bühne standen.

Sie haben eben das Reisen erwähnt, das Ihnen sehr wichtig ist. Im Zuge des letzten Albums „Zum Glück in die Zukunft II“ haben Sie eine Weltreise gemacht und 22 Flüge in 21 Tagen bewältigt. Sind Sie zum Schreiben von „Roswell“ auch irgendwo hingefahren?

Nein. Die Videos und den „Antimarteria“-Film haben wir zwar in Kapstadt gedreht. Aber als wir hingeflogen sind, war das Album schon fertig. Wir haben uns da eine visuelle Welt aufgebaut, die Bebilderung dessen, was die Platte aussagt.

Nämlich?

Offenheit, Toleranz, Spaß, Leben – es geht um universelle Themen, denen man mit einem Dreh um die Ecke nicht gerecht geworden wäre. Wir haben dafür auch in den Townships gedreht. Das war toll!

Wie sind Sie dort auf die Leute zugegangen?

Der Kontakt entsteht, wenn du einen Fußball reinwirfst und dann erst mal zwei Stunden mit den Leuten kickst, dich mit denen verbrüderst und Hühnerfüße isst. Am Ende hatten wir 500 Kids um uns herum, die getanzt haben und durchgedreht sind – zu einem deutschen HipHop-Song!

Sie haben mal gesagt: „Um zu wissen, was im Leben wichtig ist, muss man die Welt gesehen haben.“

Ja, um überhaupt über Dinge reden zu können. Diese Einstellung habe ich von meiner Mutter. Die war Lehrerin für Geschichte, Sozialkunde und Sport, und diese Haltung hat sie mir und meinen beiden Geschwistern mitgegeben. Man sollte stets seinen Horizont erweitern und Erfahrungen sammeln, um sich eine Meinung über diese Welt zu bilden. Dafür muss man aber nicht zwangsläufig eine Weltreise machen. Auch auf der Autobahn Richtung Hamburg kann man Erfahrungen sammeln. Oder beim Spaziergang durch seinen Kiez. Aber rauszugehen und sich mit der Welt auseinanderzusetzen – das ist wichtig. Wenn du immer in deiner Blase bleibst, was willst du dann auf Dauer Spannendes erzählen? Das Wichtigste für Kunst ist doch Inspiration.

Es gibt auch Künstler, die sich lieber wochenlang im Studio einschließen und am Ende mit einem fertigen Album wieder rauskommen. Die reisen in sich selbst.

Klar, das gibt es auch, aber das ist nicht mein Weg. Die besten Ideen habe ich, wenn ich unterwegs bin. Da kommen mir die besonderen Wörter und Geschichten in den Sinn, die man noch nicht tausendmal gehört hat. Und wenn du ständig etwas Neues erlebst, umgehst du automatisch die Gefahr, dich im Alten zu verfangen.

Hatten Sie bei der Arbeit an der neuen Platte Angst davor?

Angst nicht, aber ich wollte das um jeden Preis vermeiden. Ein Lied über meine Heimatstadt gab es mit „Mein Rostock“ bereits auf meinem letzten Album, warum hätte ich darüber also noch mal ein Lied schreiben sollen? Stattdessen habe ich mit „Skyline mit zwei Türmen“ nun endlich einen Track darüber, wie ich mit siebzehn als Model in New York gearbeitet habe. Was auf den ersten Blick total toll klingt, war in Wirklichkeit aber richtig Hustle.

Inwiefern?

Ich hatte kaum Kohle, weil die Model-Jobs alle wahnsinnig schlecht bezahlt sind – wenn man denn überhaupt einen kriegt. Ich musste ständig meine Mutter bitten, mir Kohle zu schicken.

Aber warum gerade jetzt ein Song über diese Zeit? Das ist achtzehn Jahre her.

Ich habe meine alten Reimbücher wiedergefunden, das war der reinste Backflash. Anfangs hatten wir für den Track so einen bombastischen Jay-Z-New-York-Beat, aber ich habe schnell gemerkt: Das war nicht das Gefühl damals. Das Gefühl war: Ende Siebzehn, alleine, keine Kohle, trotzdem aber in dieser krassen Stadt, wo ich jeden Tag tausend Ideen in eben jenes Reimbuch geschrieben habe, wenn ich mal wieder in der U-Bahn saß oder aus dem Fenster auf diese Stadt geguckt habe. Also wollte ich einen düsteren Beat, der nach vorne geht. Und als ich den hatte, war der Song ganz schnell fertig.

War das damals das erste Mal, dass Sie weg sind aus Rostock?

Ja. Meine Schwester hat zu der Zeit glücklicherweise etwas außerhalb von New York Au-pair gemacht, dadurch hatte ich zumindest einen familiären Bezugspunkt. Aber: Ich musste bei diesem Model-Job echt ackern und wusste bereits ab Minute eins, dass das nicht mein Ding ist. Aber ey: Ich war im HipHop-Mekka New York, habe da mit den Amis rumgehangen, Weed geraucht und gefreestylt! Für einen Rostocker Jungen wie mich war das krass.

Offenbar hat Ihnen die schwierige Zeit in New York nicht die Lust an der Ferne genommen.

Das liegt wahrscheinlich an meinen Ossi-Genen, dass ich froh bin, mittlerweile überhaupt reisen zu können. Aber in New York war ich seitdem nie wieder.

Warum nicht?

Es hat sich irgendwie nicht ergeben. Meine Gefühle zu der Stadt sind auch sehr zwiespältig. Einerseits habe ich das total geliebt, andererseits war das verstörend, weil ich permanent pleite war. Wenn ich heute darauf angesprochen werde, dass ich mal Model in New York war, klingt das immer so glamourös – aber das war das genaue Gegenteil. Das war eher: „Mama, kannst du mir bitte noch einen Hunni schicken? Ich brauche was zu essen.“