Die argentinische Pianistin Martha Argerich in der Philharmonie
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BerlinUnter den noch aktiven, bedeutenden Pianisten ihrer Generation ist Martha Argerich die einzige, die wirklich Kultrang beanspruchen kann. Maurizio Pollinis Klavierabende haben viel von der einstigen Brillanz eingebüßt, Daniel Barenboim verwaltet sein Sonatenrepertoire mit schwindenden Kräften, Argerich dagegen hat bereits vor langer Zeit aufgehört, ihr Repertoire zu erweitern und alleine aufzutreten. Entweder spielt sie eines von etwa vier Klavierkonzerten oder sie begleitet andere Musiker. 

In Berlin, wo sie gar nicht so selten auftritt, müsste das eigentlich zu gewissen Überdruss-Erscheinungen führen: Schon wieder Ravels G-Dur-Konzert, schon wieder die zweite Prokofjew-Sonate – die sie tatsächlich erst vor ein paar Monaten im Konzerthaus mit Gidon Kremer gespielt hatte.

Fragiler als fragil

Natürlich ist Argerich bei einem Violinsonaten-Abend mit Guy Braunstein der eigentliche Star, und vermutlich hat sie auch das Programm bestimmt. Braunstein, ehemals Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, spielte am Sonnabend die Sonaten von Sergej Prokofjew oder César Franck gewiss nicht schlechter als Gidon Kremer oder Pinchas Zukerman, die diese Werke mit Argerich auch vor Jahrzehnten aufgenommen haben. In der Schumann-Sonate, die den Abend eröffnet, denkt man allerdings doch, dass die beiden vielleicht nicht den besten Draht zueinander gefunden haben.

In dem polyfon doch recht anspruchsvoll gewobenen Stück geht vieles nur ungefähr zusammen, denn die Melodik mit ihren vielen seufzenden Abphrasierungen bedarf unbedingt eines gemeinsamen Atems und dieser wiederum einer Gewöhnung aneinander, die vermutlich bei einer ersten Begegnung schwer herzustellen ist. Jedenfalls wirkt Schumanns fragil-nervöser Tonsatz nun noch ein bisschen fragiler und nervöser als beabsichtigt.

Nicht durchweg erfreuliche Routine

Diese Probleme erledigen sich bei den deutlich robuster geschriebenen Sonaten von Prokofjew und Franck: Bewährte Showpieces, deren öffentlich-konzertante Haltung den von Schumann eröffneten Einblick in den subjektiven Innenraum wie ein peinliches Versehen wirken lassen. Man bemerkt bei Argerich eine Routine im nicht durchweg erfreulichen Sinne: Das wirkt technisch nicht sonderlich poliert und präzisiert, der Pedalgebrauch lässt zuweilen Fragen offen.

Ihr Spiel hat dabei noch immer rhythmische Kraft und Formgefühl, auch wenn es klanglich ein wenig an Kontur eingebüßt hat. Gegenüber dem sehr körperlich und expressiv agierenden Braunstein wirkt sie zweispältig lässig, und dass sie nach dem letzten Ton sofort zum Verbeugen aufsteht, ist nicht nur eine Marotte, sondern auch ein Signal gegen jede falsche Ergriffenheit: Es ist nur ein Konzert, es ist nur Musik, es ist nur Klavierspiel – auch wenn das die Fans nicht wahrhaben wollen.

Beglückende Objektivität

Argerich hat das Subjektive nie kultiviert. Bezeichnenderweise hat sie sich auch nie für umfassende Ansichten eines Komponisten interessiert. Statt einen kantabel-psychologischen Ausdruck suchte sie einen rhythmisch-physiologischen, und die Konsequenz, mit der sie diesem Ziel folgte, gab ihren Interpretationen den Stil und der Musik eine beglückende strukturelle Objektivität.

Dieser Stil kann immer noch durchschlagen und wirken: Am Donnerstag spielte Argerich zusamen mit der Staatskapelle unter Zubin Mehta das bereits genannte Ravel-Konzert. Innerhalb dieser größeren klanglichen Proportionen überzeugte sie in ganz anderer Weise. Bei gleicher Lockerheit hatte man hier doch den Eindruck eines künstlerischen Mitteilungsbedürfnisses, das der eigentümlich schizophrenen Form des ersten Satzes zwischen Spanien und Jazz, zwischen Vitalität und Abschlaffen in jeder der vielen Tempoabstufungen folgte und auch der knappen Schluss-Toccata noch ein hochdifferenziertes Geschehen ablauschte.

Mehta dirigierte im Sitzen zu Beginn Ravels „La Valse“ – sehr langsam, eher beobachtend als engagiert – und zum Schluss Strawinskys „Sacre du printemps“ – ebenfalls eher ruhig und sicher sortiert als ekstatisch und katastrophal.