Es sind drei Räume: Der große Saal mit den eigens hergestellten Vitrinen, in denen die 171 handgeschriebenen Blätter von Kafkas „Prozess“ ausgebreitet sind. Daneben ein Raum, in dem man sich die Orson-Welles-Verfilmung des Romans ansehen kann und auf der anderen Seite des Hauptraums Fotografien aus der Sammlung von Klaus Wagenbach, eine Vitrine, mit einem Modell der Schreibmaschine, mit der Kafka schrieb und eine andere mit derzeit in Buchhandlungen zwischen Buenos Aires und Ulan Bator erhältlichen Übersetzungen von Kafkas Roman.

Eine für den Martin-Gropius-Bau sehr ungewöhnliche Ausstellung. „Bückware“. Man beugt sich über die Vitrine und versucht sich in der Entzifferung einer Handschrift. Die fällt überraschend leicht, nach wenigen Minuten hat man sich eingelesen. Vorausgesetzt, man hat die richtige Brille auf. Dann beginnt eine Lektüre, bei der man, spätestens, wenn man einen anderen Besucher anstößt, denkt: Warum mache ich das? Es liest sich doch viel besser im Buch oder auf meinem E-Reader. Aber hier soll gerade nicht besser gelesen werden.

Kafkas „Prozess“, entstand nach einem Gespräch am 12. Juli 1914 im Hotel Askanischer Hof, das zwei Steinwürfe entfernt vom Gropius-Bau stand. Kafka traf sich mit seiner Ex-Verlobten Felice Bauer, deren Schwester Erna und ihrer Freundin Grete Bloch. In einem Tagebucheintrag schrieb Kafka, er habe das Treffen wie einen „Gerichtshof im Hotel“ empfunden. „So entwickelte sich die Idee zu seinem Roman“, erklären uns die Kafka-Forscher.

Wie bildet sich der Text

Wir Leser haben noch in Erinnerung, dass der Verhaftete nicht sofort aus seiner Wohnung geholt wird, sondern dass die „Wächter“ sich bei ihm einnisten, ihm das Frühstück wegessen. Dass sie „die Fremden“ sind. Wir beugen uns über die ersten Seiten des Manuskripts und sehen nach, ob er nicht Anstoß an seinen Wiederholungen nahm. Wird „der Fremde“ ersetzt durch ein anderes Wort oder nicht? Wie bildet sich der Text.

Wir beugen uns über die Blätter und haben das Gefühl, dem Autor bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Plötzlich wird uns klar, dass Kafka ein schneller Autor war. Ganze Seiten wirken wie in einem einzigen Schwung hinuntergeschrieben. Kafkas Stil, das ist hier überdeutlich, ist nicht das Ergebnis immer wieder neuer, immer feiner werdenden Schleifarbeiten. Er ist da. Einfach da. Die Korrekturen sind nicht wenige. Aber sie sind lange nicht so zahlreich, wie manche unserer Deutschlehrer uns glauben machten.

Die „Lust am Text“ glaubt man ihm anzumerken

Kafka war kein pingeliger Gegenleser seiner selbst. Nicht weil er an jedem seiner Worte klebte. Nein, da wird ein ganzer Absatz gestrichen und dann der danach und der danach auch. Nun aber geht es einfach weiter. Kein Übergang wird hergestellt. So schnell, wie er es hinschrieb, so schnell scheint er sich auch trennen zu können von dem, das er schrieb.

Blickt man auf diese Blätter, so sieht man nicht den schüchternen, weltentrückt-träumerisch blickenden Kafka, sondern einen Souverän. Die „Lust am Text“ glaubt man ihm anzumerken an der Sicherheit, mit der er den ersten Text aufs Papier bringt. Die Korrekturen sind die eines Herrschers, der zu seinen Wörtern sagt: „Hunde wollt ihr ewig leben!“ und sie durchstreicht. Im Großen und Ganzen aber scheint er zufrieden, oder ist er es nicht und scheut vor der Feinarbeit zurück?

Über nahezu jedem Text von Kafka steht ja dessen Verdikt, er sei zu verbrennen. Das ist natürlich der äußerste Akt der Souveränität. Wir danken Kafkas Freund Max Brod dafür, dass er sich darüber hinweggesetzt hat und das Werk rettete. Erst vor dem Autor, dann ins Exil und endlich hinein in die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Brod ist ein gutes Beispiel dafür, wo die Souveränität des Autors endet: bei der Souveränität des Lesers.

Man kann Kafkas Schreibprozess in der Ausstellung noch an einer anderen Stelle nachgehen

Am Ende entsteht das Werk in dessen Kopf neu oder gar, wie im Fall von Kafkas „Prozess“, erst durch ihn. Max Brod setzte sich hin und bastelte aus den von Kafka in immer wieder neue Reihenfolgen gebrachten Text das Fragment eines Romans. Kafkas Prozess ist auch Brods Werk. So schnell Kafka bei der Niederschrift der einzelnen Abschnitte war, so schwer scheint er sich getan zu haben mit der Konstruktion eines Ganzen. Jedenfalls ist das der Eindruck eines flüchtigen Betrachters.

Die einzelnen Abschnitte entstanden nebeneinander. Manchmal drehte Kafka ein Heft um und begann hinten mit einer anderen Passage. Wie eines sich zum anderen fügen sollte, das wusste er offenbar bis zum Schluss nicht.

Man kann Kafkas Schreibprozess in der Ausstellung noch an einer anderen Stelle nachgehen. Es gibt zwei Bildschirme, an denen man Einblick nehmen kann in „Der Process“, in der von Roland Reuss und Peter Staengle 1997 bei Stroemfeld/Roter Stern vorgelegten historisch-kritischen Ausgabe sämtlicher Handschriften. Eine editorische Meisterleistung. Hier kann Kafkas Text, seinen Streichungen und Änderungen genauestens gefolgt werden.

Die Ausstellung wird viele Besucher haben

Der Reiz der Ausstellung des Deutschen Literaturarchiv Marbach und des Martin-Gropius-Baus besteht aber in der Möglichkeit, den Blick auf die Originale verbinden zu können mit der Akribie der Herausgeber Reuss und Staengle.

Das aber wird nur wenigen vergönnt sein. Der Roman ist einer der bekanntesten des 20. Jahrhunderts, einer, der immer neue Generationen begeistert und verängstigt. Die Ausstellung wird viele Besucher haben. Flüchtige und Fliehende.

Wer auf die Vitrinen schaut und mehr als ein Dutzend Menschen erblickt, die sich über sie beugen, der wird erst wie ein Passant hingehen, wo Menschentrauben sind und nachschauen, was sie so sehr interessiert. Er wird aber, wenn er merkt, wie sehr er sich vertiefen müsste, um etwas zu haben von dieser Exposition, sich zurückziehen.

Mein Vorschlag: Könnte der Gropius-Bau nicht nächtliche Sonderschichten anbieten für Menschen, die mit höchstens einem halben Dutzend anderer sich in die Schau vertiefen möchten? Ich würde 100 Euro ausgeben. Zum Beispiel für die Zeit von 2 bis 4.