Diese Art von Humor muss man mögen. Oder ertragen. Der gebürtige Franke Juergen Teller – er schreibt sich mit „ue“ seit er ab Mitte der Achtziger in England lebt – hat seiner großen Schau im Berliner Martin Gropius Bau den entspannt klingenden und doch ernst gemeinten Titel „Enjoy Your Life!“ gegeben.

Vor Monaten noch richtete er diese komisch-dreist-ironische Aufforderung an Heerscharen von Besuchern der Bonner Bundeskunsthalle. Da gab es viel Zuspruch und mindestens ebenso viel Gegenwind für derartig „schräge“ Fotokunst. Nun, im Frühling 2017, geben im Gropius-Bau, dem Kunstschaufenster der Berliner Republik, 250 Teller-Fotografien Einblick in sein Gesamtwerk. Da konfrontiert der berühmte Mode-Fotograf – der von Louis Vuitton über Marc Jacobs bis Céline die Kampagnen der wichtigsten Labels fotografierte – das hiesige Publikum mit der „Marke Teller“. Die ganze Schau ist eine riesige Collage, eine Art Bilderzählung über unsere Zeit.

Und überall Teller. Stöße von Namens-Stellvertretern in Vitrinen, auf den Fotos, teils mit solchen bedruckt. Nicht selten sieht man Porträts der eigenen Familie, gleich am Eingang mit dem liebevollen Konterfei der alten Mutter, die ein Band mit dem Namen des Sohnes hochhält. Oft sind die Teller mit Kuriosem, Bizarrem, Anzüglich-Erotischem bedacht: Da wäre ein Turm kopulierender Kröten, unweit davon ein glotzender, sich aufplusternder Frosch.

Lars Eidinger als Venus

Soviel Selbstironie inklusive Selbstvermarktung muss also sein. Bis hin zur Clownerie, dem tragikomischen Bruch des Lustigen. Es ist nicht zu übersehen: Übertreibung wird bei Teller zum Konzept. Gerade auch, wenn es um Prominente geht. Eva Herzigova etwa lässt der Fotograf für die Serie „Plates“ mit einem Teller posieren. Schauspieler Lars Eidinger macht einen auf Persiflage, nackt in Nylonstrumpfhosen. Er mimt Venus, die Schaumgeborene. Unter seinen Füßen ein Foto – sein Kopf auf einen Teller, der zur Aureole wird.

So schön überhöht kommen andere VIP’s nicht weg: Kanye West posiert im Waldgeist-Fell mit Teller. Topmodel Saskia de Brauw krabbelt auf allen Vieren über den Rasen wie ein Käfer. Und Victoria Beckham steckt in einer riesigen Shoppingtüte, die Beine steif gespreizt, wie eine Barbiepuppe.

Wer sich vor die Kamera Tellers begibt, muss also mit allem rechnen, im schlimmsten Fall mit der ungeschönten Wahrheit, wie Akt-Porträts der alternden Vivienne Westwood es zeigen. Der Fotograf mixt nicht nur obsessiv Accessoires, die so gar nicht zusammenpassen, wie etwa Pudelmützen, Bademäntel, Shorts, Strapse, Lebensmittel – und Cannabispflanzen in pinkfarbenem Licht. Er wählt auch konsequent wenig schmeichelhafte Lichtverhältnisse für seine Modelle wie für sich selbst. Und mit Vorliebe lächerliche Posen. Da steht er selber im roten Anorak und mit Rollkoffer auf einen Stockhaufen hinter einem alten Gehöft. Wie zum Zeichen: Naturbursche statt Jetset. Absurdes mutet er auch Tieren zu, die ja aber wohl weniger eitel sind als Promis: Ein Esel schleppt einen Heuhaufen mit sich, so dass vorn bloß noch der Kopf rausguckt, wie aus einem Schneckenhaus.

Und auf einer Indienreise 2014 kam Teller in Kolkata gar eine Wildsau vor die Linse, die neben dem eigenen schwarzgrauen Frischling stoisch vier weiße Hausschweinferkel säugt. Trotz oder gerade wegen der Kuriosität und der Drastik seiner Bilder gibt es kaum einen bekannten Menschen, der nicht vor Tellers Kamera posieren würde, die deutsche Fußballnationalmannschaft eingeschlossen. Was für Waden. Den schönsten Körperteil Kim Kardashians lässt er auftreten als Star. Sie robbt bodenständig über einen Lehmhügel. Zumindest obenrum wärmt ein Pelzjäckchen.

Von Teller sagen Kritiker, was er mache, sei „derbe Fotografie in fränkischen Portionen“: schamlos, fragwürdig, komisch-ironisch inszeniert. Da lebt einer – abseits der klassischen Menschen-Fotografie der Altvorderen – ganz den offenen Kulturbegriff. Man weiß nicht, was Beuys dazu sagen würde. Aber Tellers innig-komisch-erzählerisches Interesse an Menschen, an Zusammenhängen mit dem Alltäglichen ist unübersehbar und der Vorwurf, seine Fotokunst sei sinnfrei, ist nachgerade humorlos. Tellers fotografischer Blick ist eben nicht pathetisch, mehr kurioser Natur.

Die Rampling und der Fuchs

Teller, geboren 1964 im mittelfränkischen Bubenreuth, Kind einer Geigenbauerfamilie, sollte eigentlich Bogenmacher werden, lebt seit 30 Jahren in London, bleibt da auch, trotz Brexit. Er hat deutsche und internationale Künstler porträtiert. Seine Serien erscheinen in Büchern, namhaften Zeitschriften. Er fotografierte für Musik-, Zeitgeist- und Modemagazine. 1991 porträtierte er die Band Nirvana mit Kurt Cobain.

Inzwischen setzt Teller sich mit seinem Heimatland – Politik, Gesellschaft, Natur – auseinander. Mit dem Blick des Deutschen eben, der im Ausland lebt. Was seine Kunst so eigen macht, ist wohl das: Seine Fotos idealisieren, beschönigen nichts. Der fränkische Wald, in dem die Familie Teller spazieren geht, sieht nicht gesund aus, so fahlgelb, wie der Fotograf die Szene belichtet.

Nie aber stellen Tellers Porträts bloß, sind nicht boshaft, lassen dafür Witziges, Kurioses zu. Umwerfend, wie Catherine Deneuve mit rotem Regenschirm durch ein Rapsfeld stampft oder die unnahbare Charlotte Rampling barfuß vor einer Garage auf einem Gartenstuhl sitzt, neben einem Abfalleimer, obenauf ihre derben, orthopädisch anmutenden Schuhe.

Die britische Schauspielerin hält lächelnd, den Kopf andächtig zur Seite gelegt, ein wildes Tier im Arm, einen Fuchs, aufgezogen von einem Tierpfleger. Dazu läuft ein Film. Die Diva auf Knien; sie und der Fuchs schlecken vom gleichen Teller. Welche Metapher für Schlauheit, Anpassung, Demut. Und Lebens-Balance. Eben typisch Juergen Teller.