Martin Keß-Roche.
Foto: Marina Weigl / Piper Verlag

Der Podcast „Paardiologie“ sollte eigentlich nur 15 Folgen haben, symbolisch für die 15 Jahre, in denen die Autorin Charlotte Roche und ihr Ehemann Martin Keß-Roche schon zusammen waren. Inzwischen sind es 40 Folgen geworden. Martin Keß-Roche hat ein begleitendes Buch veröffentlicht. Ein Gespräch mit dem Autor über Extremsituationen, Schamgefühle und moderne Paar-Kommunikation.

Herr Keß-Roche, nur eine Corona-Frage, versprochen. Wie lebt es sich in dieser neuartigen Welt, hat das irgendwelche Auswirkungen auf Ihre Beziehung?

Charlotte und ich haben über die Jahre hinweg eine gute Streitkultur entwickelt, sodass ich nicht denke, dass wir plötzlich zu anderen Menschen werden. Ich verbringe sehr gerne viel Zeit mit ihr, deswegen ist das alles kein Problem für mich. Anders ist es vielleicht bei Paaren, die noch nicht so lange zusammen sind. Die lassen die Masken fallen. Das führt vielleicht zu bösen Überraschungen.

Überrascht Sie denn gar nichts mehr an Charlotte?

Charlotte hat seit dem Podcast eine weiche Seite von sich gezeigt, die mich nicht nur überrascht, sondern auch gerührt hat. Weil sie ganz anders ist als diese krasse, mutige, radikale und schrille Seite, die alle sonst von ihr kennen. Wie Charlotte mit der Krise umgeht, das überrascht mich wiederum gar nicht. Sie ahnte schon im Januar, dass es schlimm werden würde und dass wir Masken und Konserven brauchen würden.


Zur Person

Martin Keß-Roche ist seit 13 Jahren mit der Autorin Charlotte Roche verheiratet. Martin Keß-Roche war Mitgründer des TV-Unternehmens Brainpool, heute ist er Mitbetreiber der Kölner Kaffeerösterei Van Dyck. Mit seiner Frau betreibt er den Podcast „Paardiologie“.

Das Buch „Paardiologie. Das Beziehungs-Buch“ ist im Piper-Verlag erschienen, kostet 18 Euro und versammelt Auszüge aus den ersten 15 Folgen des Podcasts. Dazu kommen Kommentare der Paartherapeutin Ursula Nuber.

Vor jeder Folge von „Paardiologie“ hört man Sprachnachrichten, die Sie sich gegenseitig schicken. Mal sind Sie genervt, mal brauchen Sie Hilfe voneinander. Wessen Idee war das?

Unser Spotify-Chef Daniel Nikolaou hatte von Anfang an diese Idee, weil er wusste, dass wir oft über WhatsApp reden. Das ist etwas, was alle kennen, egal welchen Messenger sie nutzen. Auf diese Weise zu kommunizieren ist ja wie eine SMS schreiben. Das ist so informell, da gibt es keine höfliche Ansprache, da ist es scheißegal, wie man klingt, man haut es einfach raus.

Ihre Gespräche sind sehr intim, obwohl wir als Hörer immer dabei sind. Können Sie das gut ausschalten?

Es gibt viele Momente, wo wir das komplett vergessen. Natürlich hauen wir beide auch mal was raus, aber in den emotionalen Teilen sind wir sehr nah bei uns. Dann spielt es gar keine Rolle, dass jemand zuhört.

Nun gibt es ein Buch von „Paardiologie“. Spricht das nicht gegen das originelle, digitale Format?

Charlotte, die ja deutlich jünger ist als ich, findet digitale und soziale Medien super. Sie würde am liebsten den ganzen Tag mit Facetime oder sonst was verbringen. Ich war bis vor Kurzem strikt dagegen und habe mich so langsam dran gewöhnen müssen, weil Charlotte mich einfach per Video anruft. Das Buch ist natürlich ein ganz anderes Medium. Der Verlag hat uns halt ein sehr gutes Konzept vorgelegt, also die Idee, dass sie alles neu in thematische Kapitel ordnen und diese mit dem Text einer Beziehungstherapeutin abrunden. Auch wenn man unseren Podcast nicht kennt, ist es eine andere Art, sich damit auseinanderzusetzen. Das emotionale aus der akustischen Version kann das Buch in eine intellektuellere Beschäftigung übertragen, weil der Satz bleibt ja da, den kann man sich fünfmal durchlesen oder auch anstreichen. Das ist eine ganz andere Ebene.

Gab es auch peinliche Momente für Sie beim Durchlesen einzelner Folgen?

Charlotte hatte großes Vertrauen in ihre Verlegerin, sie hat ihr gesagt, dass sie das einfach machen soll. Sie hat sich nur gefreut, dass es schön aussieht. Ich habe eher reingeguckt, weil ich dachte, dass ich das ja nicht einfach so rausgeben kann. Und natürlich ist mir dann Bestimmtes unangenehm oder schmerzhaft gewesen. Aber ich finde es falsch, diese Sachen zurückzuziehen, weil sie eh schon in der Welt sind. Das haben wir so gesagt, es waren Momentaufnahmen. Dann tue ich es lieber in mein eigenes Buch rein, als dass ein blödes Boulevardmedium eine hässliche Schlagzeile draus macht. Auch das kann ich nicht verhindern, aber hier habe ich mehr Kontrolle.

Sie sprechen im Podcast oft über Ihre christliche Sozialisation. Wie stehen Sie heute dazu?

Für mich waren Schuld und Scham immer große Themen. Dass man bestraft wird, wenn man sich zu weit aus dem Fenster lehnt. Dass man über bestimmte Themen nicht sprechen darf. Das sitzt sehr tief drin bei mir. Deswegen ist der Podcast auch eine Befreiung für mich gewesen. Ich habe gemerkt, dass nichts Schlimmes, nichts Negatives passiert, wenn ich frei über Dinge spreche. Es gibt keine Bestrafung. Das ist für mich persönlich der größte Nutzen dieses Podcasts.

Inzwischen gibt es fast dreimal so viele Folgen als ursprünglich geplant. Haben Sie ein persönliches Ziel? Vielleicht 100 Folgen?

Wenn Sie das so sagen, dann klingt das wirklich krass für mich. Folge 100, das ist wahnsinnig. Ich war ja von Anfang an der Bremser, der Skeptiker und fand schon 15 Folgen sehr ambitioniert. Folge 100 wäre ein super Moment, aufzuhören. Charlotte würde jetzt sagen: „Halt die Fresse, Martin, warum sollen wir bei 100 aufhören?“

Würden Sie sagen, dass der Podcast Sie auch in gewisser Weise zusammenhält?

Ich habe Charlotte schon mal gebeten, mir zu versprechen, dass wir uns einmal pro Woche treffen, um miteinander zu sprechen. Also mir bedeutet das sehr viel, und ich muss aufpassen, ich darf nicht denken, dass unsere Beziehung vorbei sein wird, nur weil der Podcast vorbei ist. Es darf nicht so was magisches oder Abergläubisches bekommen. Das ist Quatsch. Uns hat es schon vor dem Podcast lange gegeben und uns wird es auch ohne Podcast geben.