BerlinWenn Martin Kohlstedt Klavier spielt, legt er den Kopf nah an die Saiten – gerade so, dass er noch mit den Händen die Tasten greifen kann. Ob es die richtigen sind, weiß er in so einem Augenblick nicht. Nur, dass er sich wie ein Kind in Trance spielen muss. „Als ich klein war, habe ich oft stundenlang vor mich hingespielt“, erzählt er. „Das Gesicht relaxte, der Mund ging auf, die Spucke lief. Irgendwann saß ich da wie Graf Zahl. Ich konnte unmöglich darauf achten, dass ich gerade sitze, ich bin richtig reingesunken in die Tastatur.“

Wir treffen den 32-jährigen Musiker und Komponisten bei seiner Plattenfirma Warner in Berlin. Für sein neues Album „Flur“ ist er aus seiner Heimatstadt Weimar angereist. Einen Zwischenstopp hatte er in Leipzig eingelegt, wo er 2012 die Plattenfirma „Edition Kohlstedt“ gründete. Kohlstedt schreibt und produziert Hörspiele und Filmmusik (u. a. für den Dokumentarfilm „Uferfrauen“ über lesbisches Leben und Lieben in der DDR). Vor allem ist er aber für sein grenzgängerisches Verhältnis zur Klassik bekannt. Der Pianist liebt es, seine frei gespielten Klaviertöne mit Geräuschen, Elektronik oder Gesang zu vermischen. Nicht ungewöhnlich, wenn man an Musiker wie Tim Hecker, Luke Howard und andere Avantgardisten denkt, die sich zwischen Minimal, Ambient und Klassik bewegen. Doch schafft es Kohlstedt mit seinen Klavierkompositionen und seinem eindrücklichen Auftreten sowohl in die Hamburger Elbphilharmonie als auch auf das Fusion Festival in Mecklenburg-Vorpommern. 

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