Wenn es nach der Anzahl der Blurbs ginge, also der wohlmeinenden Sprüche und Zeilen, die einem neuen Buch von Freunden und Kollegen des Autors gespendet werden, damit dessen Verlag damit werben kann, müsste „Alle sind so ernst geworden“ geradezu unübertrefflich sein. Fünf, sechs Dutzend Autorinnen, Musiker, Comedians, Schauspielerinnen und andere Influencer von Klaas Heufer-Umlauf und Tokio Hotel über Thomas Gottschalk bis Hazel Brugger haben in kleinen Internetvideos ihre Vorfreude auf das Buch kundgetan. Auf dem Umschlag gibt es weitere Stimmen von Koryphäen des Wortes wie Sibylle Berg und Christian Kracht.

Das erzeugt natürlich eine gewisse Fallhöhe. Aber das ganze Promi-Bohei um dieses Gemeinschaftswerk der beiden Erfolgsautoren Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre ist ohnehin nicht so ernst gemeint, wie laut Buchtitel „alle“ geworden sind.

Diesem Ernst haben Stuckrad-Barre und Suter sich entgegengestemmt, seitdem sie einander in farbenfrohen Badehosen am Pool des Luxusresorts Heiligendamm begegneten. Und zwar mit Gesprächen, die man sich etwa folgendermaßen vorstellen muss: „Stuckrad-Barre: Wir haben unseren Familien eben gesagt: ,Wir gehen jetzt arbeiten.‘ Das zeitigte eine Mischung aus Erleichterung und Mürrischsein. – Suter: Und welches von beiden war gespielt, welches war echt? – Stuckrad-Barre: Dass wir arbeiten. – Suter: Ja gut, du weißt, für einen Schweizer ist Reden auch Arbeit, weil er ja laufend übersetzen muss aus einem gutturalen Dialekt ins perfekte Hochdeutsch. Wir müssen immer nachdenken, was wir sagen. Das müsst ihr nicht. Ihr könnt einfach reden.“

In diesem Arrangement agiert Stuckrad-Barre (45), das notorische Nervenbündel der deutschen Pop-Literatur, als welpenhaft eifriger Bewunderer, der verspielt um den derzeit erfolgreichsten Autor der Schweiz herumhopst. Suter (72) hingegen beschränkt sich zumeist darauf, jene bedachtsam-überlegene Distanziertheit zu zelebrieren, die wir Deutsche an unseren südwestlichen Nachbarn so wahnsinnig schätzen. Der Jüngere kokettiert mit der Rolle dessen, der all das nicht hat, worüber der Ältere zu verfügen scheint: eine liebenswerte Familie, einen gepflegten Alltag, die Geneigtheit seiner Landsleute, Geld, Häuser und Hotelsuiten in schönen Weltgegenden.

In zehn der 16 Kapitel eröffnet Stuckrad-Barre das Gespräch, um sogleich die Sorte ungeheuer schneller Einfälle zu entwickeln, die seine Bücher so unterhaltsam und seine öffentlichen Auftritte oft schwer erträglich machen. Suter seinerseits bricht die Extempores seines Gegenübers mit prononcierter Nüchternheit und geordnet vorgetragenen Anekdoten.

„Konzeptionsloses Gelaber“ nennt Martin Suter im letzten Kapitel des Buchs das gemeinsame Tun, woraufhin Benjamin von Stuckrad-Barre sich, selbstredend selbstironisch, etwas enttäuscht zeigt. Verständlich, wenn man bedenkt, dass es an dieser Stelle um die Grundlage ihrer Freundschaft geht. Aber gerade das Konzeptionslose und Laberige dieses Gesprächsbüchleins zaubert der Leserin immer mal wieder ein Lächeln ins Gesicht oder gar ein Glucksen in die Kehle. Ein wenig scheint es, als seien die beiden so unterschiedlichen Autoren angetreten zu beweisen, dass „konzeptionsloses Gelaber“ wie manch andere Errungenschaft unserer Epoche des Pop kein Alter kennt.

Und so sprechen sie mehr oder weniger komisch über die unterschiedlichsten Dinge, die ihnen nach dem Prinzip der Serendipity, des Glücksfundes also, in den Sinn kommen. Das ist zuweilen blühender Blödsinn, zuweilen ist es auch gar nicht lustig und lässt zum Beispiel ahnen, wie doof und arm das Leben wird, wenn man mit Drogen nicht nur experimentiert, so wie Suter in jüngeren Jahren, sondern von ihnen abhängig wird, wie es Stuckrad-Barre passiert ist.

Und zuweilen blitzt auf, wo solch konzeptionsloses Gelaber entspringt und wohin es führen kann, wenn’s gut läuft: „Stuckrad-Barre: Du hast schon recht, dieses konzeptionslose Gelaber hat was extrem Schönes an sich. – Suter: Ich genieße es auch. - Stuckrad-Barre: Absichtslosigkeit. Dieses antiehrgeizige Reden unter Freunden, das empfinde ich als wahnsinnig angenehm. – Suter: Angenehm habe ich sowieso am liebsten.“ Manchmal, aber nur manchmal will man mitten im Ernst des Lebens ja gar nicht mehr als solche Momente des Komischen.

Martin Suter, Benjamin von Stuckrad-Barre: Alle sind so ernst geworden. Diogenes Verlag, Zürich 2020. 258 Seiten, 22 Euro.