Illustration: Martin Z. Schröder

BerlinIngrimm – das klingt besser als Wut, beschreibt auch etwas präziser die Verlaufsrichtung der meisten Wüte, die leiblich und seelisch einwärts und nur zum kleinen Teil giftig-bissig nach außen gerichtet sind. Und es erinnert an den Sagenwolf Isegrimm, der wir eigentlich nicht sein wollen, weil dieser trotz seiner Kraft von Reineke Fuchs immer wieder hereingelegt wird.

Mein Ingrimm schwillt, wenn ich etwa an einem Backshop anstehe, wegen der Verrichtungen an der Kaffeemaschine für Publikum, das auf der Straße während des Gehens und so weiter ... Das Maulen über diese Gewohnheit, Umständliches sofort herstellen zu wollen, ist jüngst bei der Unesco in einer Bildschirmkonferenz, in die ich irrig durch tastenabgleitbedingte Websiteadressfehleingabe hineingeloggt wurde, zum Weltkulturerbe erhoben worden, weil man nachweisen konnte, dass schon in Pompeji an den Imbissständen ein solcher Ingrimm entstand über die immer komplizierter gewordenen Mitnehmmahlzeiten, deren Zurichtungsdauer zu überlangen Warteschlangen trotz ungehaltener Hygieneabstände wie gerade in Berlin führte, wodurch außergewöhnlich ingrimmig-erregt sich ein pomopejianischer Imbisskunde in eine Höhle vor der Stadt zurückzog, um mittels Ingrimmsstau zu platzen, womit er die Stadt in Schutt und Asche legte, was kurz darauf von einer Verschwörung überlebt habender Imbissbudenbesitzer aus Furcht vor dem Zorn der Mitüberlebthabenden einem Vulkanausbruch zugeschrieben wurde.

Sich dieser historischen Abläufe zu erinnern, mindert meinen Ingrimm brutal, weil ich Berlin keineswegs durch mein Platzen in Schutt und Asche legen möchte (Einzelbauten durchaus, eigentlich), denn mir selbst würde im geplatzten Zustand das Philosophieren mit meinem Patenkind abgehen. Zwischen uns klafft ein durchaus erkennbarer Altersabstand, was mich im Kindergarten schmunzeln ließ, wo ich einmal als zur Abholung erschienener Opa ausgerufen worden war und dachte: Womöglich verdrösse diese Zuschreibung einige jener Papas, die meine sehr großen Brüder sein könnten.

Kein Mensch könne, verlautbarte der Fünfjährige, so alt wie ein Kreis werden. In unseren wissenschaftlichen Gesprächen wird mir vor Augen geführt, wie wir aus unserer Umgebung als wir selbst erwachsen. Wie wir als Kinder nach später nicht mehr nachvollziehbaren Gesichtspunkten irgend etwas aufgreifen, das uns gerade umschwirrt, und wie wir versuchen, uns daraus einen Plan der Welt zu schaffen, in dem wir uns zurechtfinden.

Vorausgegangen war dieser Kinderweisheit von der Zeitdimension des Kreises vielleicht eine Fernsehsendung mit Bildungsprogramm. „Checker Tobi“ sehe ich auch gern zu, vor allem wegen seiner sonnenscheinhaft zähnebleckenden Zuvorkommenheit gegenüber Leuten, die ihren Beruf nicht so gut erklären können. Womöglich erwähnte er die Unendlichkeit der Zeit und hat mein Patenkind vom großen Bruder etwas über den endlosen Strich im Kreis gehört und in Beziehung gesetzt zur Endlichkeit des Lebens. Wenn man nun durch diese Raum-Zeit-Darstellung erkennen muss, dass man nie so alt werden wird wie ein Kreis, man also sein Ende gewiss finden wird, soll man dann noch ingrimmig werden über Kleinigkeiten wie die zeitstehlende Heißgetränk-to-go-Sitte? Jetzt erst recht!