Illustration: Martin Z. Schröder

BerlinIn Österreich ist der Babyelefant in aller Munde – nein, bitte, durchaus im übertragenen Sinne! –, weil eine Werbeagentur ihn als Maßstab zu dem Zwecke herangezogen hat, die zwischenmenschliche Antiinfektionsdistanz zu imaginieren. Ist doch der Österreichische Elefant, anders als der in unseren Tierparks weilende Asiatische und der Afrikanische, in der Alpenrepublik ein verbreitetes Haus- und Nutztier. 

Im Sommer erweist sich das für seine hellen Trompetenstöße berühmte Tiroler Grauvieh noch auf der kleinsten Alm als Rasenkürzer und Touristenmagnet. Im Winter macht sich schon der junge Elefant nicht nur als Schneebläser, sondern auch als Teetisch nützlich, der zudem mit dem Rüssel Sahne und Zucker reichen kann. Darum kennt jeder Österreicher die Maße seines vielseitigen Hausgenossen und kann den verordneten Abstand nach dem eigenen Babyelefanten einregeln.

So leicht ist es bei uns nicht mit Haustieren, denn die Sitten der Tierhaltung unterscheiden sich regional. Das Ohr am Herzen der Bevölkerung, werden ab sofort, ja unverzüglich für alle staatlichen Distanzangaben hierzulande unterschiedliche Babytiere verwendet, um die Maßregelakzeptanz durch Niedlichkeit zu befördern.

Während man in Hamburg vom Babywal spricht und in München zwei Babybrillenkaimane als Richtschnur nutzt, so halten wir in Berlin-Pankow uns an die Babygroßstadtratte, müssen allerdings erinnerungshalber gelegentlich unsere persönliche Rattengroßfamilie bitten, ihre diversen Jüngsten in Reihe auszulegen auf einer Gesamtstrecke von hundertfuffzich Zentimetern – weil die Deutschen exakt anderthalbmal höher gewachsen sind als die mit dem bloßen Meter für den Abstand auskommenden Österreicher und feuchtere Aussprache als jene anwenden, namentlich im spitzzüngigen Norden, sodass die größeren Aerosolwolken des Atems länger für die Bodenlandung benötigen.

Ich plädiere aber für einen Paradigmenwechsel vom Baby zum Rentner, den es freute, gesellschaftliche Relevanz wahrnehmen zu dürfen. Ginge beispielsweise ein pensionierter Berliner Polizeirottweiler mit vorgehaltenem Arm und rückgestrecktem Bein in Standwaage, käme man mit nur einem Tier auf die Länge von anderthalb Metern und könnte die in einer Stressspirale gefangenen Rattenfamilien entlasten.

Die Fokussierung auf Babys führt auch zu unsauberen Messergebnissen mit schwerwiegenden Folgen an manchen Regionengrenzen, wenn etwa die Brandenburger Babywölfe und die Berlin-Dahlemer Babywildschweine zur selben Zeit am selben Ort zur Längenmessung antreten und die wilden Pubertätswölfe dem Babyspeck der Ferkel Attraktivität abgewinnen und zum Komplimentemachen die Landesgrenze übertreten. Wenn hier unversehens Schweinchen fehlen, ist es Essig mit dem Distanzmaß, sofort geht unter den orientierungslosen Menschen das Schnäbeln wieder los.

Ich möchte noch andere Stellschrauben drehen, gar kritisch nachbohren: Können sich auch die Deutschen ohne ihre Tierbabys keine kleine Distanz vorstellen? Wenn wir den Österreichern schon beim Kochen und Klettern das Wasser nicht zu reichen vermögen, dann vielleicht bei der Längenmessung mit dem eigenen Leib? Zwei meiner eigenen Beine beispielsweise ergeben hintereinandergelegt anderthalb Meter. So einfach ist das.