Massimo Carlotto, einer der umstrittensten politischen Gefangenen aus der radikalen Linken Italiens, hat seit seiner Begnadigung zahlreiche Politthriller und eine zehnteilige Serie um einen umtriebigen Privatdetektiv geschrieben und nun mit „Die Frau am Dienstag“ einen aberwitzigen Kolportageroman vorgelegt, in dem sich die Ereignisse genauso wie die Leichen von Seite zu Seite höher türmen. Der alternde Pornodarsteller Bonamente bekommt dienstags Besuch von Alfonsina, die mit einem Rechtsanwalt zusammenlebt, der seine Familie verlassen hat. Bonamente wohnt in der Pension Lisbona, die von einem klugen alten Transvestiten betrieben wird. Alle haben sie mehr als Dreck am Stecken und die verrücktesten Leben gelebt, und Carlotto dreht genüsslich an der Spirale von Schnüffelei und Mord. Je irrer die Winkelzüge werden, desto klarer wird jedoch sein Kommentar zu einer Gesellschaft, die unter der Oberfläche eines bürgerlich-katholischen Rechtsstaats von einem flexiblen Netz aus Korruption und Heuchelei, aber auch einer Alternativwelt der Eigentlichkeit – echte Liebe, guter Sex, wahre Partnerschaft – beherrscht wird. In ihrer bitteren Sozialkritik sind die italienischen Krimis – von Carlotto, Giancarlo de Cataldo oder Carlo Lucarelli – derzeit unübertroffen.

Ganz anders der Australier Garry Disher, 71, ein kurioses Phänomen der zeitgenössischen Kriminalliteratur: Sein weltweites Renommee nimmt ständig zu, während seine Geschichten immer ereignisärmer werden, gleichzeitig jedoch an Intensität und Gehalt gewinnen. In seinem Roman „Hope Hill Drive“ – dem zweiten aus der neuen Reihe um den kleinen Landpolizisten Paul Hirschhausen – geht es lange Zeit um Dorfklatsch, herumlümmelnde Jugendliche, umtriebige Nachbarn und ihre Weihnachtsvorbereitungen, bis eines Nachts im Pferch einer Züchterin mehrere Pferde abgestochen werden. Dann wird geschossen, die Geschichte kommt doch in Fahrt und Hirsch ordentlich unter Druck. Der Originaltitel „Peace“ allerdings zeigt deutlich, worum es geht: Das friedliche Zusammenleben in all seiner verschrobenen Vielfalt ist oberstes Ziel aller Bemühungen, auch wenn man sich nur schwer darüber verständigen kann, wer die wahren Störenfriede sind. Woran wir mitteleuropäische Leser uns jedoch nur schwer gewöhnen können, ist die ständige Hitze zu Weihnachten.

Massimo Carlotto: Die Frau am Dienstag. Roman. Deutsch von Ingrid Ickler. Folio Verlag, Bozen 2020. 216 S., 22 Euro.

Garry Disher: Hope Hill Drive. Kriminalroman. Deutsch von Peter Torberg. Unionsverlag Zürich 2020. 338 S., 22 Euro.