Berliner Ensemble: Corinna Kirchhoff als Frau Helene Alving und Veit Schubert als Pastor Manders in Ibsens „Gespenster“.
Foto: Imago Images/Martin Müller

BerlinEs ächzt und quietscht im Gebälk. Drei Kulissenblöcke mit düster tapezierten Flur- und Zimmerfluchten darauf holpern und stocken, während diskrete Helferhände sie immer wieder mühsam verschieben. Und trotzdem – selten haben Materialträgheit und Regieehrgeiz so gut zusammen gepasst, wie an diesem überraschend stringenten, gespenstisch schönen „Gespenster“-Abend im Berliner Ensemble.

Man muss schon länger kramen im Gedächtnis, um auf eine ähnlich radikale, formstarke Inszenierung zu kommen, die wie Mateja Kolezniks Ibsen-Klassiker nun so nah am Text bleibt und die Zuschaueraugen doch zugleich in eine Suchbewegung schickt, die alles immer ganz und gar befremdlich hält. Was passiert hier? Worauf blicken wir?

Erst einmal nur auf das, womit man Ibsens Familiendrama über die Alvings, die an den Verdrängungen ihrer Vergangenheit zu ersticken drohen, ganz nah an der theaterhistorischen Mottenkiste hält. Die herrschaftliche Salonschönheit des 19. Jahrhunderts schimmert blass von den Wänden und die Damen sind in hoch geschlossene, schwarze Korsettkleider geknüpft mit grotesk aufgebäumten Tournüren am Gesäß. Doch dann spielen die fünf Figuren eben nicht einfach nur ihr Drama um die überlebten Moralvorstellungen des Pastors und den untoten Geist des toten Haustyrannen Alving, dessen Hurereien in der Gehirnkrankheit des Sohnes wieder auferstehen. Mateja Koleznik und ihre kongenialen Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Leonie Wolf splittern den Raum nahezu kubistisch auf und lassen unsere Blicke selbst wie lauernde, lauschende Gespenster aus der Zukunft in die Szenerie eindringen.

Koleznik macht mit kunstvoll kalten Perspektivverschiebungen die gespenstische, Leben aussaugende Seite des Sprechens greifbar. Wenn Frau Alving, Pastor Manders und Oswald über das lockere Künstlerleben in Paris streiten, dann sieht man die stoisch verhärmte Corinna Kirchhoff nur in Rückenansicht im Türrahmen stehen, immer gestützt auf irgendetwas, während der unruhige Paul Zichner als Oswald und Veit Schuberts trockener Pastor ganz hinter der Wand verschwinden. Zwischendurch tauchen Zichner und Schubert durch andere Türen auf, sprechen dann aber so direkt zu eben diesen Türen, als stünde die Alving genau dort.

Faszinierend, wie hier alles in Filmschnitten gedacht und doch nichts filmisch ist. Vielmehr feiert dieser Abend in seiner räumlichen Gleichzeitigkeit konträrer Sichten das Theater auf unheimliche Weise neu. Ein nüchternes, scharfes, zugiges Schwellentheater, in dem man die Granden der Schauspielerei Corinna Kirchhoff, Judith Engel, Wolfgang Michael und Veit Schubert kaum wiedererkennt. Zum Besten.

„Gespenster“. 9. & 10., 23. & 24.10., 19.30 Uhr; 11. & 25.10., 18 Uhr, Berliner Ensemble, Tel.: 28 40 81 55