Im Bücherregal gibt es viele Verstecke.
Foto: imago images/Lutz Wallroth

BerlinAngefangen hatte es damit, dass es mir nicht gelang, meine Leidenschaft für Lakritze in verträgliche Bahnen zu lenken. Es half nicht, die wunderbare Auswahltüte, die ich zum Geburtstag bekommen hatte, nach jedem Genuss eines Teilchens wieder zu verschließen. Schneller, als ich darüber nachdenken konnte, war ich wieder an der Packung, knüpperte den Verschluss auf und warf mir etwas kleines Schwarzes in den Mund. Es half nicht, die Tüte in ein anderes Zimmer zu räumen. Wenigstens verbrannte ich eine Kilokalorie auf dem Weg durch die Wohnung, um mir dann wieder Dutzende salzig oder süß umhüllte Teile zuzuführen.

Dann aber versteckte ich die Tüte – und zwar erstaunlich gut. Als sie nach Monaten zufällig zwischen den Reiseführern auftauchte, hatte die Lakritze leider deutlich an Geschmack eingebüßt.

Jeder verlegt mal etwas, muss Schlüssel, Handy, Brille, Portemonnaie für ein paar Minuten suchen. Manchmal hilft es, den lieben Gott anzurufen. Auch ein ordentlicher Fluch schärft die Augen. Ein bisschen naturwissenschaftliche Bildung beruhigt die Nerven, etwa der Energieerhaltungssatz.

Neulich abends las ich noch in einem Buch, das ich am übernächsten Tag brauchen würde, und machte mir Notizen dazu. Plötzlich war es weg.

Nun war’s schon recht spät, und ich wollte es als Zeichen nehmen. Am Morgen allerdings war das Buch auch nicht zu finden. Einige Stunden verbrachte ich mit Suchen und Putzen, unterm Sofa zum Beispiel. In einem von der Familie unbeobachteten Moment schaute ich im Kühlschrank nach. Martin Suter lässt im Roman „Small World“ seinen Helden das Portemonnaie zwischen Butter und Joghurt ablegen. Das gehört bei ihm zu den ersten Anzeichen einer Alzheimer-Erkrankung.

Nicht nur Lakritze verstecke ich in den Bücherregalen, schon früh lagerte ich Überraschungen für die Kinder hinter russischen Autoren, ausgedruckte Fotos belästigen nicht den Schreibtisch, sondern haben ihren festen Platz bei der angloamerikanischen Literatur, der Zollstock liegt im Sachbuchregal. Hans Joachim Schädlichs „Die Villa“ suchte ich natürlich zuerst bei dem Autor selbst. Der Roman „Vorbei“ sieht vom Rücken her ähnlich aus, aber in seiner Färbung blieb dieses Buch einzig. Die anderen, von „Tallhover“ bis zu „Kokoschkins Reise“, signalisierten schon bei oberflächlicher Betrachtung, dass sie aus einer anderen Schaffensphase rührten. Übrigens stand „Die Villa“ auch nicht bei den Reiseführern.

Ich hatte das Buch längst gelesen. Der gute Eindruck von Schädlichs Art, über eine Familie in der Zeit des Nationalsozialismus zu erzählen, indem er Alltag zeigt und die Verbrechen im Hintergrund mitlaufen lässt, war in meinem Kopf verankert, doch ich wollte nach meinen Anmerkungen schauen. Die Gelegenheit ergab sich knapp 24 Stunden nach dem Verlust des Buches. Materie verschwindet nicht, wollte ich triumphierend sagen, dachte aber daran, dass die über Monate abwesende Lakritze inzwischen in meinem Stoffwechsel versickert war.

An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen mitfühlenden Familienmitgliedern bedanken. Niemand hat die Frage ausgesprochen, die längst im Raum stand: Müssen wir uns Sorgen machen? Glücklicherweise lag das Buch nicht im Kühlschrank. Es hatte sich auf meinem abendlichen Weg durch die Wohnung im Kleiderschrank niedergelassen. Erst als der Tag um war, öffnete ich den wieder.

Inzwischen habe ich Michael Köhlmeiers Roman „Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“ aussortiert, passt nicht zu mir. Doch jeden Abend lese ich in Judith Schalanskys Buch „Verzeichnis einiger Verluste“. Das tröstet.