Schon alle Weihnachtseinkäufe erledigt? Dann ist vielleicht noch ein wenig Zeit, um sich auf ein paar Entdeckungen einzulassen. Wir haben unsere Redakteure gefragt, wie sie sich am liebsten ihre Zeit vertreiben, im dunklen Dezembermonat der Pandemie.

Streaming

Homeschooling in den Weihnachtsferien ist nichts, was jemand freiwillig täte, doch wenn es schon sein muss, dann wenigstens mit Lehrer Schmidt. Auf YouTube. Lehrer Schmidt ist eine Hand mit Stift, die auf ein kariertes Blatt Papier Gleichungen malt und von Rechenarten erzählt, die so abgefahren sein können wie „Altes Multiplizieren“. Steht in keinem Mathebuch mehr, berichtet Lehrer Schmidt aus dem Off und schreibt und streicht und sagt manchmal: „Klingt kompliziert, ist es aber nicht.“ Oder: „Sieht erst mal komisch aus, aber ihr werdet merken, wir werden immer schneller.“ Stimmt. (Christian Schwager)

Kann sich jemand noch an Dominique Strauss-Kahn erinnern, den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds, der Frankreichs Präsident werden wollte, aber dann verhaftet wurde, weil er eine Putzkraft sexuell missbraucht haben soll? Die Netflix-Dokumentation „Zimmer 2806 – Die Anschuldigung“ rollt den Fall wieder auf und zeigt, wie es DSK gelungen ist, freigesprochen zu werden. Absoluter Wahnsinn und bester True-Crime-Fernsehjournalismus, den man sich nur vorstellen kann. ARD, mach das bitte nach! (Tomasz Kurianowicz)

Allein wegen Oma Hilde, die leider nur kurze, zu wenige Auftritte hat, lohnt sich die Serie „ÜberWeihnachten“. Carmen-Maja Antoni spielt in der Netflix-Miniserie so herrlich herzlich-patzig, dass man sie am liebsten zum eigenen Weihnachtsfest einladen möchte. Ansonsten geht es in dem Dreiteiler mit Sänger und Moderator Luke Mockridge um Weihnachten in einer deutschen Familie in der Eifel. Es gibt was zum Lachen, zum Weinen und viele Déjà-vu-Momente. Und am Ende, Achtung Spoiler, sind alle glücklich. Ideal, um nebenher den Baum zu schmücken. ÜberWeihnachten, Netflix 2020 (Tobias Miller)

Bücher

Für Neuköllner ist dieses Buch Pflichtlektüre. Und für alle anderen, die sich dafür interessieren, was in ihrer Stadt, in ihrem Land los ist, auch. Eva Ruth Wemme, eigentlich Übersetzerin für Literatur aus dem Rumänischen, hat seit 2011 rumänische Migrantinnen und Migranten in Berlin als Dolmetscherin und Beraterin begleitet. Menschen, die in den sogenannten Roma-Häusern in Neukölln leben. Sie nimmt einen in ihrem Buch „Meine 7000 Nachbarn“ (Verbrecher 240 Seiten, 14 Euro) mit in diese Welt, die einerseits bedrückend von Armut,  Arbeits- und Wohnungslosigkeit geprägt ist, von Vorurteilen. Aber auch von großer Herzlichkeit, Fantasie und Wärme. (Susanne Lenz)

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Migranten und Ostdeutschen? Hört die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft beiden Gruppen nicht richtig zu? Diese und andere Fragen behandeln die Autorin Jana Hensel und die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan in ihrem neuen Interview-Buch „Die Gesellschaft der Anderen“ (Aufbau Verlag, 356 Seiten, 22 Euro). Sie werfen einen anderen Blick auf 30 Jahre deutsch-deutsche Geschichte und zeigen, worin die Ähnlichkeiten zwischen marginalisierten Gruppen bestehen. Eine verblüffende Lektüre. (Tomasz Kurianowicz)

DVD

Es gibt eine Heimat, wenn man sich unsicher fühlt. Es gibt „Downton Abbey“, wo sich zwar im Laufe von sechs Staffeln vieles ändert, wo aber das Gute und das Vernünftige immer eine Chance bekommen. Und die Liebe auch. Die britische Serie spielt im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, anfangs erscheint auf dem riesigen Anwesen des Grafen und der Gräfin von Grantham sogar die Elektrizität noch als Zumutung, doch auch der britische Adel weiß mit der Zeit zu gehen. Berückend sind die Geschichten von denen da oben und denen da unten (also dem Dienstpersonal), vor allem in ihren Verflechtungen, als Ohrenweide erklingen die spitzen Dialoge der alten Countess Violet (Maggie Smith) und ihrer Gegenspielerinnen und Gegenspieler. Die Serie ist nicht mehr neu, deshalb stellt sich schnell das Zuhausegefühl beim Schauen ein. Zugänglich in sechs DVD-Boxen (je rund 10 Euro) oder als Stream bei Amazon Prime. (Cornelia Geißler)

Spiele

Eine kleine Warnung vorab: „Zug um Zug“ macht wirklich viel Spaß, bei ehrgeizigen Menschen kann die Stimmung am Brettspieletisch aber auch kippen. Wenn immer die anderen die langen, punkteträchtigen Eisenbahnstrecken von Palermo bis nach Edinburgh bauen, man selbst es jedoch nicht mal von Brüssel nach Berlin schafft, dann wirds irgendwann fies. Doch es überwiegt der Spaßfaktor, zielt das vom Briten Alan R. Moon entwickelte Spiel (Days of Wonder, je nach Version rund 30 Euro) doch direkt auf sämtliche Sammel-, Bau- und Abenteuertriebe ab. Ob in der Europaversion oder der Weltreise-Edition: Ziel ist es stets, zwei Orte miteinander zu verbinden und am Ende ein möglichst weitspannendes Eisenbahnnetz aus kleinen Kunststoffwaggons zu schaffen. Die Schwierigkeit: Wenn ein anderer Mitspieler zuerst Strecken bebaut, kann man diese nicht mehr nutzen und muss teure Umwege in Kauf nehmen. Am Ende kann vielleicht die Zielkarte nicht mehr erfüllt werden? So ein Ärger! (Anne Vorbringer)

Musik

Für Weihnachtsmusikhasser sieht es bis jetzt gut aus: Große Shopping-Touren, bei denen man mit „Last Christmas“ beschallt wird, sind nur bedingt möglich – Weihnachtsmarktbesuche ebenso. Jetzt ist also die Zeit, sich seinen eigenen Soundtrack zu gönnen und dafür könnten die zwei neuen Alben von Autechre nicht besser sein: Das britische Techno-Duo hat mit „Plus“ und „Sign“ zwei IDM-Werke veröffentlicht, die so unrhythmisch und unförmig sind, dass es die Tante als Krach bezeichnen würde. Sie spielen damit aber wunderbar die Gegenwart wider, wie sie aktuell ist: unplanbar, chaotisch, wirr, einsam – auf eine Art aber auch spannend, herausfordernd, kreativ. Autechre: „Plus“ und „Sign“ (Warp Records) je 24,99 Euro. (Nadja Dilger)

Podcasts

Die Literatur muss dem digitalen Wandel trotzen. Umso schöner, dass es neue Formate gibt, in die sie ihren Weg findet. Der Literaturpodcast wäre eines davon. Besonders gelungen: der Podcast „laxbrunch“ des Schriftstellers Anselm Neft und der Literaturfanatikerin Nefeli Kavouras (bei allen einschlägigen Anbietern zu finden). Das ungleiche Paar spricht über alles, was es bewegt und natürlich vor allem über Bücher: von Edgar Allan Poe bis Sally Rooney. Erfrischend, neu, kontrovers. (Tomasz Kurianowicz)