Das elektronische Duo Matmos experimentiert seit 25 Jahren.
Foto: Thrill Jockey

Seit 25 Jahren experimentieren Matmos mit elektronischer Produktion. Drew Daniel und M.C. Schmidt, die künstlerischen und Lebenspartner hinter dem Projekt, haben in dieser Zeit zwölf Alben produziert, in denen sie hoch abstrakte Sounds in konkrete, oft beatlastige Musik wandelten. Nicht alle Experimente gelangen, aber Matmos fragten stets interessant, überraschend und ehrgeizig. So auch auf diesem ziemlich maßlosen Album. Für die drei Stunden von „The Consuming Flame: Open Exercises in Group Form“ haben sie 99 Künstler der verschiedensten ästhetischen Orientierungen um Beiträge gebeten, die sie dann wiederum zerlegt, neu sortiert und in Fluss gebracht haben. Nur aus Gründen der Zugänglichkeit, das betonen sie, haben sie das Ganze in 44 Tracks zwischen einer und 13 Minuten unterteilt, aber man möge am besten alles am Stück hören.

In der Tat kommt man mit den Fragmenten nicht weit. Aber im Ganzen erschließt sich das Album unabhängig von der Hörsituation, nebenher oder konzentriert unterm Kopfhörer. So disparat die Einzelteile für sich wirken, so leicht, charmant und stimmig fließen sie durch die Zeit, wo die Sounds durchrauschen, als spiele jemand mit den Frequenzen eines analogen Radios. Das liegt wiederum nicht zuletzt am Kunstgriff der einzigen Vorgabe: Alle Beiträge mussten auf 99 bpm getaktet sein.

Matmos: Stimmen, Stimmungen und Sounds werden zu einem vielfältigen Diskurs

Von Beginn setzten sie auf die Fallhöhe zur Erwartung der Hörer. Schon 2001 sampelten sie auf „A Chance to Cut Is a Chance to Cure“ Geräusche aus der Schönheitschirurgie zu weich federnden Electrotracks; zuletzt diente ihnen 2019 auf „Plastic Anniversary“ Segen und Fluch der Kunststoffe als Basis für schick zerbrochene Beats.

Das Schöne an „The Consuming Flame: Open Exercises in Group Form“ ist nun, wie über den gemeinsamen Puls die vielen verschiedenen Stimmen, Stimmungen und Sounds zu einem vielfältigen, nicht immer einverstandenen, aber stets gesprächsfähigen Diskurs werden. Dies immerhin, obwohl die Beiträge unter anderem von Indierockern wie Yo La Tengo und Digitalpunks wie Giant Swan stammen, von Grunz-Grindcorlern wie Pig Destroyer und neumusikalischen Experimentalistinnen wie Kate Soper. Dazu hat Schmidt Studenten seiner Seminare am mittlerweile geschlossenen San Fracisco Art Insitute geholt, dem das Album auch gewidmet ist.

Wenn man will, kann man sich den Spaß gönnen, den jeweiligen Klangmotiven nachzuspüren, die sich zu Minimalismus und Rauschen, Krautrockimpro oder Klackerbeats, Krach und Stille fügen. Aber es geht hier ganz allein um den Flow der Bastelarbeit. 

Matmos – „The Consuming Flame: Open Exercises in Group Form“ (Thrill Jockey/Indigo) ist digital erschienen, physisch ist das Werk ab 11. September erhältlich