Matt Berninger, der Sänger von The National.
Foto: Roland Owsnitzki

Matt Berninger hat lange gebraucht, um dieses erste Solo-Album auf den Weg zu bringen. 20 Jahre, in denen er mit The National einen komplexen und raffinierten Indie-Rock entworfen hat, der 2018 sogar in Grammyhöhen aufstieg – ein Lohn eher der Beharrlichkeit als des großen Wurfes. Die Band um Berninger besteht aus den Brüderpaaren Bryan und Scott Devendorf sowie den Zwillingen Aaron und Bryce Dessner, den musikalischen Direktoren. Berninger prägt den Sound der Band mit einem schmeichelnden, sacht versnobten Bariton und Texten, die mit literarischem Geschick Beziehungsfragen erörtern, bevorzugt auf dem schmalen Grat zwischen Genervtheit und Selbsterniedrigung.

Daher erkennt man den Tonfall der Band natürlich auch hier, obwohl von The National nur Bassist Scott Devendorf dabei ist, mit dem Berninger seit seinen Unizeiten in Ohio zusammenspielt. Seinen solistischen Anspruch beschreibt Berninger so: „Ich wollte sehen, ob ich auch etwas allein hinbekommen würde, und daher habe ich 20 der brilliantesten Musiker und coolsten Menschen, die ich kenne, zusammengetrommelt“.

Der Coolste von ihnen ist Produzent und Organist Booker T. Jones, der in den Sechzigern mit seiner Band The MGs zur Soullegende wurde, die gleichsam als Gegenstück zu Motowns Funk Brothers den Southern Soul des Stax-Labels prägte. Die Verbindung mag auf den ersten Blick nicht so naheliegend erscheinen, aber Berninger hat schon vor gut zehn Jahren auf Jones‘ Alterwerk „Road to Memphis“ als Sänger mitgewirkt. Zudem hatte Berninger als Solodebüt zunächst ein Coveralbum geplant, mit Willie Nelsons American Songbook-Großwerk „Stardust“ von 1978 als Vorbild – das wiederum Jones produzierte.

Wie eine gedimmte Version von The National

In diesem Geiste hat sich Jones nun Berningers Originale vorgenommen. Die Songs klingen eher wie eine Art gedimmte Version von The National, die Basis meist akustische Gitarre oder Klavier, die Beats eher schlicht, mit gelegentlichen Country-Tönungen. Jones bringt auf sparsam-geschmeidige Weise eine soulvolle Stimmung in die Stücke und entrückt sie mit geringem Aufwand in weitere Räume. In der Single „Distant Axis“ hüllt er dazu nur ein paar verhallte Keyboardgeräusche um Stimme und Gitarre, in „Collar of Your Shirt“ streicht eine Geige um Berningers Gesang, bevor von unten Jones‘ Hammond sacht heraufrollt. In „Loved So Little“ rückt er dunkel klackernde Percussion in den Vordergrund und schneidet kurze Chorverstärkungen ein, so wie er für das Titelstück auf die zarte Orgelgrundierung mit knappe Bläserakzente setzt. Nur auf „All For Nothing“ hebt er mit vollem Orchestereinsatz Berningers Ennui in satte Schmacht empor.

Solchen Nachdruck braucht Berninger aber auch gar nicht, um seinem grundsätzlichen Gefühl der Vergeblichkeit Nachdruck zu verleihen. Das gelingt ihm mit seiner sanft blasierten Wehmut auch so. Und wie er diese als Mischung aus Lee Hazlewood und Bryan Ferry in den Samt des Sounds schmiegt, ist das schon eine sehr schöne, elegante Sangeskunst.

Matt Berninger - „Serpentine Prison“ (Caroline/ Universal)