Einmal während dieses irrsinnigen HAU-Wochenendes steht man auf dem höchsten Punkt des Teufelsbergs und sieht ganz Berlin unter sich. Nur noch die Reste der weißen Dachfolie über den Kuppeln der Ruine der ehemaligen amerikanischen Abhöranlage flackern über den Köpfen wie zerfetzte Segel.

Der Sturm ist an diesem Tag so heftig, dass man sich an jedem Mauervorsprung festhalten möchte. Und trotzdem sieht man plötzlich zwei Gestalten unter der Hauptkuppel so stoisch, als ständen sie seit Ewigkeiten da: einer im Rollstuhl der andere, ein Transvestit, an das Gerüst geklammert.

Es sind die zwei Tripel- oder Quadrupel-Agenten Remy Marathe und Helen/Hugh Steeply aus dem Riesenroman „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace. Marathe vertritt und verrät die franco-kanadische Rebellenorganisation AFP, „Rollstuhlattentäter“ genannt, die für die Zerschlagung des Staatenbundes O.N.A.N. kämpfen, der – wir befinden uns „in naher Zukunft“ – die USA, Mexiko und Kanada zu einem Unterhaltungsimperium zusammengeführt hat.

Steeply arbeitet für (und immer auch etwas gegen) das US-Büro für „Unspezifizierte Dienste“. Und beide suchen den hochgefährlichen Film „Unendlicher Spaß“, der die Unterhaltung so perfektioniert hat, dass ihn niemand unbeschadet überlebt.

Das konspirative Treffen findet nun also über Berlin statt und auf eine Weise, wie es eindringlicher kaum sein könnte. Der Regisseur Richard Maxwell lässt die beiden so unterkühlt sprechen, dass die ganze Kulissenkomplexität aus stürmischer Naturgewalt und einstiger Zukunftsarchitektur um sie herum laut mitreden kann.

Es ist ein eisiger Dialog, der hier abläuft – darüber, was einen modernen Menschen und also auch eine Gesellschaft im Innersten zusammen hält: Wenn es die „Freiheit“ ist, welche „Freiheit“ dann? Diejenige von oder zu etwas, die gebundene also? Und wann basiert diese gebundene Freiheit auf „freier Wahl“? Ist nur die Entscheidung durch und zur Vernunft „frei“ oder gerade auch die durch und zur Unvernunft, wie der Romantiker Steeply glaubt?

Das mag abgehoben klingen, ist es aber nicht. Hier über der Stadt, „ausgesetzt auf den Bergen des Herzens“, wie Rilke schrieb, schon gar nicht. Denn um solche Herzwände, ausgehöhlt durch Vernunft wie Unvernunft gleichermaßen, geht es auf den 1500 Seiten des Wallace-Werks.

Beides zersetzt sich gegenseitig, weshalb der Schimmelpilz mit seinen feinwuchernden Fäden sein zentrales Bild ist. Es begegnet einem in dutzenden Spiegelungen: verkörpert sich im morbiden Hochleistungssport der Enfield Tennis Academy, verkopft sich in Spitzenwissenschaft und Filmkunstanalysen und verdämmert im Drogenkonsum, dem hier alle frönen.

Es ist nicht einfach, durch diesen hybriden Roman zu kommen, der erst 2009 auf Deutsch erschien. Unzählige Sprachmasken setzt er sich auf, und unermüdlich wird darin analysiert, was doch immer nur paralysiert: Die Starre ist der Kern dieser Spaßgesellschaft, weshalb sich ihr „Spaß“ in Grenzen hält. Spaß ist auch in dem 24-stündigen Theatertrip, mit dem das HAU entlang des Romans durch die einst zukunftsweisenden, nun zerfallenden Architekturen West-Berlins zieht, kein vorrangiges Ziel.

Aber freundlich geht es zu: „Fresspakete“ stehen bereit, zwei Doppeldeckerbusse besorgen den Transport. Doch atmet bei aller Sorgfalt der Planung alles an dieser Abenteuerfahrt durch Tag und Nacht, zwölf Performances an neun Orten die große Ungewissheit. Gerade durch sie kann sich für jeden, der sehen will, an fast jeder Ecke Unerwartetes entzünden.

Von Zehlen- nach Reinickendorf

Was im Plattenbau-Viertel Reinickendorf endet, beginnt im Villenviertel Zehlendorf. Für einige Stunden wird der Tennisclub „Rot-Weiß“ Berlin zur Enfield Academy, und natürlich findet man die psychotyrannische Tennisideologie der Incandenzas nicht nur in den Performances. Hier aber besonders witzig, wie Gob Squad beweisen, die auf dem großen Centre Court das Motto, Tennis sei nur ein „Kampf mit sich selbst“, in ein aberwitziges Sprechakt-Match übersetzen. Vier Spieler, die sich als „Myself“ und „Myself“ gegenüber stehen, steigern sich in inzestuöse Beschimpfungen.

Wie ihre Schwesterntruppe She She Pop, die zwölf Stunden später im Reinickendorfer Fontane-Haus die „Anmerkung 24“ des Romans zum Anlass nimmt, in einem intensiven Zweiergespräch zu erforschen, was „Spaß“ eigentlich sei, destillieren Gob Squad aus dem Roman ganz eigene, amüsante Denkspiele. Auch die beiden Performances von Chris Kondek und Anna Viebrock in ungenutzten Sälen der Neuköllner Vivantes-Kliniken sind Schmuckstücke dieser Art.

Mit Slapstick und Video (Kondek) sowie Szenen-Körnung à la Marthaler (Viebrock) bringen sie verschiedene Suchtbiografien auf den Punkt. Natürlich gelingt nicht jeder Nummer Bewegendes, gähnen auch Längen zwischen den Stationen. Doch die meist ausgezeichnet gespielten Szenen und ihre verschiedenen Optiken geben nicht nur ein annäherndes Bild der disparaten Vorlage – sie schieben Berlin auch mit in den Blick, wie man es vorher nie sah.

Das andere HAU-Ereignis, die „Große Weltausstellung“ auf dem Tempelhofer Feld, imponiert bisher vor allem durch die informative Ausstellungszeitung. Die Performances selbst in den Pavillons von Raumlabor, die teils aussehen wie munter zusammengehauene Piraten-Burgen, bleiben dagegen noch hinter den Erwartungen zurück.

Retten bei Wallace auch Schauspieler wie Astrid Meyerfeldt, Hans Löw und am Ende sogar Samuel Finzi, der morgens um acht Uhr die letzten Romanseiten im HAU vorliest, vor zu viel Theorie, bleiben in Tempelhof nur die Ideen. Die sind zwar gut gedacht, suchen antikommerzielle Lebenstechniken, setzten sich aber noch kaum um. Am Ende überzeugt Bewährtes: Hans-Werner Kroesingers Dokumentation der militärischen Flughafengeschichte und Rabih Mroues aufrüttelnde Installation „Double Shooting“.

In 72 menschengroße Einzelbilder fächert er eine Szene auf, die den Schuss eines Syrers auf den ihn filmenden Kameramann einfängt und die man als Sequenz nur erkennt, wenn man selbst an der Bilder-Meile vorbeiläuft. Nicht die Bilder brauchen Bewegung, sondern der Zuschauer. Immer.

Unendlicher Spaß bis 27. 6.; mittwochs und sonnabends, ab 9.30 Uhr, S-Bahn Grunewald. Die große Weltausstellung bis 24. 6.; donnerstags bis sonntags, 16 bis 22 Uhr, ehem. Flughafen Tempelhof. Tel. 25 90 04 27