Das Prinzip von Kurt Krömers „Late Night Show“ beruht auf Regelbrüchen, scheinbaren Pannen und darauf, dass sich dort jeder zum Affen macht. Wohlgemerkt während der Sendung, nicht danach.

Niemand ist gezwungen, sich die Show anzutun, weder als Zuschauer noch als Gast. Man muss auch Krömers Art nicht mögen. Ein prominenter Mensch, der der Einladung folgt und dann als Gast mit der Situation nicht umgehen kann, muss sich jedoch nicht wundern, dass das mehr über die Person verrät, als ihr lieb ist. So war das mit dem Spiegel-Autor Matthias Matussek, der die Aufzeichnung im Berliner Ensemble gern in den Giftschrank verbannt hätte. Niemand – außer dem anwesenden Theaterpublikum – sollte sehen, niemand sollte hören, wie ihn Krömer als „Pöbler“ und „hinterfotziges Arschloch“ vorgestellt und später als „Puffgänger“ bezeichnet hat.

Doch Krömer, die Produktionsfirma, der rbb und das Erste denken nicht daran, auf die Ausstrahlung zu verzichten. Die Premierensendung der neuen Staffel läuft am Sonnabend im Ersten um 23.40 Uhr. Zu Gast sind die Sängerin Mary Roos und Matthias Matussek. So hat es der rbb jetzt offiziell angekündigt und stellte bei der Gelegenheit die gesamte, 45-minütige Sendung, wenngleich nur für Journalisten zugänglich, ins Netz.

"Dafür soll ick danke sagen?"

Matthias Matussek pflegt sein Image als Raubein des deutschen Journalismus. Das sei kein Beruf für „Zimperlieschen“, sagte er einmal und bezeichnete die Spiegel-Redaktion, der er angehört, als Ansammlung von „vorwiegend testosteron-gesteuerten Bullen“. Vor ein paar Jahren wurde er als Kulturchef des Magazins abgesetzt. Wie eine „Wildsau“ habe sich Matussek aufgeführt, sagte sein Nachfolger. Von Verhaltensauffälligkeiten war die Rede, verbaler und körperlicher Natur. Eine Branchenzeitschrift, die ihn porträtierte, schrieb einleitend unter der Überschrift „Der Berserker“: „Seine Kritiker bezeichnen ihn als unangenehm, reizbar, ja, als Arschloch“. Und nachdem er einmal im „ARD-Presseclub“ auf die Kritik eines Journalistenkollegen ausfällig reagiert hatte, sagte der verantwortliche Redakteur: „Herr Matussek hat ein sehr hohes Erregungspotenzial“.

Während der Aufzeichnung zu Krömers Show hielt sich Matusseks Erregungspotenzial in Grenzen. Ganz am Ende, bei der Abschiedsverneigung, schaute er etwas grimmig, doch ansonsten lachte er viel. Nur ein Mal, ziemlich am Anfang, nennt er Krömer eine „blöde Sau“. Er schaut erwartungsvoll, doch die Pöbelei verpufft. Mary Roos verschluckt sich beim Versuch, aus der Flasche zu trinken und prustet das Wasser vor Lachen auf Krömers Jackett. Charakteristisch anzusehen ist, wie Matussek es nicht schafft, das Zepter in dieser Sendung selbst zu schwingen. Krömer nimmt jede seiner Vorlagen auf und benutzt sie gegen ihn. Etwa, als Matussek sein aktuelles Buch als Geschenk überreichen will und vorschlägt, Krömer könne daraus vorlesen. „Wat is denn dit für ein Geschenk?“ Krömer nennt es eine „feiste Schleichwerbung“, für die er „Prozesse an den Arsch kriegen“ könne: „Dafür soll ick danke sagen?“ Kaum sitzt Matussek auf dem Sofa, fragt er Krömer: „Was willst du von mir wissen? Womit kann ich dienen außer mit dem Buch?“ Krömer schlägt vor, über die Kirche zu reden. Matussek sagt, er glaube nicht, dass das ein „geeignetes Thema für eine Unterhaltungssendung“ sei.

Nun hätte Matussek wissen können, dass Krömer keine inhaltlichen Gespräche führt und auf Fragen, die er stellt, keine Antwort erwartet. Falls doch eine kommt, verdreht er sie, versteht sie falsch, oder er bedient sich eines Details, um es aus dem Zusammenhang gerissen zum Running Gag der Sendung werden zu lassen. So auch bei Matussek, der auf Kritik an zu leichten Themen beim Spiegel antwortet, es gebe auch politische Aufmacher, so zur NSA-Affäre. Ja, sagt Krömer und schaut frontal ins Publikum, manchmal habe er auch das Gefühl, Kameras seien auf ihn gerichtet.

„Sind Sie Puffgänger?“

Da begeht Matussek den nächsten Fehler. Er will auch witzig sein und mit Krömer auf Augenhöhe wetteifern. Wäre es ihm gelungen, hätte Krömer garantiert gesagt: „Das schneiden wir raus. Schnippe-di-schnapp.“ Doch Matussek fällt nur ein, er kenne das Gefühl. Bei Rotlicht an der Ampel zum Beispiel: „Du fängst an zu lächeln“. Krömer greift das Stichwort auf: „Rotlicht, ein Thema, klar.“ Er fragt Matussek: „Nach der Talkshow: Wo geht man da hin?“ Und schiebt nach: „Sind Sie Puffgänger?“

Joachim Steinhöfel, Rechtsanwalt in Hamburg, nach eigener Aussage Matusseks Nachbar und bekannt als Werbefigur aus Media-Markt-„Ich-bin-doch-nicht-blöd“-Spots („Gut, dass wir verglichen haben“), sagt, seinem Mandanten sei vorab von der Redaktion gesagt worden, Krömer werde mit ihm über Afghanistan und Religion sprechen. Hätte sich aus diesen beiden Stichwörtern tatsächlich ein Gespräch entwickelt – die Zuschauer hätten sich in der falschen Sendung gewähnt. Matussek versuchte immer wieder, die Situation zu beherrschen und die Sendung an sich zu reißen – und scheiterte. Mary Roos dagegen flossen vor Lachen unaufhörlich die Tränen. Sie hatte das Spiel verstanden. Wohl, weil ihr die Eitelkeit nicht im Weg stand.

Die anwaltliche Abmahnung, die Ausstrahlung der Sendung zu unterlassen, ignorierten Krömer und der rbb ebenso wie die Forderung, die Begriffe „hinterfotziges Arschloch“ und „Puffgänger“ zu überpiepsen. Krömers Anwalt Christian Schertz sieht die Kunst- und Satirefreiheit auf seiner Seite. Auch ein Überpiepsen der strittigen Begriffe wäre - so „eindeutig justiziabel“ sie „für sich genommen“ sein mögen, wie Steinhöfel sagt - sinnlos. Nicht nur, weil sie längst in der Welt sind, sondern auch, weil sie im Gespräch mit Mary Roos und dem Pianisten Joja Wendt im Laufe der Aufzeichnung mehrfach wiederholt wurden. „Wir sehen keinen Anlass, an der Sendung etwas zu ändern und werden zeigen, was das Publikum im Theater gesehen hat“, sagt rbb-Sprecher Justus Demmer. Gut möglich, dass Krömer Matusseks juristisches Eingreifen zu zusätzlicher Quote verhilft. Gebrauchen könnte er es.