Licht aus, Spot an! Nichts dagegen einzuwenden, wenn es sich um ein klitzekleines Spötchen handelt, das durch Energiesparlämpchen erzeugt wird. Zappenduster aber wird es, wenn der Spot bis zum Jüngsten Gericht blinkt, anstatt nur kurz das Dunkel punktgenau zu erhellen. 

Das ist doch absurd, meinen Sie? Ganz im Gegenteil. Inzwischen ist es erwiesen, dass Einsparungen durch effizientere Technologien mittels erhöhten Konsums gern wieder ausgelöscht werden. Man nennt das den mentalen Rebound-Effect. Kurz und knackig: Die Moralkeule schlägt mit doppelter Wucht zurück. Jede Zeit hat die Wörter, die sie verdient.

Begründet ist diese paradoxe Verhaltensweise im „Self-Licensing“. Bezeichnet wird damit das Phänomen, dass Menschen, sobald sie gemeinwohlverträglich gehandelt haben, ohne Schuldgefühle miese Taten vollbringen können. Dieser selbst erteilte Freifahrtschein ist besonders verbreitet in religiösen Gemeinschaften, wie eine Studie aus dem Jahre 2015 belegt. Religiosität und Altruismus gehen nicht unbedingt Hand in Hand. Vater unser im Himmel, Finger weg von meinem Keks! Wenn man sich moralisch überlegen fühlt aufgrund einer Zugehörigkeit zu einer Gruppe, biegt flugs die Boshaftigkeit um die Ecke.

Weil das aber nicht sein kann und nicht sein darf, heckt unser Selbstlizenzierer zwei Strategien aus, welche über die Fadenscheinigkeit seines moralischen Deckmäntelchens hinwegtäuschen sollen.

Strategie Nummer eins ist „Offsetting“, im Mittelalter auch als Ablasshandel bekannt. Womit wir wieder bei der Religion wären: Gegen Gebühr stellte die Kirche einen Indulgenzbrief aus, der dem Käufer einen Nachlass zeitlicher Sündenstrafen gewährte. Killen gegen Kohle sozusagen oder Geldsäckel gegen schlechtes Gewissen.

Viel geändert hat sich bis heute nichts: Beim Offsetting wird für jede Tonne Kohlendioxid, die bei einer Flugreise entstehen, eine zusätzliche Gebühr erhoben. Diese wird an eine Organisation weitergeleitet, die Klimaschutzprojekte damit finanzieren soll. Der Nutzen ist fragwürdig. In erster Linie profitiert der Zertifikatehandel vom Geschäft mit dem schlechten Gewissen.

Da dieses Kompensationsbusiness befleckter ist als die Jungfrau Maria, muss es unbedingt von Strategie Nummer zwei flankiert werden: Virtue Signalling. Derjenige, der sich diese Taktik zueigen macht, ist das Gegenteil eines homo virtuosus, eines tugendhaften Menschen. Vielmehr hat er Ähnlichkeiten mit einem Prahlhans, indem er sich mit seiner moralischen Korrektheit brüstet. Da die Mehrheit seine Ansichten aber gutheißt, läuft er nicht Gefahr, als unangenehmer Tugendaufschneider wahrgenommen zu werden. Virtue Signalling, bedacht praktiziert, ist der Trumpf eines doppelbödigen Moralfreaks.

Stop! Nun muss ich selbst die Kelle hochhalten! Warum müssen an sich positive Verhaltensweisen immer mit einem Negativ-Label versehen werden? So geschehen auch mit „politically correct“. Der respektvolle Umgang mit anderen und der Umwelt ist doch lobenswert.

Erst durch die sprachliche Brille der Gegner und Skeptiker wird er abgewertet. Sie greifen in die wirtschaftsterminologische Kiste und kreieren sozialpsychologisch klingende Begriffe, dass jegliches Streben nach dem Guten verdorben wirkt. Nicht grämen! Das ist der Vorteil der Dialektik: Man ist weniger selbstgerecht und erschafft sich, belebt vom Gegenwind, eine eigene Sprache!