Illustration: Karl Burkhard Timm

BerlinOhrwürmer können zur Tortur werden. Sie bohren sich durch Hirnwindungen und kappen noch die letzte mit der Ratio in Verbindung stehende Synapse. Hier ist natürlich nicht die Rede von Forficula Auricularia, dem gemeinen Ohrwurm, der am liebsten die Blüten von Chrysanthemen und Dahlien verputzt, aber auch vor Blattläusen nicht haltmacht. Gefährlich sehen sie aus, die braunen Viecher, an deren Hinterleib sich Zangen öffnen. Fliegende Arten setzen die Zangen auch bei der Paarung ein, daher wohl das schaurig-schöne Gefühl beim Gedanken an die Tierchen.

Dem Ohrwurm haftet ein schlechter Ruf an. Kindern wird eingetrichtert, dass der fiese Wurm die Kleinen in die Ohren kneifen würde. In ganz schlimmen Schauergeschichten heißt es gar, er würde sich durch die Nasenlöcher ins Hirn vorrobben, um den bösen Kindern unflätige Gedanken auszureißen. Die Wahrheit aber ist: Der Ohrwurm erhielt seinen Namen, weil er im Mittelalter pulverisiert als Medizin gegen Ohrenschmerzen eingesetzt wurde. Das war freilich anno dazumal, heute verlässt man sich auf eher lateinisch klingende Pillen und Tabletten.

Der Ohrwurm verkriecht sich inzwischen lieber quicklebendig in den Pflanzengängen, die die Raupe des Apfelwicklers gefressen hat. Der Apfelwickler ist ein Nachtfalter, der seinen poetischen Namen von seiner recht unpoetischen Gewohnheit hat, unter den Borkenschuppen des Apfelbaums zu überwintern. Apfelwickler und Ohrwurm bilden also ein bewährtes Team, wobei der Ohrwurm zwar gefräßig, aber in erster Linie für den Gärtner nützlich ist.

Der Ohrwurm im metaphorischen Sinne aber traktiert vor allem unser Gemüt. Im Gegensatz zum tierisch gemeinen Ohrwurm überfällt uns der „earwig“, wie er im Englischen heißt, als „catchy song“ tatsächlich manchmal des Nachts, knackt unser Trommelfell, kriecht in den Gehörgang und raubt uns den Schlaf und den Verstand.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zumindest, als Lincke oder Lehár dem Ding einen Namen gaben. Wer jemals „Penny Lane“ von den Beatles im Ohr sitzen hatte, weiß, wovon ich spreche. Und machen wir uns nichts vor: Es ist inzwischen erwiesen, dass sich Songs, die wir lieben, eher festsetzen als die verhassten.

Unschöne Wahrheiten bringt die psychologische Forschung da ans Licht. Auf Teufel komm raus versucht man, das Ding wieder loszuwerden, doch es beißt sich hartnäckig fest. Klammeräffchen sind nichts gegen den Ohrwurm, dem man einzig den Garaus machen kann mittels eines anderen Ohrwurms. Gift und Gegengift sozusagen.

Scharfe Geschütze müssen da manchmal aufgefahren werden. Verzweifelt durchforstet man sämtliche Top-10-Listen der vergangenen Jahrzehnte nach Ohrwurmtauglichkeit. Ein Universalheilmittel gegen „Penny Lane“ ist – Led Zeppelin sei Dank – „Black Country Woman“: „Hey, hey, mama, what’s the matter here ...“ Das Problem ist, dass Mama nun zwar Penny Lane ablöst, aber letztlich auch nicht weniger nervtötend ist. Um mit Frank Zappa zu sprechen: „Torture never stops“. „You didnt’t have to love me, mama, let me go ...“

Nun aber „back on track“: Wie lässt sich das Phänomen des Ohrwurms psychologisch erklären? Ohrwürmer sind gedankliche Zwangshandlungen, aber meist positiver Natur. Das ist beruhigend, denn nicht jede Neurose bedeutet einen Knacks.