Illustration: Karl Burkard Timm

BerlinRauchen die Köpfe oder die Colts? Jedes Jahr obliegt der Duden-Redaktion die schwierige Aufgabe, neue Wörter in das Nachschlagewerk aufzunehmen und andere dafür zu streichen. Die 28. Auflage beinhaltet 148.000 Stichwörter auf 1300 Seiten. 2020 kamen 3000 neue hinzu, 300 mussten weichen.

„Durchimpfungsrate“ und „Lockdown“ sind im Jahr 2020 gewiss ein Muss. Dass der „Zwinkersmiley“ erst jetzt Eingang gefunden hat, mag mit einer Geringschätzung von Emoticons oder einem leicht verzögerten, um nicht zu sagen bürokratischen Aufnahmeprozess zu tun zu haben. Für den „Zehrpfennig“ war es aber wohl höchste Zeit, zu weichen und ökonomischen Realitäten Platz zu machen. An der Pforte des Klosters Königsfelden sollen reisende Prostituierte einen kleinen Geldbetrag, den sogenannten „Zehrpfennig“, erhalten haben, weil König Albrecht I. im 14. Jahrhundert im Schoße einer zufällig dort gegenwärtigen Hure starb. Honi soit qui mal y pense, würde der kleine Prinz sagen oder auch: Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wie wäre es mit einem Wort und Hilfe für all die armseligen Mädchen, die auf der Kurfürstenstraße die Kings of the Road bedienen und dabei noch ihr Leben riskieren? Nun schweifen Sie aber ab, Doc Cohen! Mag sein, aber genau dieses Mäandern durch die Sprache führt uns nicht nur auf Abwege, sondern auch auf neue Pfade, die es zu erkunden gilt.

Die Duden-Redaktion aber schaut dem Volk aufs Maul und dort ist der Zehrpfennig schon lange nicht mehr. Aus einer repräsentativen Textauswahl versucht man Sprachwandel abzulesen und Aufnahmekriterien für das Regelwerk festzulegen, dessen letzte Auflage sich immerhin 650.000-mal verkauft hatte. Nun mag man einwenden, der Duden habe doch seit der Rechtschreibreform im Jahre 1996 sowieso nichts mehr zu melden. Der „Rat für deutsche Rechtschreibung sei schließlich die maßgebende Instanz für deutsche Orthografie. Ach, deutsche Bürokratie! Es lebe der Widerstand und sei es nur, dass man sich im altvertrauten Duden vergräbt.

Dieser zeigt sich progressiver, als man denkt. Wörter aus den Bereichen Klima, Technik und Geschlechtergerechtigkeit halten nun Einzug. Schließlich habe sich einiges verändert auf diesen Gebieten seit 2017, meint Kathrin Kunkel-Razum, die Leiterin der Duden-Redaktion. Ein Abbild des Fortschritts, ein Adabei avantgardistischer Sprachbewegungen, der Duden? Auch Sprachwissenschaft folgt Moden, manchmal gar Hysterien à la mode. Man muss sich das nur vor Augen halten und in Erinnerung rufen. Sprachwissenschaftsgeschichte ist ein einziges Crossover verschiedener wissenschaftlicher Richtungen: Geologie, Biologie, Soziologie ... Sprache als System wurde mechanisch oder auch organisch betrachtet.

Auch der Duden trägt mit seinen Auswahlkriterien zu einer bestimmten Sprachauffassung bei. Was aber bleibt uns, die wir Sprache jeden Tag brauchen und gebrauchen? Wir sind so frei und beflügeln uns mit allen zur Verfügung stehen Wörtern und lassen uns auch vom Duden nicht einschränken in unserer Sprachlust. Dafür sind wir nämlich viel zu grillenhaft. Die „Grillenhaftigkeit“ flog 2020 aus dem Duden. Veraltet? Zu selten gebraucht? Exquisit und subversiv auf jeden Fall, denn wie heißt es schon im Grimm'schen Wörterbuch: „Es ist wunderbar, wie uns manchmal der gedankenstrom unserer ausschweifenden grillenhaftigkeit fortreiszt.“