Musiker Max Herre im Michelberger Hotel in Berlin. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDer Herbst regiert in Berlin an diesem Tag. Es regnet, und die Menschen auf der Warschauer Straße kneifen die Augen zusammen, als ob sie den Anblick des weggeschwemmten Sommers nicht ertragen könnten. „Plitsch-platsch, fiel ein Regen wie die Sintflut, das Vordach, der Regen, wir waren wie Strandgut ...“: Eigentlich ist das Wetter wie bestellt, um sich auf ein Gespräch mit Max Herre einzustimmen, der mit „A-N-N-A (Immer wenn es regnet)“ und seiner damaligen Band Freundeskreis seinen ersten Hit hatte. Im Michelberger Hotel warten schon Mitarbeiter des Labels Universal, einer führt in den „Whiskey Room“: ein Sofa, tiefe Sessel, eine mit alten Holzpaneelen verkleidete Wand – ein einladendes Gegenstück zu den Witterungsbedingungen draußen. Kurz darauf tritt Max Herre ein.

Sie sind in Stuttgart aufgewachsen, leben nun schon seit vielen Jahren in Berlin. Warum heißt Ihr neues Album „Athen“? Es gibt familiäre Verbindungen nach Athen.

Mein Vater ist Architekt und in den Achtzigerjahren dort hingezogen, um da zu arbeiten. Als Kind war ich oft dort, eigentlich in sämtlichen Ferien, sodass ich viel mit der Stadt verbinde.

Aber was war der Auslöser für die Entscheidung, Ihre neue Platte danach zu benennen?

Ich habe gemerkt, dass sich anhand dieses Ortes Geschichten erzählen lassen, die noch nicht erzählt sind. Athen als eine Art Klammer, weil dort viele Linien zusammenlaufen – sei es die Erinnerung an eine alte Liebe mit Athen als Sehnsuchtsort wie im Titeltrack oder das Stück „17. September“ über meinen Vater.

Dann sind Sie im Vorfeld der Albumproduktion sicher noch mal nach Athen gereist.

Ja, während der Produktion; zurück an Orte, die ich seit meiner Kindheit kenne. Ich habe die alten Freunde meines Vaters getroffen und sie zu seiner Zeit dort befragt. Außerdem habe ich mich auf den Spuren meines ältesten Onkels mütterlicherseits bewegt, der in Athen geboren wurde und dort wieder zur Zeit der Diktatur in den späten Sechzigerjahren lebte. Diese Achse nach Athen gab es also immer – einerseits über die Familie meiner Mutter, andererseits durch meinen Vater, der dort hinzog. Die Stadt ist in meinem Inneren angelegt als ein Ort der Sehnsucht und Erinnerung.

Deshalb ist „Athen“ wohl ein so persönliches Album geworden.

Das sollte es eigentlich gar nicht werden. Ursprünglich hatte ich vor, als eine Art Feldreporter herumzureisen, die Geschichten anderer Menschen zu erzählen und mit verschiedenen Musikern an verschiedensten Orten zusammenzuarbeiten. Aber die ersten musikalischen Versuche, die auf diese Weise entstanden sind, habe ich nicht betextet bekommen. Ich habe gemerkt, dass ich mich trauen muss, bei mir zu schauen, um auf Dinge zu stoßen, die ich erzählen will und die in mir noch nicht ausverhandelt sind. Ich habe festgestellt: Ich muss ans Eingemachte gehen. Das war ein Kampf.

Apropos Kampf: Können Sie gut mit Niederlagen umgehen?

Die können natürlich sehr wehtun und drücken mich auch mal eine Weile zu Boden. Aber ich würde behaupten, ziemlich zäh zu sein.

Wann sind Sie das letzte Mal gescheitert?

Das tue ich täglich. Auch auf dem Weg zu dieser Platte gab es viele Rückschläge. Aber das Tolle am Scheitern ist ja: Sobald man raus ist aus dem Schlamassel und sich alles auflöst, hat man neue, tolle Geschichten zu erzählen. Und ich sage mal so: Ich habe im Laufe meines Lebens einen ganz stattlichen Fundus angehäuft.

Und daraus schöpfen Sie kreativ?

Natürlich ist es immer schöner, wenn alles glattläuft, aber das tut es nun mal nicht immer. Wobei man auch die Kirche im Dorf lassen muss, meine Biografie ist weiß Gott keine des Scheiterns. Ich lebe ein sehr privilegiertes Leben. Aber natürlich kenne ich Brüche, und einige davon verhandele ich auch auf der neuen Platte.

Ich muss ans Eingemachte gehen.

Max Herre

Sie gelten als sehr authentischer Musiker, der Momente seines Scheiterns in gewissem Umfang stets in Songs verarbeitet hat. Auf ihrem Album „Ein geschenkter Tag“ von 2009 haben Sie beispielsweise eindringlich die Trennung von Ihrer Frau Joy Denalane zum Thema gemacht, mit der Sie mittlerweile wieder zusammen sind.

Ich muss mir meine Musik selbst glauben, um sie veröffentlichen zu können. Es wäre daher keine Option für mich, in einen reinen Verwaltungsmodus überzugehen im Sinne von: Wie müsste sich ein neues Max-Herre-Album anhören, um Fan-Erwartungen zu entsprechen? Das würde sich zusammengemogelt anfühlen. Erst wenn etwas richtig nah an mir dran ist, kann und will ich es auch zeigen.

Ihrer Liebe zu Joy Denalane haben Sie auf dem gemeinsamen Duett „Mit dir“ 1999 ein musikalisches Denkmal gesetzt. Zwanzig Jahre später befindet sich nun mit dem Stück „Das Wenigste“ eine Art Beziehungs-Update auf Ihrer Platte. Ein Song, der offensichtlich auch sehr nah an Ihnen beiden dran ist.

Ja, natürlich. Der Track lag allerdings ziemlich lange rum, bis wir mit dem Ergebnis zufrieden waren, und ist inspiriert von zwei anderen Stücken: Einerseits von Jacques Brels „La chanson des vieux amants“ über eine alte Liebe, den ich sehr mag. Andererseits von „A Song For You“ von Donny Hathaway, auf dem er dieses „Vor der Bühne, hinter der Bühne“-Phänomen beschreibt – die inhaltliche Grundlage für „Das Wenigste“.

Zur Person

Max Herre kam 1973 in Stuttgart zur Welt. Er hat zwei Geschwister. Herre entdeckte die Musik in erster Linie über Freunde, die viele Platten hatten. Zahlreiche Nachmittage brachte er damit zu, sich deren Musik – vorwiegend Soul, Funk und Jazz – auf Kassetten zu überspielen.

Er feierte seine ersten musikalischen Erfolge als Frontmann der Stuttgarter Formation Freundeskreis, die den deutschen HipHop der 90er-Jahre maßgeblich mitprägte. Nach Auflösung der Band im Jahr 2000 startete Herre eine erfolgreiche Solokarriere und veröffentlichte unter anderem 2012 das gefeierte Goldalbum „Hallo Welt!“. Er ist Teil des Produktionsteams Kahedi und gilt als maßgeblicher Förderer von Künstlern wie Afrob und Megaloh. Am 8. November erschien sein viertes Soloalbum, „Athen“, bei Vertigo Berlin/Universal

Herre ist mit der Soul-Sängerin Joy Denalane liiert, das Paar hat zwei gemeinsame Kinder und  lebt in Berlin.

Was hat Sie künstlerisch an diesem Blickwinkel auf Ihre Beziehung gereizt?

Die meisten Lieder über Liebe schwelgen ja immer in Superlativen: Du bist das Tollste, was mir je widerfahren ist. Aber ich mochte diese Perspektive der Umkehrung und wollte die Frage stellen: Worum geht es eigentlich? Was ist der Nukleus? Joy und ich standen in den letzten Jahren wieder oft zusammen auf der Bühne, singen gemeinsam Songs – und das tun wir, wenn zwischen uns alles super ist, aber eben auch an Tagen, an denen es mal nicht so gut läuft.

Ist das schwierig, wenn Sie mal Streit haben?

Klar, aber auf der Bühne finden wir immer die dafür nötige Ebene. Es ist doch so: Natürlich sind wir Musiker, die da vorne stehen und das alles mit Liebe und Inbrunst machen. Trotzdem gibt es aber auch bei uns ein Leben, das dahinter stattfindet – und das ist genauso kompliziert wie das Leben von anderen Menschen auch. Das Entzaubern dieser Vorstellung, dass immer alles super ist, nur weil man gemeinsam im Scheinwerferlicht steht, fand ich spannend.

Ihre Plattenfirma behauptet, auf „Athen“ fände „eine Auseinandersetzung mit der Subjektivität des Scheiterns und der Kraft neuer Anfänge“ statt. Das müssen Sie erklären.

Geschichten entstehen immer da, wo Dinge schiefgehen. Eine Geschichte, die gut läuft, ist meist keine gute. Mir ging es daher um eine Auseinandersetzung mit Brüchen und ums Herantrauen an diese Bruchstellen. Ich wollte etwas finden, das eine Dringlichkeit entwickelt, weil es noch nicht verarbeitet ist. Die Platte ist eine Reise, auf der ich mich auf den Weg mache, ohne am Ende aber als gefeierter Held zurückzukehren. „Das Wenigste“ beispielsweise ist der letzte Song des Albums und bildet zwar eine Art Homecoming-Moment ab, ist aber sicher nicht die große Einfahrt auf die Champs-Élysées hoch zum Arc de Triomphe.

Hat ein Album für Sie immer auch eine therapeutische Komponente?

Ich würde es nie so nennen und nähere mich einer Platte immer zuerst musikalisch. Dann frage ich mich: Was interessiert, berührt und bewegt mich? Aber natürlich kann ich mich in meinen Texten bestimmten Lebensfragen stellen.

Fällt Ihnen eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Persönlichem leichter als das Thematisieren von Dingen, zu denen Sie keinen direkten Bezug haben?

Klar, da muss ich nichts erfinden und künstlich erzeugen. Am Anfang hatte ich Angst, dass es zu spezifisch wird in Bezug auf meine eigene Geschichte. Beim ersten Vorspielen der Songs in meinem Kreis habe ich aber gemerkt, dass meine Geschichten auch die Geschichten und Erinnerungen der anderen triggern. Das ist ja das Schöne daran, dass das nicht bei mir bleibt, sondern ich Lebenssituationen spiegele, die jeder kennt. Dadurch entwickelt sich auch eine Relevanz für andere.

Gibt es Zensurmomente, wenn Sie merken, dass Sie möglicherweise etwas zu viel von sich preisgeben?

Inhaltlich ja, emotional eigentlich nicht. Das hängt sicherlich auch mit der Musik zusammen, die ich selbst gerne höre, bei der die Künstler sich sehr öffnen. Ich möchte beim Musikhören immer das Gefühl haben: Da geht es um etwas. Es muss nicht zwangsläufig um etwas Persönliches oder Intimes gehen, aber um eine Form von Dringlichkeit.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Musikhören ist für mich ein bisschen wie ein Gespräch mit einem Freund. Ich möchte das Gefühl bekommen, mit meinen Gedanken und Problemen nicht alleine zu sein. Dass es da jemanden gibt, der ähnlich empfindet wie ich und diese Emotionen in eine Form gebracht hat, die einen gemeinsamen Raum ermöglicht.

Nochmal zurück zum Ausgangspunkt Ihres Albums: Welche konkreten Erinnerungen haben Sie an Ihre ersten Athen-Besuche?

Die erste Reise 1980 war auf jeden Fall auch ein Roadtrip. Wir sind nicht die Balkanroute runter wie im Song „Athen“, sondern durch Italien nach Ancona und dann für zwei Nächte auf die Fähre. Nach drei Tagen sind wir in Patras angekommen und über die Peloponnes nach Athen gefahren. Ich erinnere mich noch an das Grundstück, auf dem wir damals wohnten. Mein Vater hat als Architekt auf dem olympischen Gelände gearbeitet – das war in den Achtzigern eine riesige Brache mit ein paar Studentenwohnheimen drauf. In einem davon haben wir gewohnt, darin war auch das Büro meines Vaters. Ich erinnere mich aber auch noch an die Ausflüge mit seinen Kollegen, mit denen wir über die Peloponnes gefahren sind, in irgendwelchen Buchten am Strand übernachtet haben oder bei Bekannten zu Hause. Diese konkreten Erinnerungen vermischen sich aber auch mit Fotografien von damals. Mein Vater besitzt noch alte Dias aus dieser Zeit, die ich während der Albumproduktion wieder hervorgekramt habe, und die haben vieles zurückgeholt.

Obwohl der Albumtitel den Blick eher in die Ferne richtet, geht es an vielen Stellen auf der Platte um verschiedene Vorstellungen von Heimat – zum Beispiel im Stück „Sans Papier“, eine Bezeichnung für Migranten ohne geregelten Aufenthaltsstatus. Wie gelingt es Ihnen, so einen vergleichsweise sperrigen Inhalt in ein stimmiges musikalisches Gewand zu packen?

Die Idee zu einem Song über dieses Thema trage ich schon seit mehr als zehn Jahren mit mir herum. Aber generell entsteht ein Stück bei mir immer über eine musikalische Annäherung, die in mir Gedanken und Emotionen erzeugt. Bei „Sans Papier“ haben mein Kollege Samon Kawamura und ich im Studio ein bisschen rumprobiert mit einem 6/8-Groove, über den ich intuitiv gesungen habe – dabei kam dieses Wort zurück, und dann standen schnell erste Fragmente. Ich habe mich dann noch mal intensiv mit dem Thema befasst, viel dazu gelesen und mich mit Leuten darüber unterhalten. All diese Informationen, Gefühle und Eindrücke habe ich dann zu diesem Song verdichtet.

Auch im Track „Dunkles Kapitel“, auf dem Sie sich mit Rechtsradikalismus auseinandersetzen, geht es um Vorstellungen von Heimat.

Auch hier stand zuerst die Musik: der Beat des Stuttgarter Produzenten Dexter, der etwas sehr Bedrohliches, Anschleichendes hatte. Mir kam sofort das Bild vom Ende der Weimarer Republik in den Sinn. Ich wollte eine Stimmung erzeugen, die das Jetzt spiegelt, im sprachlichen Duktus aber anrollt wie der Nationalsozialismus in den späten Zwanziger-, frühen Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts. Bilder und Situationen, die wir aus dem Jetzt kennen – wie in Chemnitz zum Beispiel –, wollte ich an diesem Dreißigerjahre-Duktus spiegeln und so die Parallelität aufzeigen. Das war der Ansatz für die erste Strophe. Die zweite wiederum beruht auf einem Essay meiner Großmutter, das sie nach dem Krieg geschrieben hat.

Worum geht es darin?

Meine Großmutter stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie aus Berlin, war nach Nazi-Gesetzen also Halbjüdin. In dem Essay setzt sie sich mit ihrem Davongekommen-Sein vor den Nazis auseinander. Denn bereits vor der NS-Zeit hat sie meinen Großvater geheiratet und ihren jüdischen Namen abgelegt – dadurch blieb sie unentdeckt.

Haben Sie mit Ihrer Großmutter darüber sprechen können?

Leider nicht. Sie ist gestorben, als ich 13 war, ich war damals noch zu klein. Aber das hätte mich wahnsinnig interessiert. Für die Familie ist es ein unfassbares Glück gewesen, dass sie unentdeckt blieb, in ihr hat das aber gleichzeitig ein Gefühl der Schuld hervorgerufen: weil sie untertauchen konnte und andere nicht. In ihrem Essay schreibt sie von einer Familie, die in ihrem Haus in Berlin-Halensee lebte, und die von den Nazis verschleppt wurde. Sie wirft sich vor, nicht genug für diese Familie getan zu haben. Diesen Umstand hat sie zeitlebens als Verrat an ihrer jüdischen Identität verstanden.

Musik braucht Dringlichkeit.

Max Herre

Finden Sie es in Zeiten wie diesen, in denen rechtes und nationales Denken wieder erstarkt, wichtig, sich als Person der Öffentlichkeit dagegen zu äußern?

Es obliegt mir nicht zu sagen, was andere Leute zu tun haben. Das muss jeder für sich entscheiden. In der Rapszene gibt es aber Leute, die qua ihrer Herkunft und ihres Aussehens angefeindet werden, also per se ein Politikum darstellen – die müssen das gar nicht explizit ansprechen. Leute wie Megaloh oder Samy Deluxe tun das dennoch ganz offensiv, weil die diesen Kampf tagtäglich führen. Allein durch ihre Präsenz schaffen solche Künstler bereits ein Selbstverständnis für ein heterogenes Deutschland, das seit Jahrzehnten ein Zuhause ist für Menschen unterschiedlichster Hintergründe, ohne dass da auch nur ein Schlachtruf ausgesprochen wäre. Aber was mich persönlich betrifft: Ich finde es wichtig, Haltung zu zeigen.

Gibt es Regeln, denen Sie beim Schreiben folgen?

Ja, aber die entstehen intuitiv, die schreibe ich nirgendwo auf. Ich schaue einfach, was sich richtig anfühlt. Auf der neuen Platte habe ich beispielsweise bewusst kaum Anglizismen benutzt, weil ich das Gefühl hatte, dass ich es mir damit lediglich einfach gemacht hätte. Stattdessen habe ich intensiv nach den richtigen Worten gesucht.

Innerhalb des HipHop-Kosmos sind Sie stets jemand gewesen, der in seinen Songs aus einem sehr großen Wortschatz geschöpft hat.

Ja, früher – auf der neuen Platte ist das deutlich weniger der Fall. Auch eine bestimmte Floskelhaftigkeit, die der Punchline-Idee im Rap folgt, habe ich mir verboten; das Abfeiern alter Heldentaten, das ja ein sehr rap-immanentes Thema ist – vor allem für Leute, die das schon ein paar Jahre machen. Diese Form von Swag und Coolness hat für mich auf dieser Platte keinen Sinn gemacht.

Im Song „Siebzehn“ vergleichen Sie Ihre eigene Jugend mit der Ihrer Kinder. Erkennen Sie sich heute in Ihren Eltern wieder?

Ja, ich entdecke immer häufiger meinen Vater in mir – der Klassiker.

Auf eine gute Weise oder eher nach dem Motto: So wollte ich eigentlich nie werden?

Beides. Es ist ja so: Wenn die Kinder noch klein sind und man diese ausfüllende Erziehungsaufgabe wahrnimmt, bei der man vorrangig primäre Bedürfnisse stillt, man für seine Kinder da ist und sich diesem Leben stellt, hat man das Gefühl, dass man das ganz gut hinbekommt. Wenn die Kinder älter werden und auf dem Weg raus sind, merkt man aber auch, was man vielleicht nicht so gut gemacht hat – und dann fängt man an, seine Eltern besser zu verstehen.

Zumal der Zugriff auf seine Kinder ja mit deren zunehmendem Alter immer schwieriger wird.

Genau. Irgendwann erzieht man nicht mehr aktiv. Man ist zwar da, bleibt stets Ansprechperson, hat aber mit fertigen Menschen zu tun. Dadurch findet parallel eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit statt, bei der man sich fragt: Wie haben das eigentlich die eigenen Eltern gemacht?

Haben Sie sich als Jugendlicher stark von Ihren Eltern abgegrenzt?

Eigentlich nicht. Ich hatte immer ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern und nie das Bedürfnis, etwas explizit anders machen zu müssen als sie. Mein Vater hingegen hatte eine solche Phase als Jugendlicher gegenüber meinem Großvater, und davon habe ich profitiert. Mein Vater hat diese Transformation gewissermaßen für mich mitvollzogen.

Haben Sie das Gefühl, auf musikalische Weise identitätsstiftend Einfluss auf Ihre Kinder genommen zu haben?

Als sie kleiner waren, bestimmt. Jetzt kehrt sich das um: Da sind die Kinder eher identitätsstiftend für unser Musikverständnis, indem sie uns neue Platten oder Songs zeigen. Wenn allerdings neue Alben von Künstlern wie Kendrick Lamar oder Frank Ocean erscheinen, über die es eine Art musikalischen Familienkonsens gibt, dann verschwindet jeder mit diesen Platten in seinem Zimmer, studiert sie, und im Anschluss sprechen wir alle gemeinsam darüber. Diese Momente liebe ich sehr.

Haben sich Ihre Eltern früher viele Sorgen um Sie gemacht?

Nein, die hatten sehr viel Vertrauen. Mein Vater war in meiner Jugend aber auch viel weg, war da schon in Athen, und hat diese Phase, in der es zeitweise etwas schwierig war, nicht so aktiv mitgeschnitten. Das lag also mehr bei meiner Mutter, und die hat für sich entschieden, dass sie zu Hause mit mir und meinen Geschwistern ein gutes harmonisches Klima haben möchte und hat deshalb über bestimmte Dinge hinweggesehen – in vielen Punkten eine sehr gute Entscheidung.

Inwiefern war es denn mal schwierig in Ihrer Jugend? Im Song „Siebzehn“ deuten Sie Diebstähle und illegales Sprühen an.

Ach, das waren kleine Jugendsünden – nicht mehr als bei anderen Kids, die in der Stadt aufgewachsen sind. Aber heute weiß ich eben auch: Es gab einige Situationen, in denen hatte ich einfach Glück. Da hat das Schicksal entschieden, dass es weitergeht. Und hinsichtlich meiner Kinder resultiert aus diesem Wissen natürlich die Sorge: Haben sie in vergleichbaren Situationen dasselbe Glück, wenn sie mal nicht reflektiert sind und einfach Quatsch machen? Und: Ist ihr eigener Kompass stark genug, um sich an neuralgischen Punkten von gefährlichen Entscheidungen fernzuhalten?

Zwei Ihrer drei Kinder sind nun in einem Alter, in dem sie mehr rausgehen in die Welt – und zwar zunehmend ohne ihre Eltern. Haben Sie diesbezüglich Ängste?

Absolut. Berlin ist ein raues Pflaster – gerade heutzutage, wo Menschen wieder vermehrt angefeindet werden, wenn sie äußerlich offensichtlich nicht Teil der Mehrheitsgesellschaft sind. Aber mich treibt auch die typische Angst von Eltern mit Kindern in der Großstadt um: Geht es ihnen gut, wenn sie nachts um drei noch nicht zu Hause sind?

Haben Sie das Gefühl, als Musiker mehr Verständnis dafür zu haben, dass das Nachtleben nun mal entdeckt werden muss?

Wir gehören einer Elterngeneration an, die es generell genauer wissen will, weil wir näher an unseren Kindern dran sind. Das provoziert aber auch Ängste, die meine Eltern womöglich nicht hatten, weil sie mehr weggeguckt haben. Eine gewisse Ignoranz schützt vor Sorgen.