Markus (Tucké Royale) sehnt sich heraus aus der Brandenburger Provinz  nach einem Leben in Berlin. Motiv aus dem Siegerfilm „Neubau".
Foto: Salzgeber

BerlinNicht nur das Zimmer ist eng, auch der Blick hinaus in die weite Welt wird direkt gegenüber des Fensters wieder durch eine hässliche Allerweltsfassade verdeckt. Diese Fassade ist fast alles, was das junge türkisch-kurdische Paar von Berlin zu sehen bekommt.  Eine  Bratwurst, für gläubige Moslems  wegen des Schweinefleischs ein Tabu, bleibt das einzige Stück Freiheit, dass sich Hayat und Harun in Deutschlandnehmen. Ansonsten leben sie unter dem Radar. 

Die dffb-Studentin Süheyla Schwenk erzählt in ihrem Film „Jiyan“, der im Wettbewerb um den Max-Ophüls-Preis am Sonnabend den Preis der Ökumenischen Jury gewann, von solchen Fenstern und Türen, die scheinbar den Raum erweitern, tatsächlich aber auf die eine oder andere Art verschlossen bleiben, und die Enge daher umso fühlbarer machen. Sie hausen in einem Zimmer, von den Verwandten wie den Behörden mehr geduldet als willkommen. Mehr und mehr aber gibt es in der Enge dieses Kammerspiels – der ganze Film spielt in einer Dreizimmerwohnung – Raum für Verständnis und menschliche Gesten. Schwenk ist ein konzentrierter Film gelungen, der von kleinem Glück und großem Unglück erzählt, von Intimität und scheiternder Flucht aus Kriegsgebieten.

Zwischen Träumen und Lügen

Gerade in seiner Reduktion und Nüchternheit öffnet  dieser humanistische, exzellent inszenierte Film den Blick auf die alltägliche Brutalität hinter den Nachrichtenmeldungen – ein Juwel im Wettbewerb von Saarbrücken. Zumindest der Blick aus dem Fenster ist schöner in „Sunburned“. Die Berliner Regisseurin Carolina Hellsgard – sie studierte an der UdK bei Thomas Arslan – kombiniert ähnlich wie Schwenk eigene Kindheitserfahrungen mit einem frischen Blick auf scheinbar Bekanntes und erzählt von zwei Parallelwelten: Tourismus und Flucht. Eine Mutter macht mit ihren zwei Töchtern Urlaub in einer spanischen Bettenburg. Während die Mutter und die ältere Tochter dem Charme der Strandcasanovas verfallen, driftet die Jüngere, Claire, zunächst verloren durch die Gegend. Hellsgard erkundet die Teenagerwelten zwischen Disco, Performance und Lügen, Träumen und Langeweile. Dann lernt das „little girl lost“ einen gleichaltrigen Strandverkäufer kennen, der es aus Afrika nach Spanien geschafft hat, nun aber ähnlich verloren Träume träumt, die sich nicht erfüllen. Beide freunden sich an, könnten ein Paar werden, doch am Ende überwiegt die Erfahrung, dass hier zwei Welten sich nicht berühren können.

Ebenfalls an der UdK bei Arslan studiert Frédéric Jaeger, bislang als Filmkritiker (und Autor der Berliner Zeitung) bekannt: „Aufklärung für Hönow“ heißt Jaegers Kurzfilm, in dem er ebenso clever wie witzig und überraschend von den Abgründen des Filmemachens erzählt – an nur einem Drehtag entstand diese facettenreiche Selbstreflexion. Mechanismen der Annäherung stehen im Zentrum des schweiz-österreichischen „Lovecut“, einem der anspruchsvollsten Filmen dieses Jahrgangs: Johanna Lietha  und Illiana Estañol porträtieren in  drei Episoden  Praktiken der Intimität unter Teenagern: Chats, Instagramkommunikation, Pornokonsum. In privaten  Perspektiven  handelt  dieser  kluge,  gelegentlich  auch  lustige  Film  auch  vom  Umgang  der Gesellschaft mit Liebe und Sexualität – für diesen Film gab es verdientermaßen den Drehbuchpreis.

Der stärkste Film des Jahrgangs

Liebe und Sex, vor allem aber der Alltag junger Frauen im Iran stehen im Zentrum von „Domino“, dem stärksten Film im diesjährigen Saarbrücken-Jahr, der aber nur in einer Nebensektion lief, weil er bereits anderswo Premiere hatte: Laleh Barzegar hat ihren Abschluss an der Kölner KHM gemacht und erzählt voller Leichtigkeit, mit Anleihen an die melancholische Heiterkeit der Filme Rohmers von einer jungen Frau, die gegen die Zumutungen von Familie, Gesellschaft und Tradition ihre Freiheit sucht und verteidigt. Ein bezauberndes Debüt! Trotz einer deutlichen Übermacht der Regisseurinnen im Wettbewerb gewann dann ein Mann den Ophüls-Preis: Johannes Maria Schmitts „Neubau“ gefiel der Jury wohl auch, weil er in der tiefsten brandenburgischen Provinz mehr als einen Hauch des Leben von Berlin-Mitte entdeckt.

Die Hauptpreise in Saarbrücken

Bester Spielfilm: „Neubau“ von Johannes Maria Schmitt
Beste Regie: „Waren einmal Revoluzzer“ von Johanna Moder
Preis für den gesellschaftlich relevanten Film: „Neubau“ von Johannes Maria Schmitt
Bester Schauspielnachwuchs: Maresie Riegner für „Irgendwann ist auch mal gut“
Bester Schauspielnachwuchs: Mehdi Meskar für „Nur ein Augenblick“
Bestes Drehbuch: „Lovecut“ von Illiana Estañol und Johanna Lietha
Publikumspreis Spielfilm: „Ein bisschen bleiben wir noch“ von Arash T. Riahi

Nach dem beiden vorigen Siegern „Landrauschen“ und „Das melancholische Mädchen“ bildet sich nun allmählich ein Muster Saarbrücker Preisträger heraus: Es sind intelligente Farcen über den Crash von Hipster-Welten mit dem wahren (Provinz-)Leben. Für die allzu betonte Originalität von „Neubau“ waren aber gleich zwei Preise zumindest einer zu viel. Ein ganz großartiger Film ist „Regeln am Band bei hoher Geschwindigkeit“ von Yulia Lokshina, der überaus verdient den Dokumentarfilmwettbewerb gewann: In exzellenten Bilder und genau komponierter Dramaturgie zeigt Lokshina westfälische Fleischfabriken und die schlechte Behandlung der Menschen, oft Migranten, die dort arbeiten – mitten in Deutschland glaubt man plötzlich, die Dritte Welt zu sehen.