Esther, das ist doch ein jüdischer Name. Und außerdem bist du ne rote Socke.“ Drei Tage nach dem Mauerfall wurde die zwölfjährige Esther Zimmering in ihrer Identität erschüttert. Von da an wusste sie: Es gibt in der untergehenden DDR auch Nazis und nicht nur aufrechte Kämpfer für Fortschritt und Weltfrieden. Eine erste Irritation hatte sie schon vorher erlebt: Als ihr Vater ihr nicht sagen durfte, wo sie arbeitete – er war Arzt bei der NVA der Nationalen Volksarmee.

Fast 30 Jahre später erzählt Esther Zimmering, inzwischen eine bekannte Schauspielerin die Geschichte ihrer Kindheit und Familie in ihrer ersten Regiearbeit: „Swimmingpool auf dem Golan“. Es sind verschlungene Pfade der Erinnerung und Rekonstruktion, des Aufdeckens von Familiengeheimnissen, von Vergessenem und Verleugnetem: Die Geschichte von Juden in der DDR, von einer Berliner Familie, von der nur wenige vor 1939 den Weg ins rettende Exil nach England und Palästina schafften. Zimmering ist unbedingt persönlich.

Fragende frische Filme

Und es ist die Leistung der Berliner Produzenten Nora Ehrmann und Paul Zischler und der Montage von Friedrike Anders, die Unmengen Archivmaterial und die mäandernden Suchbewegungen zusammenzuhalten und zu einem konzisen Film zu fügen.

Es sind solche fragenden Filme und frischen Perspektiven, die den Reiz des Programms des Festivals Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken ausmachen – die Überschreitung der schieren Tatsachen in Richtung eines Schwebezustands zwischen Wirklichkeit und Phantasie.

Wertvoller Ort der Entdeckungen

Genau darum geht es seit Montagabend bereits zum 39. Mal wieder sechs Tage lang in Saarbrücken – längst ist dies das nach der Berlinale wichtigste deutsche Filmfestival und der wichtigste Termin für den deutschsprachigen Nachwuchs- und Independent-Film. Das Wort „deutschsprachig“ ist in diesem Fall wichtig, denn hier laufen auch österreichische, Schweizer und gelegentlich Luxemburger Filme.

Saarbrücken ist ein besonders wertvoller Ort der Entdeckungen, und der Zukunft des Kinos. Denn neben Spiel- und Dokumentar-Filmen gibt es hier auch Wettbewerbe für Kurzfilme und – eine Spezialität – für sogenannte „mittellange“ Filme zwischen 30 und 60 Minuten. Gerade in dieser Sektion finden sich oft die mutigsten, im guten Sinne riskantesten Filme des Festivals.

Der Hauptmann von Schwentke

Eröffnet wurde mit der Deutschlandpremiere von „Der Hauptmann“. Der Film erzählt die böse Wahrheit hinter dem volkstümlichen Kitsch des Hauptmanns von Köpenick, eine abgründige Geschichte über Untertanengeist, deutschen Sadismus und den Zerfall aller Werte in den Jahren des Zivilisationsbruchs unter den Nazis.

Dieser Film stammt Robert Schwentke, einem Grenzgänger zwischen Hollywood und europäischem Autorenkino. In seinem ersten deutschen Film nach Jahren wirft er einen Blick auf den Nationalsozialismus, wie man ihn noch nie gesehen hat: In Schwarzweiß mit dem Mut zur Geschmacklosigkeit – denn wie könnte man die Geschmacklosigkeiten der Nazis irgendwie geschmackvoll zeigen, ohne die Opfer zu verraten?

Mut zur Phantasie

Mit gefriergetrocknetem Humor und Neugier, dabei von Trauer und Entsetzen erfüllt, gelingt Schwentke ein Film, der den Nationalsozialismus als die blutige Travestie, als Hochstapelei und als Ausbruch unterdrückter Triebe zeigt.

„Der Hauptmann“ führt gerade dem Nachwuchs vor, worauf es ankommt, wenn man gutes Kino machen will: Nicht auf Geld und Stars, nicht auf Unterwerfung unter ein imaginäres Publikum. Sondern auf Neugier, auf Stilwillen, auf Mut – Mut zur eigenen Phantasie.

Kontrapunkt zum Mainstream

Zumindest zwei Filme sprechen dafür, dass sich Saarbrücken unter seiner noch neuen Leiterin Svenja Böttger, bemüht, deutliche Kontrapunkte zum Mainstream zu setzen, mit seiner Diktatur der Dreiaktstruktur, der „Erzählabsichten“ und des Zwangs zur Identifikation mit Charakteren, die selbst erfahrenen Regisseuren von den Dramaturgen der Gremien eingebläut werden.

Ein Beispiel ist „A Thought of Ecstasy“ von RP Kahl, der noch in dieser Woche ins Kino kommt, und in Saarbrücken eine Vorpremiere erlebt. Ein Erotikthriller auf den Spuren von Lynch und Wenders. Die Figuren in diesem Film sind vor allem Phantasiegebilde, sie existieren im Kopf der Hauptfigur und damit in dem der Zuschauer: Eine Piratenbraut mit Augenklappe, eine Prostituierte, eine Femme Fatale, eine Wahrsagerin. Der Cast ist ein Mix aus Stars wie Deborah Kara Unger, die schon bei David Cronenberg gespielt hat, und Buddy Giovinazzo sowie Newcomerinnen wie Ava Verne und Lena Morris.

„Sarah spielt einen Werwolf“ heißt das sehr gelungene Debüt der Berliner Filmhochschülerin Katharina Wyss: Das einfühlsame, originell erzählte Portrait einer 17-Jährigen, die sich in ihre eigene Realität zurückzieht. Es zeigt die unheimliche Nachtseite des Heranwachsens und unseres Lebens überhaupt, souverän inszeniert.

Mehr davon!

Die ebenso rätselhafte wie enorm kraftvolle Präsenz der Hauptdarstellerin Loane Balthasar lässt Abgründiges hinter der scheinbaren Verschlossenheit ihrer Figur durchscheinen, ein Missbrauch möglicherweise, allemal der Horror der Kindheit und ein Abschied von den Eltern. Es sind solche Filme, von denen man sich viel mehr in Deutschland wünscht. Von denen man hofft, dass sie Schule machen und den deutschen Film aus dem Winterschlaf wecken.

Viel Genrekino ist auch zu sehen: Der Endzeitthriller „Fremde“, der von einer Familie in einem Bunker erzählt. Ein Film über die Liebe zu einem Alien. In „Cops“ erschießt ein junger Polizeirekrut in Notwehr einen psychisch kranken Mann. In „Reise nach Jerusalem“ geht es um eine Frau in den Mühlen der Jobcenter. Das sind nur eine wenige Streiflichter aus einem sehr vielfältigen Programm.