Ein tolles Stück. Vassa Shelesnova, Besitzerin einer Schifffahrtgesellschaft an der Wolga, hat Pech mit ihrer Familie. Ihr Mann ein Kinderschänder, eine Tochter halbdebil, die andere Säuferin. Vassas Bruder verprasst das Geld und schwängert das Dienstmädchen, der Sohn im Ausland sterbenskrank, die Schwiegertochter bereitet den kommenden Aufstand vor. „Vassa Shelesnova“, Maxim Gorkis Familienportrait einer untergehenden Klasse, ist hoch getunter Tschechow, ins Bösartig-Bittere zugespitzte Melancholie. Aber anders als die Figuren bei Tschechow hält sich die Shelesnova nicht mit Jammern auf, sie beseitigt den Gatten mit Gift, bespitzelt und kujoniert die törichten Töchter, und der zukunftsgläubigen Schwiegertochter entzieht sie kurzerhand das Kind.

Die erste Fassung seiner „Vassa“ schrieb Maxim Gorki nach den russischen Aufständen von 1905, da hatten die bourgeoisen Untergeher noch einmal den Kopf aus der bolschewistischen Schlinge gezogen. 1935 schrieb er um und neu und packte – wie von den Stalinisten gefordert – als positive Heldin Rachel mit ihrem exklusiven Zukunftsblick ins Familiennest. Besser ward das Stück dadurch nicht, nur einfältiger.

Man kann das derzeit auf deutschen Bühnen besichtigen. In München spielen die Kammerspiele die Frühfassung als wär’s eine Inszenierung von Peter Stein. Noch das Löschpapier auf dem Schreibtisch ist historisch obergenau. Alvis Hermanis hat im Wimmelbühnenbild mit Tauben und Wintergarten inszeniert, die Münchner spielen ohne Ach und Weh, nicht einen Gran sentimental, sondern messerscharf, böse, einen gnadenlosen, heillosen Weltzustand, in dem der Familienmord zum Abendessen genommen wird wie Sahne zum Tee.

Im Berliner Ensemble hat Manfred Karge die Fassung aus den Jahren des großen Terrors in der Sowjetunion neu bearbeitet. 100 Minuten, Verzicht auf Ausgemaltes, nur das Wichtigste. Das indes mit Volldampf. Swetlana Schönfeld als Shelesnova bedient sich dafür dreier Modi: Hand-auf-Tisch-knallen (hier bestimme ich), Finger-in-die-Luft-stechen (ich sage dir doch …), Brüllen mit kasernenhoftauglichem Organ.

Manchmal kombiniert sie zwei Modi und geht dabei rückwärts, des engen, knöchellangen Rockes halber mit Trippelschritten und gebeugten Knien, sticht und brüllt. Das sieht lustig aus, wenn der Schönfeld-Finger hinter dem uniformierten Rücken von Dieter Montag, der Shelesnov spielt, hervorfährt, als scheuchten sich da zwei alt gewordene Kindsköpfe in husch-husch-Du-Du-Du-Manier im Elternwohnzimmer herum.

Der dritte Altstar, Roman Kaminski, als Shelesnova-Bruder, spielt dazu Klavier und hält sich zuletzt, eine Karge-Zutat, für Chopin. Der Chauffeur (Michael Kinkel) gibt mit Russen-Schnäuzer genregerecht den Tanzbären, die Haushälterin (Claudia Burckhardt) verbirgt ihre Leibesfülle hinterm schütt’ren Lorbeerbäumchen, die Töchter (Johanna Griebel, Katahrina Susewind) schnüren transusig in der Kindermode von dunnemals durchs klassizistische Wohn- und Werkgemach. Finster die Blicke, schreitend der Schritt, die Kiefer mahlen: unversehens finden wir uns bei „Deutschland sucht den Hotzenplotz“ wieder. Und durchs Off braust ein Motorrad davon.

Unverhohlen gesagt, ist das, was der langjährige Leiter der Regie-Ausbildung an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst als ebensolche ausgibt, eine pechschwarze Peinlichkeitspfütze. Ein anfängerhaftes Deklamationsunglück. Das im Karl-May-Film endet, wenn sich Shelesnova hie und Rachel (Marina Senckel in Krawatte, Hosen, langem Mantel, ganz revolutionäres Tatweib) an der Rampe begegnen – Augengeblitze, unterdrückte Träne, mühsam gebändigte Wut – und Rachel der Alten die Botschaft des Abends an den Kopf knallt: „Ich kenne ihre Klasse … eine hoffnungslos kranke Klasse … Sie unterwerfen sich der Macht des Geldes und der Dinge!“

Da fragt man sich doch einigermaßen entnervt: Soll das eigentlich zum Lachen sein? Oder ist es bloß zum Heulen?

Die Vertreter der schon seit 150 Jahren absterbenden Klasse im Parkett jedoch gaben jedenfalls Bravi-Rufe.

Vassa Shelesnova, 5., 25. April, Berliner Ensemble, Karten: 28 40 81 55