Berlin - Kann sich eigentlich noch jemand an Einar Schleef erinnern? Die Frage scheint rhetorisch. Natürlich erinnert man sich. Zum 10. Todestag dieses großen, immer wieder als Berserker verschrienen Theaterregisseurs (und Schriftstellers und Malers und Fotografen und Bühnenbildners etc.) im vergangenen Jahr hat sich die Erinnerungsmaschinerie durchaus pflichtschuldig in Gang gesetzt: Ein paar Zeitungsartikel erschienen und auch ein neues Buch mit Schleef-Texten und Schleef-Fotos.

In Sangerhausen, dem Geburtsort Schleefs im Südharz, gab es ein kleines Festival mit Theatergastspielen, Lesungen und Ausstellungen. Die Stiftung Moritzburg zeigte in Halle eine Auswahl von Schleefs zeichnerischen Arbeiten. Und am kommenden Wochenende legt das Maxim-Gorki-Theater nach und präsentiert ein zweitägiges „Schleef Spezial“-Spektakel mit einer achtstündigen „Langen Nacht der Schleef-Tagebücher“ und der Berliner Premiere von „Droge Faust“, einer in Koproduktion mit Leipzig entstandenen Inszenierung nach Goethe und Schleef des Noch-Gorki-Intendanten Armin Petras.

Aber erinnert sich noch jemand, wie es wirklich war mit Einar Schleef? Eine vielleicht symptomatische Szene aus dem letzten Sommer: Das erwähnte neue Buch wurde im Rahmen der „Berliner Mauerwoche“ vorgestellt, der Herausgeber Jörg Aufenanger und der Schauspieler Horst Hiemer lasen und plauderten anschließend sehr freundlich und harmlos mit einer Osnabrücker Theaterwissenschaftlerin, die reichlich unvorbereitet wirkte.

Bis es der Schriftstellerin Ricarda Bethke, die unter den Zuhörern saß, zu viel wurde: Sie sprang auf (vielleicht blieb sie auch sitzen, aber mindestens fühlte es sich so an, als springe sie auf) und empörte sich. Diese Veranstaltung – so sagte sie sinngemäß, nein, so brach es aus ihr heraus – habe nichts mit Schleef zu tun, nichts von der Dringlichkeit seiner Kunst sei zu spüren, der Künstler Schleef werde verkleinert. Einige im Publikum reagierten betreten, andere freuten sich leise: Endlich sagt’s mal eine.

Zwangsläufig wird harmonisiert

Es ist offensichtlich ein Problem. Wenn man sich heute an Schleef erinnert, dann wird harmonisiert. Vielleicht zwangsläufig. An erster Stelle stehen dann oft die Anekdoten, in deren Mittelpunkt ein durchgeknalltes Genie steht: Eines, das als Kind nicht in einen Zaubertrank fiel, sondern aus einem fahrenden Zug heraus, das irgendwie drollig stotterte und das den Theaterbetrieb zur Weißglut trieb, indem es reihenweise seine ohnehin seltenen Premieren platzen ließ. Ein Gespräch über Schleef endet oft mit wissendem Geschmunzel und amüsiertem Kopfschütteln: Ja, ja, das war schon eine kuriose Type. Und im Geschmunzel und im Kopfschütteln wird ein großer Künstler ins handliche Format gepresst, ins Format des Witzes.

Als Einar Schleef noch lebte, war das ganz anders. Die Emotionen – nicht zuletzt die vom Hass gespeisten −, die seine Theaterinszenierungen auszulösen vermochten, waren gewaltig. Berühmte Kritiker wie Benjamin Henrichs oder Sigrid Löffler fühlten sich in Geiselhaft genommen und sprachen von „totalitärer Despotie auf dem Theater“. Schauspieler verließen Proben mit Sätzen wie: „Das ist mein Theater nicht mehr“, und der Regisseurskollege Peter Zadek fühlte sich bemüßigt, das Wort „Faschismus-Scheiße“ zu verwenden.

Dabei hat Schleef doch „nur“ ernst gemacht mit seiner Kunst: Er hat Texte von Aischylos über Goethe bis Elfriede Jelinek hergenommen, in ihnen archetypische Konstellationen aufgespürt und ihre Gehalte in räumliche, bildliche und rhythmische Energien übersetzt. Dabei rasselten riesige Chöre mit Individuen zusammen, dass es nur so krachte. Doch die grundstürzenden Konflikte, die Schleef zeigte, waren immer die der inszenierten Stücke – und die der Gesellschaft. Diese ertrug es offensichtlich nicht, dass er ihr mit seinen Theaterbildern so nahe kam.

Hilflose Versuche gegen die Vergänglichkeit

Dass die Heftigkeit der Reaktionen auf Schleefs Theater – und es gab ja auch immer die euphorischen – nicht mehr recht nachvollziehbar ist, liegt schlicht daran, dass es nicht mehr da ist: Theater ist eine vergängliche Kunst. Die Versuche aber, Schleefs Theater noch einmal zu vergegenwärtigen, wirken oft hilflos.

Man nimmt dann meist einen Aspekt Schleefs her und imitiert ihn. Beispielsweise den Chor, den es auch am Sonnabend um 22.30 Uhr vor dem Gorki-Theater in Form eines im Idealfall gigantischen Flashmobs geben soll. Oder man versucht, die zeitlichen Dimensionen der häufig so vielstündigen Aufführungen Schleefs noch zu übertreffen: Die Volksbühne brachte gleich nach Schleefs Tod eine 24-stündige Lesung seines Romans „Gertrud“ zustande.

Das ist alles ehrenwert, aber es verkennt, dass Schleefs Formen nicht einfach zufällig übergestülpte Mittel waren, sondern in einer zwingenden Spannung zum Inhalt seiner Kunst standen. Es ist dieser unbedingte Ernst im Umgang mit den Gehalten, dieser obsessive Anspruch, Form und Inhalt wechselseitig auseinander hervorgehen und aneinander explodieren zu lassen, an den erinnert werden muss. Und das geschieht selten und viel zu selten leider auch bei den Regisseuren, die sich heute auf Schleef berufen. Nicht Einar Schleefs Mitteln, seinem Anspruch gälte es nachzueifern.

Wenn das Theater nicht mehr da ist, kann man sich immerhin noch an Schleefs „unvergängliche“ Kunst halten: an seine Gemälde, Fotos, Theaterstücke, Schriften und Tagebücher. Hier aber besteht nach wie vor ein Problem der Rezeption: Die meisten, die sich für diese Werke interessieren, suchen darin ein Surrogat für sein Theater. Und die anderen gehen allzu oft achtlos daran vorbei.

Nur die Zukunft kann zeigen, wie sehr sich Schleefs Arbeiten in den nicht-theatralen Gattungen ins kollektive Gedächtnis werden eingraben können – dann, wenn es die Leute nicht mehr gibt, die sich partout an sein Theater erinnern wollen. Der Blick derjenigen, die nie eine Inszenierung Schleefs gesehen haben (viele von ihnen sind übrigens an der „Langen Nacht der Tagebücher“ am Gorki-Theater beteiligt), dürfte hier ein freierer sein. Wichtig wäre nur eines: dass man diese Werke außerhalb der Insider-Zirkel überhaupt erst zur Kenntnis nimmt. Auch deshalb sollte man ab und zu an Einar Schleef erinnern.

Wolfgang Behrens hat eine Schleef-Chronik verfasst: „Einar Schleef. Werk und Person“ (Verlag Theater der Zeit)