Berlin - Dies ist ein Theaterabend mit drei bärtigen Männern mittleren Alters, einem Eiswindgebläse, mehreren Vorhangtüchern mit zuweilen lustig bunten Comicbilderstürmen darauf, vielen Litern Kunstkotze, einer herrlich matschigen Leberverspeisungsszene, zeitweilig schön lautem Soundgedröhn, aber auch tollen Softierocksongs und einer beeindruckenden Bandbreite an Lall-, Nuschel- und Knurrsprechweisen.

Überraschenderweise hat diese Mischung das Premierenpublikum im Maxim-Gorki-Theater zu allerlei Unmutsäußerungen verleitet. Bereits nach knapp zwanzig Minuten verabschiedete sich ein älterer Herr mit der Auskunft: „So schlechtes Theater“, was Steve Binetti lässig mit der Erklärung konterte: „Das haben wir ganz lange geübt!“ Später wird aus dem Publikum die Meinung kundgetan, man habe es hier mit „Körperverletzung“ (das Gedröhn) zu tun, und überhaupt reiche es jetzt aber mit diesen Bühnenmachenschaften (vor allem an Kunstkotze).

Ob’s reicht, ist natürlich eine Frage der Erwartung. Und Sebastian Hartmann, der verantwortliche Regieleiter des Abends, spielt zu Beginn überdeutlich mit Erwartungen, die an ihn haben mag, wer zu den Kennerzirkeln des Inszenierungsbetriebs und nicht zum Hauptteil des Publikums, nämlich dem gelegentlichen Theatergeher, gehört, wer mithin weiß, dass Hartmann einer ist, der gern verschwenderisch großspurige Opulenzbilder entwirft. In Leipzig, wo Hartmann noch bis Mitte 2013 Intendant des Centraltheaters ist, gibt es einige dieser Großbildbühnenabende zu bestaunen, wahnwitzig komische wie „Pension Schöller“, hochgepumpt existenzialistische wie „Der Zauberberg“. Hartmann macht in der Regel Theater in Großbuchstaben.

Das findet in Berlin nicht statt. Hartmann lässt seinen Zweistünder doppelt unterstrichen minimalistisch beginnen. Die drei Bartmänner hocken sich auf einen schmalen Gerüstvorbau, lassen die Beine baumeln und verpusseln sich im Nacherzählen der Romanvorlage, Hans Falladas 1944 in kürzester Zeit hingehechelten, autobiografisch grundierten Roman „Der Trinker“.

Der eine hat dabei vornehmlich mit seinen Gitarren zu schaffen (Steve Binetti), der zweite (Samuel Finzi) nimmt jeden einzelnen Satz zum Anlass, sein Gesicht in eine Gram- und Grübellandschaft zu verwandeln, als gälte es, alles nach außen zu stülpen, was sich an Angst und Einsamkeit zusammensammeln lässt, während der dritte (Andreas Leupold) jede Gelegenheit nutzt, um sein Angesicht gleichsam nach innen zu falten, die Augen zu kneifen und die Silben zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurchzuquetschen.

Dem Selbstverwirklichungsdruck erlegen

Das ist schön. Leupold und Finzi kriechen in Erwin Sommer, die Ich-Erzähler-Figur, regelrecht hinein, lallen, knurren, nuscheln, singen, kreischen, schweigen, schauen. Der Anfang hat in seiner hörspielhaften Anmutung die Qualitäten einer schläfrigen Séance, er wirkt wie eine launisch lapidare Romanbeschwörung. Zwanzig Minuten lang macht der Abend damit glauben, er habe der Vorlage theaterspezifischerweise etwas hinzuzufügen, als wisse er aus den Romansätzen etwas herauszukitzeln, das die Lektüre übersteigt.

Der Trinker, von dem bei Fallada die Rede ist, der mittelständische Durchschnittsunternehmer auf dem geraden Weg in den Suff, tritt als Stellvertreter einer sattsam bekannten Gesellschaft auf, aus der lauter Leistungssubjekte hervorgehen, die dem allgemeinen Erfolgs- und Selbstverwirklichungsdruck gnadenlos erlegen sind.

Denn natürlich will Hartmann – wie es sich für einen ordentlich gegenwartsgeerdeten Theatermann gehört – keine einfache Säufergeschichte erzählen, er zielt auf die großgesellschaftlichen Dimensionen. Man ist ja nie nur für sich süchtig, nie allein mit seiner Einsamkeit und Angst, sondern stets in einen überschießenden, unkontrollierbaren Kontext gestellt.

Die Hölle ist immer das große Ganze, die Menge der Anderen, die Masse der Gesamttatsachen. „Ich bin in die Hölle geraten“, ruft Finzi einmal ins Publikum, in einen weißen Entertainment-Anzug gehüllt. Er wiederholt den Satz, sucht mit irr aufgerissenen Augen im Irgendwo herum - aber die Hölle bleibt hier nur ein Wort, ein stummer Begriff.

Ein leerer Rausch

Daran ist Fallada schuld. „Der Trinker“ ist sozusagen die Groschenheftvariante eines Suchtromans. Wahrscheinlich lassen sich aus diesem seltsam seelenlosen Buch tatsächlich nur zwanzig Theaterminuten herauspressen. Wer von Panik und Verlorenheit lesen will, wer den Dämonen der Drogen, den schwarzen Seelenflügeln begegnen mag, muss „Unter dem Vulkan“ von Malcom Lowry lesen.

Oder, noch besser, weil drängender, dichter, „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace, der Bibel für alle Kenner des großen Doppel-D, Drogen und Depression, ein Buch über den „Ekel der Zellen und Seele“ und die „Angst im Zeitraum zwischen zwei Herzschlägen“. Das wird im März am Münchner Volkstheater uraufgeführt und seine Bühnentauglichkeit zu beweisen haben. Falladas „Trinker“ hat sich bei Hartmann jedenfalls aufs Beste als nicht theatertauglich erwiesen.

Er hat diesen Roman offenbar inszenieren wollen, weil er sich zum Absprung in unfalladahafte Gefilde eignet. Also lässt er Finzi und Leupold zwar weiterhin Romanworte sagen, hält sich auch in groben Zügen an die einfache Handlung (im ersten Teil säuft Erwin Sommer, im zweiten hockt er in Knast und Trinkerheim), aber das Spiel kippt vom simulierten Schnaps- in den behaupteten Kunstrausch; die Erlösungshoffnungen werden vom Alkohol auf die Ästhetik übertragen.

Der Übergang ist die vermutlich längste und lustigste Kunstkotzszene der Theatergeschichte. Finzi und Leupold halten sich dicke Schläuche an die Münder, aus denen unermüdlich gelber Schlamm herausquillt. Bald schaufeln sie ihn in ihre Jacketttaschen, Finzi spritzt in die Höh’, Leupold beißt herzhaft manschend in eine labbrige Leber. Es ist eine jener Sauereien, bei der die Zuschauer in Reihe eins froh sind, eine Plastikfolie zum Schutz der Garderobe erhalten zu haben.

Fortan haben wir es also mit einer ausgestellt schrillen Kunstsuchtshow zu schaffen. Über die Leinwand laufen bunte Halluzinationsbilder, das Gebläse formt sie zur Riesenwelle, zwei Glöckner von Notre Dame treten auf, Steve Binetti fällt in Singsang, ein Goldvorhang wird aufgezogen.

Fortan stürzt sich diese Inszenierung folglich in einen ziemlich selbstverliebten und mithin immer langweiliger werdenden Zeichenrausch, einen Theatermittelexzess. „Der Trinker“ mutiert zur Suchtstory ohne Fall-, Gedanken- und Gesellschaftstiefe. Es bleibt: ein leerer Rausch.

Der Trinker: 7. und 23. Februar, Maxim-Gorki-Theater, K.: 202 211 15