Ein Teil von ihr fühlt sich schuldig. Schuldig, egoistisch, opportunistisch. „Nicht da zu sein in dieser beschissenen Zeit“, sagt Yael Ronen. Es geht um ihr Land, Israel. Aber sie sei nicht besonders optimistisch, was die Möglichkeit für Veränderungen dort angehe. „Und ich bin keine Aktivistin.“ Yael Ronen, 38 Jahre alt, ist seit dieser Spielzeit, der ersten unter der Intendantin Shermin Langhoff, Hausregisseurin am Maxim-Gorki-Theater. Und sie ist Teil der rund 30.000 Israelis zählenden Gemeinde in Berlin. Warum Berlin? Es sei günstig, kosmopolitisch, ein Anziehungspunkt für Künstler. „Ich kann in Berlin mit denselben Leuten ausgehen wie in Tel Aviv“, sagt sie. „Das ist toll, aber es ist auch traurig.“

Es ist Montagnachmittag, durch die Fenster der Kantine im Gorki-Theater scheint die Sonne. Yael Ronen schlägt vor, sich nach draußen in den Garten zu setzen. „Ich hatte solche Angst vor dem Winter hier, und nun ist er schon vorbei“, sagt sie. Sie zieht das Notizbuch zu sich herüber und schreibt ein Wort hinein: Yerida. Es ist der Begriff für die Auswanderung eines Juden aus Israel. Ein negativer Begriff. „Er bedeutet Abstieg“, sagt Yael Ronen. „In Israel sehen sie uns als Verräter, als Menschen ohne Rückgrat.“

Sie sagt nicht, dass sie in Berlin lebt. Vielleicht aus Schuldbewusstsein. Vielleicht liegt es auch an der Erinnerung an die Großeltern. Sie weiß, dass sie es nicht gerne sehen würden. Ihr aus Wien stammender Großvater habe ihrem Bruder verboten, einen österreichischen Pass zu beantragen, als er noch am Leben war. Sie befinde sich im Übergang zwischen Tel Aviv und Berlin, sagt sie also stattdessen. Dabei wohnt sie seit vergangenem August in Neukölln, in der Gegend des Bezirks, in dem sich in den vergangenen Jahren Kreative aus aller Welt niedergelassen haben. Ihr vierjähriger Sohn geht in eine Neuköllner Kita. Doch ihr Mann, ein Schauspieler, ist noch in Tel Aviv. Und die Eltern. Die Mutter ist Schauspielerin, der Vater künstlerischer Direktor des Habimah-Theaters in Tel Aviv, das Nationaltheater Israels.

An diesem Freitag hat ihr Stück „Common Ground“ am Gorki-Theater Premiere. Es ist, nach „Der Russe ist einer, der Birken liebt“, ihre zweite Arbeit an diesem Haus. „Common Ground“ beschäftigt sich mit einem Land, das es nicht mehr gibt: Jugoslawien. Und dem Konflikt, der weiter besteht, auch wenn der Krieg zu Ende ist. Was sie daran interessiert? „Yaeli liebt Völkermorde“, sagte ihr Bruder dazu in einem Interview mit „Theater heute“. Sie selbst sagt: „Das ist wie wenn man eine Krankheit hat und alles darüber wissen will.“ Wie die Ex-Jugoslawen, mit denen sie das Projekt verwirklicht, kommt auch sie aus einem Land, dessen Geschichte Narben hinterlassen hat.

In Israel galt Yael Ronen als „shooting star“ der freien Szene. Sie beschäftigte sich vor allem mit dem Nahost-Konflikt: in „Dritte Generation“ etwa, einem Stück, das sie mit jüdischen, palästinensischen und deutschen Schauspielern entwickelte. Darin geht es um deren Familiengeschichten, die mit ihnen verbundenen Rituale, die Vorurteile, die Wut. Das israelische Außenministerium warf Yael Ronen vor, sie vergleiche den Holocaust mit der Nakba, der Flucht und Vertreibung arabischer Palästinenser aus Palästina.

Was die Herkunft angeht, ist alles verworren

Auf der Bühne des Gorki-Theaters laufen an diesem Nachmittag Männer und Frauen mit angepappten Schnurrbärten hin und her. Sie repräsentieren die Vorfahren eines der Hauptdarsteller. Er erklärt, warum er nicht einfach ein Serbe ist. Was die Herkunft angeht, ist alles verworren, vermischt. Bei ihm ist Italien drin, Kosovo, Montenegro, Bosnien und so weiter. Er singt vorne an der Bühne ein Lied, bis ein Deutscher kommt und ihm das Mikrofon aus der Hand reißt. Yael Ronen tritt vor zur Bühne und macht die Gesten vor, mit deren Hilfe der Deutsche den Beleuchtern klar machen soll, dass er mehr Licht will, und dass sie die Musik abstellen sollen. Sie reißt die Arme hoch, bohrt sich mit dem Finger im Ohr. Es scheint, als sei ihr nicht lebendig genug, was sie gesehen hat. Sie gibt ihre Anweisungen auf Englisch. Den deutschen Text der Schauspieler verstehe sie aber inzwischen, sagt sie später.

Die Schauspieler in „Common Ground“ stammen alle aus Ex-Jugoslawien und leben in Berlin. Yael Ronen sagt, dass sie dieselbe Sprache sprechen, als Kinder dieselben Fernsehserien geguckt haben und heute in derselben Stadt leben. Das ist ihr common ground, die Basis, die sie teilen. Aber in Hinblick auf die Geschichte hätten sie je nach Herkunft eine ganz unterschiedliche Perspektive. Yael Ronen hat sie eigens für dieses Projekt engagiert, sie ist mit ihnen in ihre alte Heimat gefahren. Nach Sarajevo, nach Mostar, in das Dorf Tomasica in Bosnien-Herzegowina, wo erst im vergangenen Jahr ein Massengrab entdeckt worden ist, in dem Muslime und Kroaten liegen, die von bosnischen Serben gefoltert und getötet wurden. „Common Ground“ spiegele das wider, was sie auf dieser Reise erlebt hätten, die starken Gefühle, die das ausgelöst hätte, die Gespräche darüber, sagt Yael Ronen. Kollektiv nennt sie ihre Arbeitsweise. Sie hat „Common Ground“ zusammen mit ihren Schauspielern entwickelt. „Es war wie eine Gruppentherapie.“

Ihr in einer Neuköllner Kita sozialisierter Sohn wird diese gemeinsame Basis mit israelischen Kindern einmal nicht haben. Für Yael Ronen ist das kein Problem. „Es gibt immer noch die gemeinsame Sprache“ sagt sie. Und es gebe auch Vorteile für ihren Sohn. Ihr Mann ist Palästinenser. Eine solche Verbindung sei in Israel ungewöhnlich, selbst in ihrer säkularen, politisch eher linksorientierten Szene. „Mein Sohn wäre mit vielen Problemen konfrontiert.“

Doch die Verbindung mit Israel ist ihr wichtig, auch was ihre Arbeit angeht. Israelische Theater würden weniger gefördert als in Deutschland, die großen Bühnen müssten ein kommerzielles Programm machen. Theater sei äußerst beliebt. „Es gehen mehr Leute ins Theater als zum Fußball“, sagt sie. Und sie würde gern wieder mit hebräischen Schauspielern arbeiten. In ihrer Muttersprache.

Ob es schon ein Thema für ein nächstes Projekt gibt, ein anderer Konflikt vielleicht? Yael Ronen erzählt von Costa Rica. Sie kennt das Land von einer Reise, die sie nach ihrem zweijährigen Wehrdienst gemacht hat. Kürzlich war sie zum zweiten Mal dort. Es gebe dort internationale Gruppen, die alternative Lebensformen ausprobierten. „Zurück zur Natur, Einfachheit“, sagt sie. „Das interessiert mich.“ Dann geht sie die Treppe hinauf zum Theatersaal.