Freilich wär’s möglich, einen Zaunpfahl herzunehmen, um dem Publikum einzuhämmern, dass es schlimm verstockt ist, selbstgerecht und harthörig, herablassend zudem allem Fremden gegenüber, allen Minderheiten und überhaupt allem, was anders als die Masse und die Mode ist, so dass es im besten Falle Abweichler lediglich zu dulden weiß, was allerdings längst keine Toleranz und von der Akzeptanz noch weit entfernt ist. Aber ein einzelner Zaunpfahl nützt da ja nichts, es braucht den ganzen Zaun. Es muss viel mit vielen Latten gehämmert werden, sehr viel und sehr entschieden. Und wir sagen: mit Recht! Denn das Publikum ist verstockt, Sie und ich, alle sind es. Deshalb: Her mit dem Zaun! Das hilft, wir spüren es.

Folgendes trug sich im Gorki-Theater zu: Nurkan Erpulat hat seine Ende April 2012 am Wiener Volkstheater herausgekommene Maxim-Gorki-Inszenierung „Kinder der Sonne“ für Berlin aufgefrischt, besetzt mit dem hiesigen Ensemble, hineingestellt in eine Spielplanpolitik unter der neuen Intendanz von Shermin Langhoff und Jens Hillje, der nichts so wichtig ist wie ihr Haus als Theater der Minderheiten wider die störrische Mehrheit in diesem Land (die Nicht-Migrantischen und Heterosexuellen zum Beispiel) zur Geltung zu bringen. Und dieser knapp zweistündige Erpulat-Abend fügt sich bestens ins Geltungskonzept des neuen Gorki-Theaters.

Gorkis 1905 in seiner Gefängniszelle der St. Petersburger Peter-und-Pauls-Festung verfasstes Szenenwerk erzählt ja von einer Schar Menschen, die in einem Haus beieinander wohnen, sich entweder mit ihren Gefühlsverknubbelungen, also Liebesunglücksbeziehungen befassen. Oder aber mit ihrer vermeintlich dem Fortschritt geweihten Arbeit, mit ihren Schimpfgirlanden, die sie wortreich einer allzu schlechten Welt um den Hals winden, mit den schönen Künsten und dabei viel vom kommenden Menschen und den heraufdämmernden Freuden reden. Aber die Welt um sich herum sehen sie nicht. Wollen sie nicht sehen. Können es nicht. Begreifen nichts, handeln nicht. Reden nur, träumen herum. Wenn dies kein Stück ist, das sich zur Umerziehung der Verstockten eignet!

Keine Zweifel

Ist es. Und Nurkan Erpulat lässt keinerlei Zweifel aufkommen. Das Bühnenbild zum Beispiel: Statisten halten an Seilen die Kronleuchter hoch, zwei von ihnen sind als Tischplattenträger angestellt. Wenn sie Pause haben, rauchen und Äpfel essen, muss auf der Bühne gewartet werden, bis es weitergehen kann. Ja!, die Bühnenarbeiter!, die im Dunkeln, am Rand, ohne die an einem Theater nichts, gar nichts läuft! Hier sieht man sie.

Schön auch, wie sich Sesede Terziyan und Thomas Wodianka in Ehekrisendialogen ergehen, wie Till Wonka weltverachtend raucht und Mareike Beykirch sich selbstvergessen an einer himmelfernen Verliebtheit berauscht, und wie dieses umweltluftdichte Illusionsspiel, diese von allen wahren und wirklichen Realitäten draußen herum abgekapselte Schöntun aufs Herrlichste immer wieder gesprengt wird, indem das sogenannte Draußen hereinknallt. Wenn Sema Poyraz zum Beispiel den Staubsauger anmacht, der alles Gerede dieser Welt übertönt. Oder wenn sie sich zur Gruppe aufstellen und ein altes Tiroler Volkslied singen: „Fein sein, beinander bleibn, mags regn oder windn oder aber schneibn. Fein sein, beinander bleibn.“ Ja, so ist die Welt da draußen, so sind die Tiroler, aber keineswegs die Tiroler nur, sondern eben alle Verstockten: Beieinander soll für sie bleiben, was kein Anderes und kein Fremder zu stören hat.

Bei Gorki tobt draußen die Cholera und bricht am Ende ungeschönt ins Seifenblasenleben der Figuren ein, bei Erpulat ist es schlimmer. Dass er zaunpfahlmäßig die Tiroler als Einzelbeispiel für das große ganze Schlimme nimmt, dass er alles überdeutlich doppeltunterstrichen inszeniert – nur zu verständlich. Dass er damit seinen Schauspielern einen Misstrauensantrag vorlegt, weil er ihnen offenkundig die Fähigkeit (oder das Recht?) abspricht, auch ohne regiebetriebene Deutlichkeitsverstärker auszukommen, wird dabei augenscheinlich in Kauf genommen. Und wenn Falilou Seck wutschnaufend ruft, er sei doch auch ein Mensch, dann hat er – genau, eine Zaunlatte in der Hand. Aber das reicht nicht. Die zornige Menge der Ausgegrenzten und Namenlosen, die bei Erpulat von der Straße hereinpoltert – Statisten, die viele, sehr viele Latten dabei haben. So muss es sein, anders haben wir Verstockten es nicht verdient. Jubel im Gorki-Theater.

Kinder der Sonne 29. Jan., 9. Feb. im Maxim- Gorki-Theater, Karten: 20221115