Misst man den ekstatischen Schreien und Begeisterungspfiffen des jugendlichen Fanpublikums am Samstagabend im Gorki-Theater einen Wert bei, müsste man das Stück, das zuvor dort ablief, komplett gescheitert sehen. Denn nichts haut diese 28 Seiten leichte, zwischen Stumpfheit und Klarsicht wandernde, sarkastisch desillusionierende Charakterisierung heutiger Zwanzig- bis Dreißigjähriger (speziell weiblicher Zwanzig- bis Dreißigjähriger) wie Sibylle Berg sie vornahm, tiefer in die Tonne der Bedeutungslosigkeit, als derart irritationslose Zustimmung.

Trotzdem herrschte uniformer Kreischalarm und das nicht erst am Schluss. Schon die ganze erste Hälfte des Abends wurde gekichert, als gelte es, jeden zweiten Satz der vier Damen, die sich da auf der Bühne abrackerten, mit dicken Smiley-Buttons zu versehen. Man musste fürchten, die eskapistisch vergrübelte Textfläche der Frau Berg werde zum bräsigen Lachsacktheater.

Erfrischend atavistisch

Um dem Abend gerecht zu werden, messen wir den Lachsäcken geringen Wert bei. Denn tatsächlich war er widersprüchlicher, interessanter, als der Einheitsjubel ihm gönnt. Ob Sibylle Berg selbst glücklich war damit, was der neue Gorki-Hausregisseur Sebastian Nübling mit ihrem mäandernden Konstrukt aus Albtraum-, Skype- und Selbstgesprächen gemacht hat, konnte man ihrem halben Lächeln am Ende nicht ablesen. Sicher ist, dass Nübling ihren Text ungefähr so behandelte, als würde er sein Handy gegen das Fenster desjenigen werfen, mit dem er sprechen will, anstatt dessen Nummer zu wählen: erfrischend atavistisch also.

Der vielstimmig-einsame, abstrakt dahinwütende Redestrom „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ hat in Nüblings handfester Vier-Frauen-Fassung deshalb zwar viel von der ätherisch-medialen Bitterkeit und perspektivischen Verkorkstheit verloren. Umgekehrt aber hat er realistische Greifbarkeit gewonnen. Denn noch radikaler, als andere Regisseur, die aus „Textflächen“ Situationen schaffen, verwandelt Nübling Bergs Fläche „für eine Person und mehrere Stimmen. Oder umgekehrt“ in ein reines Menschtheater, das aus Worten Körper und aus Körpern Bewegungen macht.

Ausgeschlossen aus der imaginären Gesellschaft

Und es funktioniert. Zuerst holprig zwar, da die vier jungen Spielerinnen halb amateurhaft agieren: Nora Abdel-Maksoud und Cynthia Micas sind Schauspielerinnen, Rahel Janowski noch Studentin und Suna Gürler Theaterpädagogin. Mit der Zeit aber werden sie immer flüssiger, subtiler im Ausdruck und das, obwohl (oder gerade weil) sie beim Sprechen fast ununterbrochen wippen, hüpfen, stampfen oder sich sonst wie streckend verdrehen. Sie tun das nicht von ungefähr, denn für sie steht fest, ausgeschlossen zu sein aus der „imaginären Gesellschaft“ um sie herum.

Zugleich aber sind sie Meisterinnen darin, sich selbst auszuschließen. Sie beklagen, schlicht nicht zu können, was allgemein gesollt ist: das Schöner-Besser-Größer, das Geliebtwerden und Liebenmüssen. Zugleich lehnen sie „Korrektheiten“ und Klischees dieser Art natürlich sowieso ab: „heteronormatives“ Spießertum! Insgeheim aber wünschen sie sich das alles dennoch und so wechselt Wut und Sehnsucht, Verweigerung und Verzweiflung von Satz zu Satz – alles eine Frage der Sichtweise. Welche Sichtweise?

Die vier Aufspaltungen eines Ichs

Nübling schiebt sie ganz in das Paradox ihrer sozialen-asozialen Ängste: in ausgesucht schlampigem Unterschichtenlook stampfen die vier Besserwisserinnen auf die Bühne und spielen vier Aufspaltungen eines Ich. Es sind die Echos von Aussteigern, Ausgestoßenen und dem geliebt-gehassten Mainstream-Chor zugleich. Sie bleiben mit ihren wirren Analysen allein auf dem schmalen Bühnenstreifen vor dem eisernen Vorhang: kein Bühnenbild, dafür die wunderbar krumme, plumpe, amateurhaft grazile Choreografie von Tabea Martin. Es gibt keinen Ausweg aus dem Gejammer, außer sie jammern nicht mehr. Der wütende Stampftanz am Schluss ist ein Anfang.

Wieder am 29.11., 6., 7., 8.12. im Maxim-Gorki-Theater, Karten: 20221115