Berlin - Folgsam tut zur Saisoneröffnung im Maxim-Gorki-Theater der erste Schauspieler vor dem Publikum. So folgsam, wie es einem Sohne gegenüber dem Vater geziemet. „Euch gehorchen ist meine erste, traurige Pflicht − darum vergebt mir.“ Paul Schröder spricht uns als Franz direkt an, mit echtem Schiller-Text, der aber eigentlich an seinen Vater, den alten Moor, gerichtet ist. Gehorchen will er uns. Recht so. Aber, Moment. Wieso traurige Pflicht? Und was werden wir wohl zu vergeben haben? Und wieso dürfen wir das Programmheft erst nach der Vorstellung sehen?

Alles nur ausgedacht

Es stehen die „Räuber“ auf dem Programm, in einer gerafften und zugleich ausufernden Drei-Schauspieler-Inszenierung von Antú Romero Nunes. In wenigen Stücken (das Deutsche Theater legte am Freitag gleich mit einem Ödipus-Spiel nach) wird ein Vater derart gebeutelt wie in Friedrich Schillers Erstling. Der erstgeborene und eigentlich wohlgeratene Sohn Karl hat sich als Student in Leipzig libertinär infiziert und soll nun vollends über die Stränge geschlagen haben − verspielt ein Vermögen, entjungfert die Braut eines Bankiers und erschießt diesen im Duell.

Klingt ausgedacht? Ist es auch. Von dem zweitgeborenen, hässlichen, gekränkten Franz. Franz bringt den Vater dazu, die letzte, von diesem eigentlich pädagogisch gemeinte Maßnahme zu ergreifen und Karl zu enterben. Woraufhin Karl erst richtig trotzig und Räuberhauptmann wird und immer tiefer ins Schwerverbrechertum abrutscht. Mehrmals und (anders als bei Ödipus) mit Absicht, wird also der Vater Moor fast zu Tode erschreckt und betrübt, später von Franz in den Hungerturm geworfen und in den Wahn getrieben, bis ihm schließlich − als ihm in einem späten, leider lichten Moment der ganze verfahrende Kladderadatsch, den seine verdorbenen Söhne angerichtet haben, klar wird − das Herz endgültig bricht. So viel Stückkenntnis vorausgesetzt, dürfte dem Publikum also klar sein, wie weit es her ist mit dem Gehorsam, den uns Paul Schröder da vorgaukelt.

Antú Romero Nunes, Jahrgang 1983, ist einer der erfolgreichsten, frischsten, lustigsten, spielsüchtigsten und intelligentesten unter den nachwachsenden Theaterregisseuren. Entdeckt wurde er vor dreieinhalb Jahren mit „Geisterseher“, einer wirkungsvollen Schiller-Show, im Gorki-Studio. Inzwischen inszeniert er nicht nur auf der großen Gorki-Bühne („Rocco und seine Brüder“ und „Zeit zu lieben, Zeit zu sterben“), sondern etwa auch im Hamburger Thalia Theater und im Schauspiel Frankfurt.

Schröder mit fulminanter Chargen-Parade

Bei Nunes wird ein Theaterstück nicht nur vorgeführt, sondern immer auch durchgeführt, das heißt in der Wirklichkeit der Theaterbegegnung zwischen Spielern und Publikum ausgetragen. Über allem steht immer die Frage: Wir hier oben und ihr da unten − was machen wir Hübschen hier eigentlich zusammen? Das geht nicht ohne offenkundigste Theatertricks und spaßige Pöbelei ab, mündet aber bisher doch stets in freundschaftlichen, unterwerfungsfreien Service, der gute Laune, einen wachen mitschwingbereiten Geist und eben auch ein bisschen Stückkenntnis voraussetzt.

Dieser Schiller-Abend besteht mehr oder weniger aus drei großen Auftritten, in denen Paul Schröder (50 Minuten vor allem als Franz), Aenne Schwarz (20 Minuten vor allem als Amalie) und schließlich Michael Klammer (60 Minuten vor allem als Karl) die Bühne jeweils für sich haben. Schröder eröffnet grandios mit einer fulminanten Chargen-Parade, Schwarz hat ein lyrisches Zwischenspiel abbekommen (mit den Frauenfiguren hat es Nunes nicht so), und Michael Klammer legt eine selbstreflexive Standup-Persiflage vom Feinsten hin − findet aber immer wieder zurück ins Stück. Und was in der letzten knappen halben Stunde passiert, wird hier nicht verraten.