Maybrit Illner: VW-Manager redet Dieselaffäre klein – falsche Behauptung aufgestellt

Berlin - Die NDR-Redakteurin Anja Reschke hatte am Dienstagabend bei Sandra Maischberger ihre Erfahrungen mit dem Wahlvolk etwa so zusammengefasst: Die Leute glaubten der Politik nichts mehr, und sie hätten das Gefühl, dass sich ohnehin nichts ändern ließe durch die Stimmabgabe. Wenn es noch eines Belegs für diese Sichtweise bedurft hätte: Die bundesdeutsche Autoindustrie hat ihn im Verbund mit der Regierung geliefert. „Dieselgate“, wie der Casus flapsig genannt wird, ist wohl der größte Betrugsfall in Deutschland nach dem Krieg. Doch die Kanzlerin nannte ihn im „Duell“ mit SPD-Mann Schulz beschönigend „Vertrauensbruch“.

Nein, es war ein krimineller Akt, begangen von hochbezahlten und -qualifizierten Managern, die allerdings dumm genug waren zu glauben, man würde sie schon nicht erwischen. Oder war ihnen das egal?

Es wird brenzlig – Scheuer unterbricht

Denn sie konnten ja damit rechnen, dass ihnen von Seiten der Politik nicht allzuviel passieren würde. Es gibt bekanntlich beispiellos enge Verbindungen vor allem zwischen CDU/CSU und Autoindustrie. Dafür stehen etwa die Namen Eckart von Klaeden und Matthias Wissmann. Und fast 80 Prozent der Zuwendungen von Autoherstellern, Zulieferern und Verbänden konnten in den vergangenen acht Jahren Union und FDP für sich verbuchen.

Als der durch seine ARD-Sendungen bekannte Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar  bei  Maybrit Illners Talkshow unter dem Motto „Auto-Skandal – und keiner ist schuld?“ auf diese unheilige Allianz hinweisen wollte, fiel ihm CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer ins Wort, was er immer tut, wenn es brenzlig für seinesgleichen wird.

Von den Vorständen keine Spur

Punktgenau zur Eröffnung der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt hat es Maybrit Illner doch noch geschafft, den Skandal um die Betrügereien der Autoindustrie in ihrer Talkshow zu verhandeln. Das Thema war überfällig – und offenbar schwierig, weil sich die Herren aus den Vorstandsetagen der Autobauer lieber nicht stellen wollten. Nun hat sich Herbert Diess, Markenchef bei Volkswagen, doch in die Runde getraut, was Moderatorin Illner auch hervorhob.

Allerdings führte der Manager sich gleich mal schlecht ein, indem er behauptete, man kaufe Diesel mit der Euronorm 4 zurück. Davon kann keine Rede sein, und Diess musste sich prompt auch von Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) korrigieren lassen. Sie wies erneut darauf hin, dass das sogenannte  Software-Update nicht ausreichen werde, um Fahrverbote zu verhindern.

Forderungen der Verbraucherzentrale an VW

Die Ministerin wurde von Marcus Hausser bestätigt: Der von Illner zwischendrin befragte Chef der Baumot Group, die entsprechende Vorrichtungen herstellt, erklärte, einzig Hardware-Lösungen seien ausreichend. Die Autobauer hätten sich nicht darauf eingelassen, weil sie „ja auch so durchgekommen“ seien. Diess wehrte sich: Die Eigenschaften des Autos würden sich verändern.

Das geschehe womöglich ja auch beim Software-Update, wandte Yogeshwar ein. Und fragte nach möglichen Folgeschäden. Da aber, so beteuerte Diess, ändere sich nichts. Als dann aber Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands, rechtsverbindliche Garantien forderte und sagte, VW könne nun ein Zeichen setzen und auf die Verjährungsfrist verzichten (die Klagemöglichkeit der geprellten Kunden läuft Ende des Jahres aus, VW will die Frist nicht verlängern), wich der Manager aus: Die Quote der Beanstandungen liege bei unter einem Prozent.

Quasi nebenbei räumte Diess noch die Absurdität der Abgas-Prüfung ein – die Reinigung schaltet sich bei mehr als 17 Grad und weniger als zehn Grad ab. Dazu haben Claus von Wagner und Max Uthoff in der ZDF-„Anstalt“ vor Monaten schon eine wunderbare Kabarett-Nummer gezeigt.

Dobrindt hält am Software-Update fest

Ausweichen und Nebelkerzen werfen gehören in dieser Affäre zum Prinzip der Autoindustrie wie der mit ihr verbandelten Politiker. Der aus Frankfurt von der IAA zugeschaltete Verkehrsminister Dobrindt klagte denn auch erstmal, er habe „selber Enttäuschungen erlebt“, benutzte erneut das Wort Rückkauf und wollte im Software-Update die Lösung sehen. Die Autoindustrie habe aber „die verdammte Verantwortung, die Schäden zu beheben.“

Maybrit Illner, die die richtigen Fragen stellte, erkundigte sich mit Verweis auf die Zahlungen von VW in den USA nach der Entschädigung für die geprellten Autofahrer und der Möglichkeit der Musterfeststellungsklage. Da erwarte man einen „umsetzbaren und bürokratiefreien Vorschlag“, so Dobrindt – in der nächsten Legislaturperiode... Große  Gewinnchancen hätte wohl, wer darauf wetten wollte, dass die kommende Regierung unter Merkel die Sammelklage entweder zur Wirkungslosigkeit verwässert oder gleich beerdigt.

Google wird zur Konkurrenz

Denn Dobrindts Parteifreund Scheuer wiederholte gleich mal die Behauptung vom  zu bürokratischen Entwurf (von Justizminister Heiko Maas, SPD) und argumentierte vor allem mit den Arbeitsplätzen, die man nicht dadurch gefährden dürfe, dass man „den Verbrennungsmotor in Grund und Boden rede“. Doch die Drohung, Arbeitsplätze gingen verloren, erinnert an die Beschwörung der Atomkraft-Befürworter in den siebziger Jahren, ohne AKW gingen bald im Lande die Lichter aus.

Und so musste Scheuer sich von Yogeshwar sagen lassen, dass seine „Perspektive auf die Vergangenheit hin“ den Industriestandort Deutschland gefährde. Denn schon tauchen die großen Internet-Konzerne wie Google auf der IAA auf, die bekanntlich seit einiger Zeit schon über eine andere Art von Mobilität forschen, während die einheimischen Autobauer immer noch nicht die Zeichen der Zeit erkannt hätten. Müssen sie ja auch nicht. Solange sie einen Dobrindt haben.

„Maybrit Illner“, ZDF, von Donnerstag, 14. September 22.15 Uhr. Im Netz: ZDF Mediathek.