Köln - Inzwischen haben sich die Talkshow-Redaktionen doch dazu durchgerungen, die Krise im Nahen Osten als Thema zu wählen, nun, da die Einnahme der Stadt Kobane an der türkischen Grenze durch die Terrormiliz IS bevorzustehen scheint. Täglich dringen Nachrichten aus dem umkämpften Ort bis zu unseren Medien, und weil es auch ein Medienkrieg ist, wirken Grausamkeit auf der einen und Hilflosigkeit auf der anderen Seite um so stärker. Da wird hier in Europa gerne und schnell die Fahne der Moral gehisst: Man könne ein Massaker dort doch nicht zulassen.

„Eine Schande“ sei das, ließ sich denn auch bei Maybrit Illner der ehemalige ARD-Reporter Ulrich Kienzle vernehmen, und so recht er hat: Ist die seit Jahren andauernde Zerstörung Syriens keine Schande, trifft das Wort nicht auch auf den Terror in Nigeria zu und das Elend im Süden Sudans – auch dort sterben täglich Menschen in sinnlosen Gemetzeln, auch dort helfen nur vereinzelt idealistische Europäer, während die Regierungen Gründe für ihre Zurückhaltung suchen und finden.

Verzwickte Lage, kontroverse Meinungen

So wie jetzt General a.D. Helmut Harff, der Kienzle erst einmal darauf hinwies, dass es sich nicht um einen Bündnisfall für das Natoland Türkei handele. Und das sei kein „bürokratisches Denken“, wie Kienzle wetterte, sondern politisches. Aber dieses Denken hat eben zu Fehlern über Fehler geführt, wie nun schon in jeder Runde zum Thema konstatiert wird.

So hätten die Amerikaner nicht so früh aus Irak abziehen dürfen, findet die kurdisch-türkische Anwältin und Menschenrechtlerin Seyran Ates, und auch wenn John Kornblum, Ex-Botschafter der USA in Deutschland und immer wieder Gast in den Runden bei ARD und ZDF, bissig anmerkte, es sei der „Lieblingssport der Europäer, den USA zu sagen, wie unfähig sie sind“, so ist doch common sense, dass die USA in Irak die Schiiten stark gemacht hatten und die Unterdrückung der Sunniten (zu denen die IS gehört) nicht verhindert hatten. Das rächt sich jetzt blutig.

„Siegeszug der Islamisten – Schaut der Westen hilflos zu?“ lautete das Motto der Sendung, und so verzwickt die Lage, so kontrovers die Meinungen in der Runde. Während Martin Schulz, Chef des Europäischen Parlaments, erst einmal darauf hinwies, das die Türkei ja Millionen Flüchtlinge aufnehme und inzwischen ja sogar mit den Kurden, nota bene der PKK, verhandele, erläuterte Nahost-Experte Guido Steinberg, dass es der Türkei wichtiger sei, eine autonome Region der Kurden an der syrischen Grenze zu zerschlagen, als die IS zu kontrollieren.

Und das Bild von den guten und den bösen Kurden herrscht ja auch  noch bei der Bundesregierung vor, deren Kriegsministerin jüngst die Ausbildung der kurdischen Kämpfer in Irak lobte. Schulz wehrte sich pflichtgemäß gegen solche Abgrenzungen, musste sich aber von Seyran Ates belehren lassen: Für sie herrscht seit Jahrzehnten „Bürgerkrieg“ in der Türkei – gegen die Kurden, die man zu Türken habe machen wollen. Sie berichtete von der leidvollen Geschichte ihres Volkes und dessen in all den Jahren gewachsenen großen Wut.

Wenn die IS Kobane einnimmt, dürfte das, so symbolisch dieser Sieg auch sein mag, für erheblich verschärfte Spannungen in der Türkei sorgen.

„Mischung aus Befreiungsideologie, Pop und Rap“

Kienzle wollte über die IS reden, schließlich lockt die Gruppierung mit ihrer „Mischung aus Befreiungsideologie, Pop und Rap“ (Illner) auch junge Männer aus dem Westen in großer Zahl. Und Steinberg glaubt , dass  es, wenn schon keine Anschläge, doch Planungen dafür auch in Deutschland gibt. Aber man landete doch bald wieder  bei den Fehlern der Amerikaner, die 2003 mit dem dritten Golfkrieg die „Büchse de Pandora“ (so die diesmal wieder besser informierte Maybrit Illner) geöffnet hatten. Zwar habe Obama die Fehler seines Vorgängers korrigiert, aber durch den Abzug 2011 das Wiedererstarken der ehemaligen irakischen Al Kaida Gruppe – nun IS – möglich gemacht.

Möglichkeiten  einer Lösung der Krise scheinen in weite Ferne gerückt. Zum einen müssten sich Türken und Kurden einigen, zum andern die im Hintergrund wirkenden Staaten wie Iran und Saudi Arabien zu gemeinsamem Handeln aufraffen, wie Schulz sagte. Das aber scheint zwischen den sich als Erzfeinde betrachtenden unterschiedlichen islamischen Glaubensrichtungen pure Utopie. „Das beste was passieren kann, ist, das die IS sich selbst besiegt“, hofft Ulrich Kienzle. Da kann er wohl lange warten.