Die Sendereihe des Kabarettisten Uwe Steimle wird 2020 nicht mehr fortgesetzt. 
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Berlin"Irgendwann werd’ ich mal etwas ganz Großes tun“ – der wehmütige Song der Gruppe Renft läuft im Abspann, während Uwe Steimle mit seinem Wartburg 312 von dannen fährt. Die Leipziger Band wurde 1975 von Kulturpolitikern verboten, weil sie mit Liedern über „Republikflucht“ und „Bausoldaten“ die Grenzen des in der DDR öffentlich Sagbaren überschritten – erst das Verbot machte sie legendär.

Auch Uwe Steimle spricht nun von einem Berufsverbot – denn seine Reisesendung „Steimles Welt“ von Mitte November wird die letzte sein, die der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) mit dem Schauspieler und Kabarettisten produziert. Nicht nur Steimle selbst, auch seine Fans sehen hier einen klaren Fall von Zensur und feiern ihn als eine Art Märtyrer.

 Uwe Steimle  hat Verdienste um die sächsische Sprache

Doch die Unterschiede sind gewaltig: Renft durften nirgends mehr auftreten, ihre Lieder wurden nicht mehr im Radio gespielt, ihre Platten verschwanden aus den Läden, einige Mitglieder kamen ins Gefängnis und reisten aus. Uwe Steimle aber verliert erst mal nur einen wichtigen Auftraggeber und damit einen Kanal für seine Botschaften.

Der Dresdener hat seit der Wende, die er stets die „Kehre“ nannte, unbestritten Verdienste um die sächsische Sprache in den Medien erworben, war neben Wolfgang Stumph nahezu der einzige Prominente, der sich im Fernsehen der Mundart bediente. Auch mit der Beschwörung ostdeutscher Erinnerungen und Eigenarten war er ein Vorreiter, er reklamiert sogar den Begriff „Ostalgie“ für sich. Im Westen populär wurde er als strebsamer Schweriner „Polizeiruf“-Kommissar.

Doch schon hier stellte er sich 2009 bei seinem unfreiwilligen Abschied nach immerhin 16 Dienstjahren als Opfer dar, der wegen seines politischen Engagements gefeuert worden sei – damals engagierte er sich noch für die Linke. Dabei war der Kabarettist Steimle schauspielerisch stark limitiert – wie der Vergleich mit seinen Nachfolgern Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner deutlich zeigt.

Mit anschließender Hetze im Netz

Seit 2013 durfte er im MDR in „Steimles Welt“ Land und Leute Mitteldeutschlands porträtieren. In der letzten Ausgabe besuchte er Menschen, die einst an der Erdgastrasse in der Sowjetunion mitarbeiteten. Nicht alle Ausgaben blieben bei der Erinnerung an die sozialistische Vergangenheit stehen. So verbreitete er 2017 in einer Sendung das üble Gerücht, der Freiberger Dom sei nur noch gegen Eintrittsgeld zu betreten, weil Asylbewerber sich sonst hinter dem Altar erleichtern würden.

Diese komplett satirefreie Erfindung verselbstständigte sich zur Fake News, die mit immer mehr Häme und Hetze kommentiert wurde. Noch stärker stieß der MDR-Spitze auf, dass Steimle wiederholt das gesamte Konstrukt des öffentlichen-rechtlichen Rundfunks infrage stellte, seinen Auftraggeber als „Staatsfunk“ bezeichnete, eine ZDF-Moderatorin als Amerika-hörige „Marionetta Slomka“ verspottete und in einem Interview mit der rechts zu verortenden Zeitung Jungen Freiheit die Bundesrepublik ein besetztes Land nannte. Als der RBB 2011 mit Ken Jebsen einen ähnlichen Fall hatte, brauchte der Sender nur zwei Wochen, um den immer abgedrehteren Verschwörungstheoretiker zu feuern.

Die Grünen als Lieblingsgegner

Der MDR ließ sich immerhin zwei Jahre Zeit, denn Steimle ist so problematisch wie populär. Egal, wie man in der Leipziger Zentrale mit ihm umging – die Dissonanzen blieben. Jetzt hat sich der Sender aus dieser Zwickmühle befreit – diese Entscheidung war überfällig.   Denn live benutzte Uwe Steimle die Ostalgie ohnehin nur noch als Rahmen für die Beschimpfung des politischen Lieblingsgegners – der Grünen. Sein Motto: Wer grün wählt, wünscht sich auch Krebs. Was er mit Verhöhnungen von Cem Özdemir oder Karin Göring-Eckardt begann, setzen andere im Netz mit den verbalen Attacken auf Renate Künast und andere fort.

Kabarettisten haben ein Mandat für Provokationen und politische Unkorrektheit, das liegt in der Natur der Sache. Doch kaum ein anderer offenbarte in seinen Programmen eine so starke Nähe zu den Thesen einer einzigen Partei – nämlich der AfD. Mit dem Abschied vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen wird Uwe Steimle dieses „Alleinstellungsmerkmal“ in der Kabarettszene noch deutlich ausbauen – seine Säle werden mit Slogan „Verboten vom MDR“ vermutlich voller sein denn je. Ein Berufsverbot sieht anders aus.