Medienkrise: „Zeitungen werden unterschätzt“

Von Jimi Hendrix stammt das Zitat: „Die Menschen sehen nur das, was sie noch alles haben und bekommen könnten, schätzen aber nicht, was sie haben, bis sie es verlieren.“ Was ginge verloren, gäbe es keine papierne Zeitung mehr? Die Möglichkeit, sich mit Geduld einem breiten Spektrum komplexer Themen zu nähern, sagt die Meinungsforscherin Renate Köcher, Geschäftsführerin des von Elisabeth Noelle-Neumann gegründeten Instituts für Demoskopie in Allensbach.

Frau Köcher, worin liegt der Unterschied, ob ich mich online informiere oder in der Zeitung?

Das Internet ist das Medium der gezielten Informationssuche. Die Mehrheit, die das Internet zur Information benutzt, will etwas Konkretes erfahren. Zur regelmäßigen Information wird es weniger genutzt und schon gar nicht mit dem Zeitkontingent, das für eine Tageszeitung eingesetzt wird. Der typische Nutzer geht gezielt zu seiner bevorzugten Webseite, scannt die Themen des Tages, klickt oft nur auf zwei oder drei Themen und liest Beiträge häufiger auch nur an. Bei Tageszeitungen wird weitaus mehr gründlich oder zumindest angelesen.

Viele, die mehrfach am Tag zum Beispiel auf Spiegel Online gehen, um zu erfahren, was aktuell passiert, haben am nächsten Morgen den Eindruck, in der Zeitung stünde Bekanntes, gar Überholtes. Das einordnende Analysestück wird übersehen, obwohl die Zeitung genau das macht, wofür sie da ist: Hintergründe zu liefern statt die Nachrichten von gestern.

Ich glaube, wir befinden uns im Moment in einer Übergangsphase. Viele sind noch damit beschäftigt, angesichts der Vielzahl der Informationsmöglichkeiten den eigenen Informationsprozess zu optimieren. Eine entscheidende Frage ist, wie sich das Informationsverhalten der Jüngeren entwickelt, die schon mit den neuen Medien aufgewachsen sind. Zur Zeit ist zu beobachten, dass diese Gruppe sehr scharf selektiert und in erster Linie das an sich heranlässt, was sie von vornherein sehr interessiert. Das Internet verstärkt eindeutig die scharfe Selektion entlang eigener Interessen.

Wer sich ausschließlich online informiert, verengt demnach sein Interessensspektrum?

Es entwickelt sich teilweise von vornherein weniger. Das Interessenspektrum von Unter-30-Jährigen ist heute interessanterweise enger als vor zehn Jahren. Das hat genau mit dieser schärferen Auswahl entlang bereits bestehender Interessen zu tun.

"Wir haben heute eine wachsende Ungeduld"

Ändert sich das mit steigendem Alter?

Normalerweise wächst ja das politische Interesse in der Phase zwischen 15 und 25 Jahren, und zwar meist dadurch, dass man immer wieder mit Informationen und Themen konfrontiert wird, die man zunächst wenig spannend findet, sondern erst allmählich, wenn man sich immer wieder damit beschäftigt. Dieser Prozess wird vor allem durch die Tageszeitung, aber auch durch das Fernsehen befördert und kommt heute aber häufig gar nicht in Gang, weil sich schon Kinder daran gewöhnen, einfach wegzufiltern, was sie nicht interessiert. Wir haben heute auch eine wachsende Ungeduld gegenüber allem, wofür es einen längeren Atem braucht, sowohl im Blick auf Medien als auch auf Themen.

Kann man sagen, Jüngere seien desinteressiert?

Nein, ihr Interesse ist nur wesentlich fokussierter auf weniger Themen. Dadurch ist der Anteil politisch oder wirtschaftlich interessierter Jugendlicher heute geringer, das gilt auch für das Interesse an Umwelt- oder Wissenschaftsthemen.

Entwickeln sich die Deutschen zu einem Volk von Fachidioten?

Sicher nicht. Aber es ist im Moment nicht abzusehen, wie sich das Interessenspektrum in der Gesellschaft insgesamt entwickelt. Die deutsche Bevölkerung ist ja im internationalen Vergleich überdurchschnittlich politisch interessiert, und die Mehrheit nutzt auch die Fülle der Informationsmöglichkeiten – von Printmedien über Fernsehen bis zum Internet. Aber es gibt auch eine große Gruppe, die vor der Fülle der Optionen kapituliert und sich sehr stark auf Unterhaltung zurückzieht. Diese Entwicklung ist besonders bei männlichen Jugendlichen aus den sozial schwächeren Schichten zu beobachten.

Was passiert, wenn sich das nicht ausmendelt?

Es wird schwieriger, die Bevölkerung in der Breite kontinuierlich mit Informationen zu erreichen. Ein wachsender Anteil informiert sich nicht mehr regelmäßig, sondern sporadisch und vor allem bei besonderen Ereignissen. Dann fehlt aber oft das Hintergrundwissen. Dadurch wird die Meinungsbildung in der Gesellschaft deutlich volatiler.

Kritisiert deshalb mancher, er verstünde nicht, was in der Zeitung steht?

Wenn ich eine Fernsehserie nur ab und zu anschaue oder bei einem Fortsetzungsroman drei Folgen verpasse, verstehe ich die Handlung ja auch nicht mehr. Es ist natürlich viel schwerer, sich aus dem Stand über eine komplexe Entwicklung ein Urteil zu bilden. Nur wer bereit ist, sich immer wieder mit einem Thema zu befassen, baut sukzessive ein Wissensfundament auf. Heute glauben jedoch viele, dass sie sich die Zeit für kontinuierliche Information sparen können, da man ja auf Knopfdruck alle Informationen bekommt, wenn man sie haben möchte.

Ist es schon salonfähig, sich nicht mehr zu informieren?

Der Anteil der Bürger, denen es wichtig ist, gut informiert zu sein, sinkt. Vor acht Jahren war es noch 51 Prozent wichtig, sich gründlich zu informieren, um Hintergründe und Zusammenhänge besser zu verstehen, jetzt sind es nur noch 45 Prozent. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen ist dieser Anteil von 48 auf 39 Prozent zurückgegangen. Oft werden die sinkenden Reichweiten bei Tageszeitungen und die steigenden Internetreichweiten als bloßer Substitutionsprozess interpretiert. Tatsächlich verändert sich jedoch zur Zeit das Informationsverhalten von Grund auf, wächst von der regelmäßigen „Informationsernährung“ hin zu einer Information on demand, bei Bedarf. Das ist eine gravierende Veränderung.

Webseiten aktueller Medien sehen alle halbe Stunde anders aus, und sei es, dass die Redaktion das Foto ausgewechselt hat, um zu suggerieren: Es gibt Neuigkeiten. „Fingierte Brisanz“ nannte das der ehemalige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender in unserer Zeitung und beklagte diese Art von „Turbo-Journalismus“. Bekommt der Nutzer dadurch den Eindruck: Worüber ich mich jetzt informiere, ist nachher schon wieder unwichtig, weil ein anderes Thema alles überstrahlt?

Richtig, und es gibt noch ein anderes Phänomen: Medienmarken präsentieren sich online oft boulevardesker als in ihrer Printausgabe. Und auch die Leser wählen online teilweise anders aus, stärker an Unterhaltung orientiert als in den Printmedien.

"Es ist zu früh einzuschätzen, wie sich das Leseverhalten durch Tablets entwickelt"

Guter Journalismus muss nicht auf Papier gedruckt sein, er sollte sich sogar vom Papier emanzipieren, fordert Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner.

Die Frage ist, was hier emanzipieren heißt. Ich kann im Digitalen sicher nicht dieselbe Geduld einfordern wie bei Lesern von Printmedien. Guter Journalismus, das sind für mich qualifizierte Inhalte, die aber in unterschiedlichen Kanälen unterschiedlich genutzt werden und folglich unterschiedlich präsentiert werden müssen.

Eröffnet das Tablet die Chance, ebenso geduldig zu lesen wie in der Papierzeitung?

Es ist noch zu früh um einzuschätzen, wie sich das Leseverhalten durch Tablets und E-Reader entwickeln wird. Bisher besitzt nur eine Minderheit solche Geräte. Die Neigung, länger am Bildschirm zu lesen, ist zur Zeit noch in den verschiedenen Generationen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Nur bei den Unter-30-Jährigen lesen die meisten genauso gern am Bildschirm wie auf dem Papier.

Was sollten Verlage Ihrer Ansicht nach tun?

Sie sollten die journalistische Qualität hochhalten und sich gleichzeitig intensiv damit beschäftigen, was die Menschen bewegt und interessiert. Viele haben allerdings auch noch keine überzeugende Strategie, wie sie Print und Online weiterentwickeln. Mein Eindruck ist, dass sich in der Verlagswelt teilweise die Perspektive deutlich verschoben hat. Die Zeitungen wurden ja im Allgemeinen von Verlegern gegründet, für die das publizistische Produkt und die meinungsbildende Kraft des Mediums im Mittelpunkt standen.

Und heute?

Heute dominiert häufig die Geschäftsperspektive. Natürlich muss sich eine Zeitung wirtschaftlich tragen und ein Medienhaus muss gut verdienen, um in gute Qualität investieren zu können. Mein Eindruck ist aber, dass das publizistische Produkt teilweise in den Hintergrund getreten ist. Man spricht kaum noch von eindrucksvollen Chefredakteuren und bemerkenswerten journalistischen Leistungen.

Welche Redaktion ist nicht stolz auf einen Preis für eindrucksvollen Journalismus?

Selbstverständlich, und das mit Recht. Aber in den Verlagen dominieren zur Zeit Diskussionen über die wirtschaftlichen Perspektiven, während nur relativ wenig darüber diskutiert wird, wie man guten Blattmachern ein gutes Umfeld verschafft und Qualitätsjournalismus ermöglicht. Ich finde auch, dass die Printmedien heute unter Wert gehandelt wird. Zeitungen und Zeitschriften werden mit weitaus mehr Geduld genutzt als andere Medien. Das ist auch nicht unwichtig für die Beachtungschance von Anzeigen. Jedes Medium hat besondere Stärken, und die Stärken von Zeitungen und die Kommunikationsleistung von Print werden heute eindeutig unterschätzt. Printmedien erreichen ein besonders breit interessiertes Publikum, das für die Meinungsbildung in der Gesellschaft besonders wichtig ist.

Das Gespräch führte Ulrike Simon.