Ismaël Joffroy Chandoutis: Swatted, 2018 (Filmstill) Courtesy of the artis.
Foto: Transmediale

BerlinEs ist 1982, der amerikanische Künstler Tim Klinkowstein hat eine zackige New-Wave-Frisur und ist von ansteckender Begeisterung, denn gleich geht seine „Online-Performance“ los. Man wird Bilder aus den Niederlanden zu ihm nach Levittown in den USA schicken, die er dann umgehend zu einer Collage verarbeitet. Die Bilder kommen über dieses Computernetzwerk! In Echtzeit! Alles ist interaktiv! Bitte treten Sie näher! Das staunende Publikum versammelt sich um ein Computerterminal, das so groß wie eine Kühltruhe ist, und schaut gespannt zu, wie ein Stück Papier aus dem Nadeldrucker kommt.

Pixelreihe für Pixelreihe

Anfang der 80er-Jahre – das war lange vor dem Internet, ja, sogar noch vor der Einführung eines Faxgeräts in jedem Büro. Dass man Bilder, die auf der anderen Seite des Atlantiks aufgenommen wurden, sofort in Levittown, Long Island, zu sehen bekommt, grenzte damals ans Unglaubliche. Doch dann kommen zwei Bilder Pixelreihe für Pixelreihe aus dem Nadeldrucker gequollen, die die grimassierenden Gesichter der Kommunikationspartner von Klinkowstein in Holland zeigen.

Die Auflösung der Bilder ist niedrig, und sie sind schwarz-weiß. Aber ansonsten erinnern sie stark an die Schnappschüsse, die heute jeder Smartphone-Besitzer in die Sozialen Medien pustet. Kaum gibt man den Leuten Zugang zu einer Digitalkamera mit Netzanschluss, so könnte man meinen, fangen sie an, Selfies zu verschicken.

Klinkowstein hatte während seiner Zeit in Europa an Telekommunikationsaktionen wie „The World in 24 Hours“ von Robert Adrian teilgenommen. Weitgehend unter Ausschluss der traditionellen Kunstwelt experimentierte zu dieser Zeit eine kleine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern mit den Möglichkeiten der globalen Telekommunikation über Satelliten, Telex, Fax und frühe Computernetzwerke. Diese Technik war zu dieser Zeit außerordentlich teuer und schwer zu bedienen. Und wer zu dieser Gruppe gehört hat, mag sich als Angehörige oder Angehöriger eines Netzwerks von Gleichgesinnten, die ein bleibendes Zusammengehörigkeitsgefühl verbindet, empfunden haben.

"Ewiges Netzwerk"

Ein „ewiges Netzwerk“, wie der Titel der Ausstellung des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale lautet, die am Dienstagabend eröffnet wird. Hier ist nicht nur das Video von der Online-Aktion von Tom Klinkowstein zu sehen, sondern gut zwei Dutzend Arbeiten, die sich mit dem affektiven Potential von Netzwerken beschäftigen.

Denn im Grunde ist es bis heute so geblieben: Wer als Künstler mit Medien und vor allem mit dem Internet arbeitet, findet sich in einem Paralleluniversum der zeitgenössischen Kunst wieder, das nur kursorische Anknüpfungspunkte zu dem hat, was in Museen und Galerien als Gegenwartskunst gezeigt wird. Da bemüht man sich besser um gute Verbindungen innerhalb der eigenen Szene – so wie die Künstlerin Olia Lialina, die für ihre Arbeit „Summer“ die Server ihrer Künstlerkollegen nutzt, um die verschiedenen Bilder einer Aufnahme, die sie beim Schaukeln zeigt, im World Wide Web zu zeigen.

Oder man nutzt die Macht der von einer Armee von Netz-Cineasten zusammengetragenen Filme wie Robert Luxemburg bei seiner Arbeit „The Man with the Personal Computer“, der bei dem Film „Der Mann mit der Kamera“ (1929) von Dziga Vertov jede Einstellung aus seinen eigenen Bildern zusammensetzt – ein verwirrendes Puzzle, das einerseits Referenz an den analogen Filmklassiker, andererseits Meditation über das errechnete, digitale Bild ist.

Transmediale 2020

Die Transmediale ist ein Festival für Medienkunst und digitale Kultur, das einmal jährlich und in diesem Jahr zum 33. Mal in Berlin stattfindet. Die Festivalausgabe wurde von Kristoffer Gansing mit Beratung durch Clemens Apprich, Daphne Dragona, Geert Lovink und Florian Wüst kuratiert. www.transmediale.de

Das Programm umfasst die einmonatige Ausstellung „The Eternal Network“ im Haus der Kulturen der Welt (HKW, bis 1. 3.), das Symposium an der Volksbühne Berlin am 31. 1. und 1. 2., sowie den Film & Video Tag am 30. 1. im HKW, die CTM & transmediale Night im Berghain, das Student Forum am 29. 1. im HKW und ein Workshop-Programm.

In den 60er-Jahren prägte der französische Fluxus-Künstler Robert Filliou den Ausdruck von „Eternal Netzwerk“, dem ewigen Netzwerk, das der Ausstellung den Namen gibt. Er meinte damit das lose Geflecht von Freundschaften, Zufallsbekanntschaften, künstlerischen Wahlverwandtschaften und kreativer Zusammenarbeit, das zu dieser Zeit die Kunstwelt als Vorbote der Globalisierung immer stärker zu prägen begann. Kunstgattungen wie die Mail Art, neue Produktionsformen wie das Multiple und die Performance sowie die immer leichter zugängliche Möglichkeit des internationalen Reisens mögen damals den Eindruck erweckt haben, dass in der Kunstwelt das Einzelkämpfertum von einem globalen Miteinander abgelöst werden würde.

Filliou, der selbst nicht in der Ausstellung vertreten ist, obwohl der Titel von ihm stammt, musste aber auch am eigenen Leib erfahren, dass diese Phase des kreativen, internationalen Miteinanders langfristig doch wieder durch die Arbeit am eigenen Werk von individuellen Künstlern abgelöst wurde.

Dieser Prozess wiederholte sich seither für mehrere Generationen von Kommunikationskünstlern; die Ausstellung, die von dem scheidenden Transmediale-Kurator Kristoffer Gansing kuratiert wurde, verweist auf Parallelen zur Interaktion über das Internet in den 90er-Jahren.

Wunschvorstellung geblieben

Das „ewige Netzwerk“ ist darum bis heute eine nur teilweise eingelöste Wunschvorstellung geblieben, die aber, wie die Ausstellung zeigt, immer wieder Künstler inspiriert.

Da das große Auditorium in der ehemaligen Kongresshalle derzeit renoviert wird, findet die Konferenz der Transmediale, die in den letzten Jahren zu einem immer wichtigeren Teil des Festivals geworden ist, diesmal am Wochenende in der Volksbühne statt. Im HdKW sind neben der Ausstellung unter der Woche das Film- und Videoprogramm der Veranstaltungen sowie Performances in der Ausstellung zu sehen.