Wenn die Borke aufsplittert, werden ganze Landschaften freigesetzt. So wie auf diesem Bild, aufgenommen im Schlosspark Sanssouci, das aussieht wie das Aquarell einer Brandungslandschaft.
Foto: Gerhard Reusch

BerlinAls Gerhard Reusch vor anderthalb Jahren Sanssouci besuchte, interessierte er sich eher wenig für das prachtvolle Hohenzollernschloss, die Skulpturen, Weinbergterrassen und floralen Broderien. Sein Augenmerk galt dem Gehölz im Park und dort insbesondere einem alten Baumstamm, dem offenbar ein Sturm heftig zugesetzt hatte, denn die Rinde wies Splitterungen und Absprengungen auf – und die gaben einen fantastischen Blick frei: „Oh Gott, eine Meereslandschaft“, entfuhr es Gerhard Reusch. Worauf er seine Kamera zückte, und schon hatte er ein weiteres seiner ganz und gar erstaunlichen Borkenbilder im Kasten.

Eine alte Birke gebar dieses speerbewehrte Fabelwesen.
Gerhard Reusch

Reusch ist Fotograf, und sein Motiv sind Bäume, bevorzugt älteren Datums, gerne von Wind und Wetter malträtiert. Denen rückt er auf die Pelle respektive die Borke, jene äußerste Schicht der Baumrinde,   aus der er mit seiner Kamera Farben, Formen und bizarre Gebilde herausfiltert, die sich zu einzigartigen Bildern fügen. Man glaubt erst gar nicht, dass es sich dabei um Fotografien handelt. Reuschs Bilder sehen aus wie Gemälde, die an Nolde erinnern, an Kompositionen von Hans Arp, an die skurrilen Wesen von Max Ernst. „Manchmal glaube ich, Elemente aus dem Dadaismus purzeln aus den Bäumen“, erzählt Reusch. „Es ist unglaublich, welches natürlich künstlerische Potenzial in der Baumrinde und in verwittertem Altholz steckt.“

Der kleine Prinz in den Schuppen einer toten Birke.
Gerhard Reusch

Gerhard Reusch ist 69, Aschaffenburger und „ein durch und durch visuell geprägter Mensch“, wie er sagt. Er hat lange als Journalist gearbeitet, seit rund zwanzig Jahren ist er „auf Baumrindenpirsch“, bewehrt meist nur mit einer preiswerten Kompaktkamera; gelegentlich nimmt er auch seine schon etwas ältere Spiegelreflexkamera mit. Filter braucht er nicht, auch bei der Bildbearbeitung ist er sparsam.

Natürlich feilt er an Ausschnitt und Format, reguliert die Kontraste, selten dreht er auch mal „vorsichtig an der Farbschraube“. Im Grunde muss aber nur das Licht stimmen,. „Das verhaltene Abendlicht ist mein verlässlichster Partner“, sagt er. Ansonsten sorgen Witterung und Getier, Flechten, Moose oder das, was Reusch den „Zahn der Zeit“ nennt, für Effekte genug.

Gruß an Emil Nolde: ein Eukalyptusbaum-„Aquarell".
Gerhard Reusch

Für Gerhard Reusch ist die Kamera im Übrigen lediglich „Transportmittel“, um die aus der Baumrinde geborenen Bildwelten zu konservieren. Er hat aber auch nichts dagegen, wenn man ihn einen Künstler nennt – auch wenn er sagt: „Die Natur ist der größte Künstler.“