Ein Plakat der DEFA Studios in Babelsberg.
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BerlinAls bis dahin zwölfte Defa-Produktion feierte der Trümmer- und Zirkusfilm „1-2-3 Corona“ am 17. September 1948 im „Babylon“ seine Uraufführung. Anschließend wurde er auch in den Westsektoren gezeigt und nach Skandinavien exportiert. Jüngst erlebte der Film eine Wiederentdeckung – wegen des aktuell wirkenden Titels. Mit der Reduzierung auf einen Kalauer tut man dem Werk allerdings unrecht. Denn es handelt sich um eine echte Ausgrabung. Dem City-Kino Wedding ist nun eine Aufführung auf großer Leinwand zu danken. Seinerzeit als Kinderfilm produziert, und nun auch als ein solcher im Nachmittagsprogramm angeboten, wird „1-2-3 Corona“ all jene begeistern, die nicht nur auf den Plot und seine Umsetzung achten, sondern auch an zeitgeschichtlichen Kontexten interessiert sind.

Erzählt wird zunächst die Rivalität zwischen zwei Jugendgangs im Nachkriegsberlin. Traumatisiert von der allgegenwärtigen Zerstörung und konfrontiert mit der damit verbundenen Orientierungslosigkeit, geht es diesen Jungs ums nackte Überleben. Da schwebt plötzlich ein Engel aus dem Zenit des Zirkushimmels zu ihnen hinab und schenkt ihnen Zuversicht. Dieser Engel heißt Corona – sie ist als blutjunge, elternlose Trapez-Artistin selbst ein entwurzeltes Wesen. Um dem Mädchen zu gefallen, begraben die beiden Banden ihre Feindschaft und kämpfen gemeinsam gegen die Welt der Erwachsenen, der Ignoranten und stupiden Einfach-so-weiter-Macher. Zuletzt steht ihnen der Weg ins Leben offen.

Das unter der Regie von Hans Müller entstandene Gegenwartsmärchen kommt ganz ohne ideologische Parolen aus. Es korrespondiert mit weiteren, unter der Vormundschaft der sowjetischen Militäradministration (SMAD) entstandenen Defa-Filmen, wie „... und wenn’s nur einer wär ...“ oder „Die Kuckucks“ (beide 1949). Das Thema war damals überall brennend aktuell. Der künstlerisch reichste Jugendfilm jener Zeit war eine ungarische Produktion: „Irgendwo in Europa“ (1947) von Géza von Radványi ist bis heute ein Meisterwerk von geradezu elementarer Wucht geblieben. Für einen solchen Befreiungsschlag fehlten damals in Deutschland die politischen Voraussetzungen und die personelle Basis. Die SMAD hatte keine Bedenken, stark vorbelastete Künstler bei der Defa weiter zu beschäftigen, nicht unbedingt in den Regiestühlen, wohl aber im mittleren Bereich. Die Musik zu Kurt Maetzigs „Ehe im Schatten“ (1947) hatte ausgerechnet Wolfgang Zeller geschrieben, der schon für die Kompositionen von Veit Harlans „Jud Süß“ (1940) verantwortlich war. Der Soundtrack zu „1-2-3 Corona“ stammte wiederum von Hans-Otto Borgmann, dem Schöpfer der Hitlerjugend-Hymne „Unsere Fahne flattert uns voran“.

Der Film „1-2-3 Corona“ von Hans Müller ist am Sonntag, den 2. August um 21.15 Uhr im FMP1 zu sehen.