Im  Rimini-Labyrinth „Situation Rooms“ verdichtet sich die Welt.
Foto: Ruhrtriennale / Jörg Baumann

BerlinGerade feierte die „Postdramatik“ 20. Geburtstag in Gestalt eines Buchjubiläums. Da setzt eines der schönsten Gewächse dieses „neuen Theaters“ das Jubeln fort: Auch Rimini Protokoll wird 20.

Wie Hans-Thies Lehmanns Studie schmiedete sich auch das Studententrio Daniel Wetzel, Helgard Haug und Stefan Kaegi Ende der 90er am Theaterinstitut in Gießen, was bis heute dazu führt, dass das eine oft mit dem anderen erklärt wird. Dabei ist das etwa so, als würde man die Disziplin des Freiwasserschwimmens mit dem Baden im Müggelsee beschreiben.

Vielleicht ein etwas wackliger Vergleich, aber wenn man einen theoriewilden René Pollesch-Abend als Kraftsprint durch die Fluten kulturphilosophischer Ozeane charakterisiert, wäre eine freundliche Rimini-Recherche so etwas wie die Abendabkühlung im See – im keimanfälligsten Gewässer, wohlgemerkt! Zweifellos würden die Riminis dahin nur gehen, wenn das harmlose Planschen in einer aufklärenden Biologen-, Anwohner- oder Stadtplaner-Versammlung endete.

Termine

Ode  20. und 21.12., 20 Uhr, 27. 12., 19.30 Uhr, DT Kammerspiele, Telefon: 28441221 deutschestheater.de

Situation Rooms 21.–23., 27.–30. 12., 17, 19 und 21 Uhr, HAU2, Telefon: 25900427 hebbel-am-ufer.de

100% Berlin reloaded  9., 10.1., 20 Uhr, 11., 12.1., 17 Uhr, HAU1, Telefon: 25900427 hebbel-am-ufer.de

Das eigentümlich Schöne des Dokumentartheaters von Rimini Protokoll besteht ja darin, dass es keinen allwissenden Autor mehr hat, der mithilfe schauspielender Bühnenexperten seine Kenntnis ausbreitet. Die Riminis übergeben den befragten „Experten des Alltags“ die Bühne, lassen sie ihr Wissen selbst skizzieren und verschachteln den Kunstraum mit dem Raum der Nichtkunst, was das doppelt Bühnenhafte des Lebens wie des Theaters noch durchsichtiger macht.

Die Bühne wird im wahrsten Sinne zu einem verdichteten Modell von Welt, das in seiner komplexen Kleinheit streng durchgetaktet ist und doch genug Freiraum lässt, die Dinge selbst zusammenzudenken. Ja, die Zuschauer spielen immer eine Hauptrolle in diesen fantastischen Recherchen.

Dem Waffenhandel auf der Spur

Ganz besonders gilt das für das Multi-Player-Video-Stück „Situation Rooms“ (2014), das nun wieder ins HAU2 kommt, bevor im Januar mit „100% Berlin Reloaded“ etwas Neues startet. Tatsächlich ist „Situation Rooms“ kein Stück, vielmehr eine Art Welt-Nukleus, den Dominic Huber aus einem 17-Räume-Labyrinth gebaut hat, worin jeder Zuschauer allein den Verzweigungen des weltweiten Waffenhandels auf der Spur ist.

Leitplanken für den Parcours sind die Geschichten von zwanzig Menschen, deren Leben durch Waffen geprägt wurden: als Opfer, als Entwickler, Profiteur oder Militär. Sie erzählen das in vorproduzierten kleinen Filmen, die man auf eigenen Tablets sieht, während man sich von Raum zu Raum tastet. Film und Ort sind dabei so exakt aufeinander abgestimmt, dass die Tablets als Guide fungieren, während die Blicke beständig zwischen Raum und Display wechseln.

Von einem Kriegslazarett in Sierra Leone gelangt man auf eine Dachterrasse in Palästina, dann in eine Drohnen-Steuerungszentrale irgendwo und schließlich sitzt man im Konferenzraum einer europäischen Waffenfirma, wo Kriege weit weg scheinen. Es sind 20 Perspektiven, die eines der dunkelsten Geschäftssysteme durchleuchten und unsere stille Verstrickung darin.

Alexander Khuon und Natali Seelig in Thomas Melles „Ode“
Foto: Imago/Martin Müller

Um Verstrickungen abstrakterer Art, um ästhetisch-politische Hoheitsdiskurse, die manche glauben verstärkt führen zu müssen, geht es Thomas Melle in seinem neuen Stück „Ode“, das im Auftrag des Deutschen Theaters entstand. Ein etwas gewolltes Konstrukt ist daraus geworden, in dem neben drei allegorisch aufgeladenen Haupt-Kunstdiskurs-Vertretern – Fratzer, Orlando und Präzisa – auch eine ominöse „Wehr“ auftritt, die darüber in Streit gerät, was Kunst, die heute doch vor der Realität ihre Waffen gestreckt habe, überhaupt noch könne, was sie soll, vielleicht muss. Und Melle spitzt die Polemik noch zu, indem er ein Kunstwerk ins Zentrum stellt, das zwar pures Nichts zeigt, allein durch seinen Titel „Ode an die alten Täter“ und ein obskures, Tabu reizendes Sprechen drumherum aber zum Skandal wird.

Ungeahnte Aktualität bekommt die Stückidee durch so schummrige Aktionen wie die des Zentrums für Politische Schönheit, das sich ja auch als „Sturmtruppe“ in Sachen Neuvermessung von Kunst, Moral und Politik versteht, ohne sich der eigenen Mittel sonderlich bewusst zu sein. Melles Figuren gehen nicht weniger zynisch, aber um vieles begriffskritischer vor. Wie weit, zeigt sich bei der Premiere am Freitag, den 20. Dezember.