Bretter, die die Welt bedeuten: Ashkan Borouj, Ashkan Javaheri, Farshad Niknejad (v.l.n.r)
Foto:  Jan Bojaryn 

Essen Ashkan Borouj ist nicht einfach höflich – er gibt Menschen das unbestimmte Gefühl einen alten Bekannten zu treffen. Mit langen Haaren, Rauschebart, eingemeißeltem Grinsen und weitem Motiv-Shirt wirkt er wie der dauergutgelaunte Zeltnachbar auf einem Musikfestival.

Ende Oktober steht Borouj in Halle 5 der Essener Messe und tut dort das, was alle Standinhaber tun: Er lauert auf Menschen, die langsamer werden, wenn sie unschlüssig vorbeischlendern. Borouj steht meist allein vor der großen Ausstellungsfläche. Er hat ein Problem. Eigentlich sollte hier Sohrab Mostaghim stehen, der Gründer und Firmenchef von RealityGame, dazu ein Team von Helfern.

Aber Mostaghim erhielt als einer von insgesamt zehn Iranern kein Visum. Deswegen steht Borouj etwas verloren da und bemüht sich, die große Lücke mit seiner einnehmenden Persönlichkeit zu füllen. Am letzten Oktoberwochenende fand in Essen die Brettspielmesse „Spiel“ statt. Sie ist das weltweit größte und wichtigste Event der Branche und mit mehr als 200.000 Besuchern und Ausstellern aus ganz Europa, den USA und Japan ein Ereignis, das man in der Ruhrgebietsstadt spürt.

Familiäre Stimmung in der Messehalle

Trotzdem ist die Stimmung in den Messehallen überraschend familiär. Besonders laut geht es nicht zu. Die Besucher setzen sich zum Ausprobieren der neuesten Titel brav an Spieltische und hören zu, wenn Regeln erklärt werden. Sechs große Hallen werden in Essen mit Spielen und Spielern gefüllt. In den Nebengängen von Halle 5 tummeln sich Verlage und Unternehmer, die mit ihren Produkten noch nicht im anhaltenden Boom der Branche angekommen sind, oder die bewusst eine Nische bedienen.

Hier stoßen Besucher auf zypriotische Politiklehrspiele, auf schaukelnde Spielbretter, auf Spieleverpackungen, die wie Klaviaturen aussehen. Und sie finden Ashkan Borouj am Stand des iranischen Ausstellers RealityGame. Der Star seines Messestandes ist ein Spiel namens „Zaar“. Der „Zar“ ist in verschiedenen Kulturen Arabiens und Ostafrikas ein böser Geist, der sich auch als Krankheit manifestiert und mit einem Ritual ausgetrieben wird.

RealityGame bringt Exorzismus des Zars auf den Tisch

In den Iran kam dieser Brauch durch die afrikanischen Slaven, die wiederum vor rund 500 Jahren durch die Portugiesen ins persische Reich kamen. RealityGame bringt den Exorzismus des Zars als modernes, kooperatives Brettspiel auf den Tisch. Das Spielmaterial unterscheidet sich merklich von anderen Brettspielen – die dünnen blechernen Münzen, die schweren eisernen Figuren und die altertümliche Würfelstange muten fast wie archäologische Fundstücke an. Mit europäischen Augen gesehen wirkt das Spiel geheimnisvoll und edel. Die wenigen mitgebrachten Exemplare in Essen sind schnell ausverkauft.

Nicht nur RealityGame, überhaupt der Iran ist zum allerersten Mal auf der „Spiel“. Leider bleibt er fast unsichtbar. Mehrere iranische Aussteller teilen sich zwei Messestände, aber alle beide sind chronisch unterbesetzt. Am dritten Messetag werden die Stände sogar für eine Stunde abgeriegelt, denn Borouj und zwei Branchenkollegen erscheinen zu einem Interview im Kongress-Zentrum der Messe. Farshad Niknejad ist Mitgründer des Unternehmens Fekrkade, das im Iran Spielcafés betreibt.

Niknejad spricht fließend Englisch und lächelt verschmitzt. Er erklärt, Brett- und Würfelspiele hätten im Iran eine jahrtausendealte Tradition. Die Elterngeneration spielt Backgammon; aber der Appetit auf moderne, neue Spiele sei erst in den letzten Jahren aufgekommen. Niknejad hat den Gestus eines jungen Unternehmers aus der Start-up-Szene.

Brettspielcafés sind Brücke ins Hobby

So redet er auch über sein Unternehmen: Mit neun regionalen Filialen und mehr als 1000 Gästen jedes Wochenende habe er das seines Wissens weltweit größte Netzwerk von Spielcafés aufgebaut, und das in weniger als fünf Jahren. Brettspielcafés gibt es überall auf der Welt, auch in Berlin. Dort kommen Menschen zusammen, die daheim nicht über einen Wohnzimmertisch, eine Spielesammlung oder eine Minibar verfügen. Für viele sind solche Cafés die Brücke ins Hobby.

Niknejad erzählt grinsend, dass ihn der Besitzer eines Spielcafés eines Tages angesprochen habe: Du bist doch immer hier, dann kannst du hier auch arbeiten. Sein Einstieg in die Branche war vollzogen. Und auch in den Spielcafés von Niknejads Unternehmen Fekrkade werden „Brettspielbotschafter“ rekrutiert und geschult. Sie helfen Gästen bei der Auswahl, erklären Regeln und sprechen, wie Niknejad betont, neben Farsi auch Englisch.

Niknejad und Borouj werden nicht müde, ihren Anschluss an die internationale Spielekultur zu betonen. Sie passen nicht zu den Nachrichtenbildern der religiösen Mullahs, sondern sind jung, gebildet und kulturell aufgeschlossen. Auch das Publikum in den Cafés will vor allem Neuheiten mit moderner, europäischer Optik spielen. Ein stimmungsvolles Gruselspiel über die eigene Kultur wie „Zaar“ ist da eher eine Ausnahme. „Und keiner will Schnurrbärte sehen“, schmunzelt Niknejad.

Spielcafés als Begegnungsort im Iran

Spielcafés im Iran profitieren davon, dass „wir einige andere Dinge nicht haben“, so drückt es Niknejad aus. Die Cafés bieten ein Ambiente, in dem junge Frauen und Männer einander begegnen und sich unterhalten können. Nur 40 Prozent der Gäste in den Cafés widmen sich komplexeren Spielen mit mehrseitigen Anleitungen. 60 Prozent bevorzugen Partyspiele. Besonders beliebt sind Titel in der Art von „Mafia“ und „Werwolf“.

Da geht es darum, geheim zugeteilte Rollen zu erraten. Solche Eisbrecher werden auch in Deutschland auf Hochzeitsfeiern und Management-Seminaren eingesetzt. Der dritte Herr im Interview-Panel, der US-Iraner Ashkan Javaheri, spezialisiert sich auf solche Event-Spiele. Er sammele Superlative, erzählt er. Einmal hätten 88 Spieler eine gemeinsame Runde „Mafia“ bis zwei Uhr nachts ausgedehnt, dabei sollen die Cafés eigentlich um zwölf schließen.

Er habe das Publikum schließlich angebettelt, einander endlich umzubringen. Westliche Brettspiele sind auch wegen der Sanktionen für viele Menschen in dem Land unerschwinglich teuer. Sie sind ein Hobby für Millennials in Großstädten: Die jungen Menschen bauen Brücken. Einerseits erklären sie ihren Eltern, warum man solche Spiele auch noch braucht, wenn man schon Backgammon daheim hat. Andererseits suchen sie den Anschluss an die globale Community.

Einreiseverbot unklar

Auch, wenn sie sich dafür über Internetfilter hinwegsetzen müssen. Niknejad nimmt die Hürden sportlich. „Nichts kann uns Iraner aufhalten“, sagt er. Aber dass er überhaupt kommen durfte, liegt auch daran, dass er direkt vor der Messe mit der Familie Urlaub in Spanien gemacht und dafür problemlos ein Visum bekommen hat. Ein Visum für die Geschäftsreise nach Deutschland haben auch seine Kollegen von Fekrkade nicht bekommen.

Warum die iranische Spieleszene nicht einreisen durfte, bleibt unklar. Das Auswärtige Amt verweist auf Anfrage schließlich darauf, dass Mostaghim mit einem vermeintlich fachfremden IT-Unternehmen um ein Visum ersucht habe. Dabei werden in Essen durchaus auch Apps und Software vorgestellt. Dass Mostaghim auch Wochen nach seinem Protest noch auf eine Antwort wartet, räumt das Amt ein.

Schwieriges politisches Klima

Merkwürdig bleibt es, dass solche vermeintlichen Missverständnisse gleich mehrfach aufgetreten sein müssen – Menschen verschiedener Firmen sind an der Einreise gescheitert. Mostaghim hatte den Messestand in Essen bereits für mehrere Tausend Euro gebucht.
Auch seine wenigen in Essen eingetroffenen Kollegen fühlen sich herabgewürdigt. Sie wollten als attraktive Geschäftspartner anreisen, nicht als Bittsteller.

Das schwierige politische Klima bekommen sie auch auf der Messe zu spüren: Niknejad berichtet, mögliche Partner bei größeren Spieleverlagen hätten kalte Füße bekommen, als sie erfuhren, wo sein Unternehmen herkommt. Aber Niknejad gibt sich keine Blöße. Nächstes Jahr werde der Iran wieder nach Essen kommen, verspricht er. Über zehn Herausgeber für Brettspiele gibt es inzwischen in dem Land, über drei Millionen Spiele wurden bisher verkauft. Niknejad will beweisen, wie groß und modern die Szene seines Heimatlandes ist – wenn er denn nächstes Jahr kommen kann.