Der Schwabe Fidelis Waldvogel (Jonas Nay, vorne) gründet mit Dr. Hagenau (Gerhard Liebmann), Zumbrugge (Jean-Pierre Cornu), Kozka (Maciej Salamon), Cyprian (Vladimir Korneev) und Robert (Sylvester Groth, v.l.) im amerikanischen North Dakota einen Männerchor.
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BerlinIn Amerika isst jeder an jedem Tag Fleisch! Was heute verpönt ist, war vor hundert Jahren noch eine Verheißung. Kurz nach dem verlorenen Großen Krieg liegt selbst im Schwabenland das Metzgerhandwerk am Boden. Heimkehrer Fidelis Waldvogel (Jonas Nay) sieht keine Chance, sein Handwerk in der Heimat fortzuführen. Er heiratet die schwangere Frau eines gefallenen Kameraden (Leonie Benesch) und reist 1919 mit den Ersparnissen der Familie nach Amerika aus. 

Mit seinem Reisegepäck würde er heute Schwierigkeiten bekommen: Er nimmt Würstchen nach Familienrezept und sein Set scharfe Metzgermesser mit an Bord. Sein Geld reicht für eine Bahnfahrt ins entlegene North Dakota: Dort bringt er schnell die Gemeinde Argus auf den besonderen Geschmack seiner Wurstware

Besondere Atmosphäre 

„Der Club der singenden Metzger“ erzählt weit mehr als nur eine Auswandergeschichte. Sowohl die Romanvorlage der Amerikanerin Louise Erdrich als auch das Drehbuch von Doris Dörrie und Ruth Stadler sowie die Regie von Uli Edel gehen weit über das hinaus, was das Fernsehen an Feiertagsunterhaltung sonst so bietet. Louise Erdrich verarbeitete Motive ihrer Familiengeschichte: Zu ihren Vorfahren gehören sowohl deutsche Metzger als auch Lakota-Ureinwohner – und nicht nur in diesem Roman hat sie dieses Zusammenspiel mit magischen Elementen angereichert.

Eine besondere Atmosphäre bringt hier die Welt des Zirkus hinein. Neben dem schwäbischen Metzger sind auch die Hamburger Artistin Delphine (Aylin Tezel) und ihr alkoholkranker Vater (Sylvester Groth) dem Nachkriegsdeutschland entflohen und in North Dakota gestrandet. Delphine freundet sich mit dem indianischen Artisten Cyprian (Vladimir Korneew) an und zieht mit dem Vater bei ihm ein. Nach einer Dreiviertelstunde trifft sie zum ersten Mal den „Butcher“ Fidelis. Der hat inzwischen seine Frau samt Kind nachgeholt.  

Uli Edel, wie seine Helden nach Amerika ausgewandert und mit dem cineastischen Potenzial des Stoffes wohlvertraut, baut natürlich auf die in Westernszenerie – in Kroatien wurde eigens ein ganzes Städtchen als Kulisse aufgebaut – verzichtet aber auf die genretypische Dramaturgie. Vielmehr scheint im abgelegenen Argus eine utopisch anmutende Kommune zu entstehen, in der alle Flüchtlinge aus dem engen und zerstörten Europa tatkräftig ihre Träume umsetzen können und dabei sogar die Ureinwohner einbeziehen.

Amouröse Dreieckskonflikte

Der erste Metzger vor Ort stammt aus Polen, die Bestatterin aus Ungarn, der Arzt ist Deutscher. Während sich die Männer mitunter mit Fäusten traktieren, finden die Frauen zu einer neuen Solidarität – selbst Eva, die Metzgersgattin, und Delphine, die Artistin. Die geistige Enge der Heimat repräsentiert nur Fidelis mitgereiste Tante (Therese Hämer), eine bigotte geizige Schnepfe.   Auch der amouröse Dreieckskonflikt verläuft nicht nach den erwarteten Mustern. Doris Dörrie und Ruth Stadler haben die Vorlage zwar stark gestrafft, verbleiben, anders als der Roman, in den frühen 20er-Jahren.

Doch trotz der Kürzungen wirkt die Handlung nie künstlich dramatisiert, sondern fließt aus einem Guss dahin. Alles. was passiert, entwickelt sich folgerichtig. Die Dialoge sind sparsam, fast karg – passend zu Einwanderern, die erst mühsam die neue Sprache lernen und verlegen zwischen Europäisch und Amerikanisch wechseln. Dafür aber sind die Worte wohl gewählt: Wenn der Arzt gefragt wird, wie es einer Krebskranken geht, antwortet er: Macht es ihr so schön wie möglich – alles gesagt.

Die amouröse Dreiecksgeschichte in einem Bild. 
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Ganz eigene Qualität

Selten sieht man im deutschen Fernsehen einen Film, in dem in drei Stunden so wenig geredet, aber soviel offenbart wird – an stimmungsvollen Landschafbildern wie an kraftvollem Spiel. Wie das junge Trio Aylin Tezel, Leonie Benesch und Jonas Nay fast wortlos im Fleischerladen interagiert, das hat eine ganz eigene Qualität. Jonas Nay hat sich nicht nur ins Fleischerhandwerk einführen lassen. Der aus Lübeck stammende Schauspieler nimmt es sogar mit dem Schwäbischen auf. Ob das gelungen ist, mögen die Einheimischen beurteilen. „Heischt Heimat Home?“, fragt sich Fidelis jedenfalls.  

Und zum Ausgleich für die schwere Sprache und für die verlorene Heimat verlegen sich die Neu-Amerikaner aufs Singen, bringen deutsche Volkslieder mit amerikanischen Standards zusammen – und Jonas Nay spielt und singt nicht nur, sondern hat mit seinem Partner David Grabowski auch die Filmmusik der kompletten drei Stunden beigesteuert. Selbst Weihnachtslieder lassen sich hier ertragen.  

Der Club der singenden Metzger

Freitag, 27. Dezember, 20.15 Uhr, ARD