Berlin - Bevor ich mich an den Schreibtisch setzte, war mir draußen ein vierjähriges Mädchen strahlend auf dem Laufrad entgegengekommen. Gerade hatte sie ihr Brüderchen abgehängt und vergnügt geschrien: „Erster!“ Dass sie sich mit einem generischen Maskulinum bezeichnete, dürfte der Kleinen wohl kaum bewusst gewesen sein. Aber auch erwachsene Damen hier im Osten nennen ihren Beruf „Lehrer“ oder „Ingenieur“ –wohl ein Erbe ihrer DDR-Sozialisation, die Frauen den Zugang zu klassischen Männerberufen erleichterte.

Sind aber tatsächlich Ärztinnen mitgemeint, wenn von Ärzten die Rede ist? Häufig sind sie es nicht, weshalb mehr und mehr Medien Richtlinien erlassen, das generische Maskulinum zu vermeiden. „Ärztinnen und Ärzte“ betont die Vorstellung einer geschlechtervielfältigen Ärzteschaft. Unangenehm wird es allerdings, wenn sich derartige Wendungen in Texten häufen, diese aufblähen und drohen etwa die 3300 Zeichen dieser Kolumne zu sprengen.

Konkret und vorstellbar sollte journalistische Sprache sein. Schreibe ich geschlechtsneutral von Pflegekräften, verwirrt dies meine Vorstellung: Bei Kraft denke ich an Sport oder Schwerstarbeit, in der Pflege geht es vielmehr um Feingefühl, Sorgfalt und Expertise. Ich verstehe und befürworte den Zweck dieser Behelfswörter. Doch die durch sie geschaffenen Bilder hängen mitunter schief.

So auch bei der sich häufenden Substantivierung von Verben als Zufußgehende oder Pflegende: Letztere gehen zwar schichtweise ihrem stressigen Beruf nach, finden aber hoffentlich noch Zeit für Haushalt, Hobbys und Familie.

In einem Leitfaden für geschlechtergerechte Sprache wurde mir gerade wärmstens das Passiv empfohlen: „In der Schweiz wird kritisch eingekauft.“ Bereits die erste der sieben journalistischen W-Fragen Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum? Woher? bleibt hier unbeantwortet. „Flüchtlinge“ kamen aufgrund ihres grammatisch männlichen Geschlechts in Verruf – doch anders als „Geflüchtete“ stehen sie auf dem soliden Fundament der Genfer Flüchtlingskonvention, wie der Islamwissenschaftler Fabian Goldmann anmerkt.

„Nurse“ oder „mechanic“ können jederlei Geschlechts sein, das verhindert im englischsprachigen Raum teils erbitterte ausgefochtene Gender-Debatten aber nicht – etwa um die angemessene Verwendung von geschlechtsspezifischen beziehungsweise genderneutralen Pronomen für Personen, die sich als nichtbinär oder dem dritten Geschlecht zugehörig fühlen.

Entspannter verlief vor einigen Jahren in Schweden die Debatte um das geschlechtsneutrale Pronomen „hen“, das 2015 im schwedischen „Duden“ SAOL aufgenommen wurde. Inzwischen wird „hen“ ganz selbstverständlich verwendet, um offenzulassen, ob die Person nun männlich oder weiblich sei. Anders als das im deutschen Sprachraum kontroverse Gender-Sternchen oder Binnen-I lässt sich „hen“ alternativ zum männlichen „han“ oder weiblichen „hon“ elegant aussprechen. Mit mehr Experimentierfreude und Akzeptanz kann geschlechtergerechte Sprache also sogar cool werden. „Dienstkräfte“, „Beschäftigte“: Unsere sprachliche Fantasie darf sich nicht in leblosen Begriffen erschöpfen. Von „hen“ lernen: Es braucht mehr Mut zu unkonventionellen Schöpfungen. Lasst uns anschaulichere Begriffe finden, um die Behelfswörter des sprachlichen Übergangs kreativ durch elegantere und von allen akzeptierte Wörter zu ersetzen.