Jochen Mückenberger (1926-2020)
Defa-Stiftung

PotsdamAls er Direktor wurde, im November 1961, war er 35 Jahre alt. Ein Bäckersohn aus Chemnitz, dem die Partei das einzige Spielfilmstudio des Landes anvertraute. Bei der Defa arbeiteten damals rund zweieinhalbtausend Leute, und die Firma hatte gerade einen schlechten Ruf. Zu viel Schematismus, zu selten ein großer Wurf. 

Jochen Mückenberger, der als Mitarbeiter der Kulturabteilung im Zentralkomitee der SED selbst aus dem Apparat kam, kannte die Ursachen. Er wusste, dass die Politik die Kunst an die Leine nahm. Kino als verlängerter Arm der Propaganda. Das war nicht sein Ding. Er suchte Verbündete, fand sie unter Künstlern und Funktionären. Gleichaltrige standen ihm zur Seite: Klaus Wischnewski als Chefdramaturg, Werner Kühn als Parteisekretär, Günter Witt als Filmminister, Hans Bentzien als Kulturminister. Die junge Garde. Bereit zum Wagnis einer anderen Filmpolitik.

Ohne Rücksicht auf Privilegien

Zu seinen ersten Schritten gehörte es, die Buch- und Produktionsfreigabe zu demokratisieren. Keine ewigen Diskussionen mehr mit der Kulturbürokratie, sondern Entscheidung im Studio selbst. Mückenberger übernahm Verantwortung. Kräftigte die Künstlerischen Arbeitsgruppen, die, meist unter Leitung wichtiger Regisseure, in einen Wettbewerb miteinander traten. Konrad Wolf, Frank Beyer, Gerhard Klein, Ralf Kirsten, Frank Vogel, Günter Reisch: Er holte die Besten auf seine Seite. Altgedienten Regisseuren, deren Leistung inzwischen zu wünschen übrig ließ, kürzte er die Prämien, ohne  auf Nationalpreise Rücksicht zu nehmen.

Seine vielleicht treueste Beraterin war seine Frau Christiane, eine Filmwissenschaftlerin. Gemeinsam wurden Strategien entwickelt, um die verloren gegangenen Zuschauer wieder zurück zur Defa zu holen. Erster Schwerpunkt: ehrliche Filme zu Gegenwart und Geschichte. Die Atmosphäre nach dem Mauerbau, als viele DDR-Intellektuelle überzeugt davon waren, dass man mehr Wahrheit wagen müsse, brachte den nötigen Aufwind. „Beschreibung eines Sommers“, „Karbid und Sauerampfer“,„Der geteilte Himmel“, „Die Abenteuer des Werner Holt“ trugen zum neuen guten Ruf der Defa bei. Kino braucht Publikumslieblinge, auch das wusste Mückenberger. Wer bei den Zuschauern einen Stein im Brett hatte, sollte möglichst jedes Jahr seinen Film bekommen: Armin Mueller-Stahl und Manfred Krug, Angelica Domröse, Jutta Hoffmann und Annekatrin Bürger wurden in dieser Zeit populär. Rolf Herricht drehte Lustspiele. Und Gojko Mitic ritt zum ersten Mal als Defa-Chefindianer über die Leinwand.

Dann wurde es ganz schlimm

Natürlich gab es Reibungen mit der Obrigkeit. Noch immer wurden die fertigen Filme vom Kulturministerium abgenommen, und in der Kommission saßen auch Dogmatiker. Doch dann wurde es ganz schlimm. Im Dezember 1965 tagte das 11. Plenum des ZK der SED. Jochen Mückenberger war als Gast geladen, gemeinsam mit Frank Beyer und Konrad Wolf. „Die Stimmung uns gegenüber war feindlich“, resümierte er später, „was da ablief, war gespenstisch“. Nach dem Plenum landeten, im Laufe eines halben Jahres, zwölf Defa-Filme im Tresor. Darunter „Das Kaninchen bin ich“, „Spur der Steine“, „Karla“.

Jochen Mückenberger erkrankte   und wurde ohne Rücksicht aus der Defa entlassen. Die Idee, mit aufrechten Filmen einem demokratischen Sozialismus auf die Beine zu helfen, war gescheitert. Der kritische Blick auf die Gesellschaft: unerwünscht. Im Filmbereich durfte Mückenberger fortan nicht mehr arbeiten. Er wurde Generaldirektor der Staatlichen Schlösser und Gärten in Potsdam-Sanssouci. Und sorgte hier mit dafür, dass sich im Potsdamer Marstall das Filmmuseum etablieren konnte. Die Verzweiflung, in der seine Jahre bei der Defa endeten, wurde im Nachhinein gemildert, als die Verbotsfilme 1990 doch noch ins Kino kamen. Wie      erst jetzt bekannt wurde, ist Jochen Mückenberger am 14. März in einem Potsdamer Krankenhaus verstorben.