Sie sind jung und haben das ganze Leben noch vor sich. Die Zwillinge Robert und Elena verbringen ein Wochenende draußen. Die Verabredung lautet: Er hilft ihr bei der Vorbereitung auf die Abiturprüfung in Philosophie. Sie zahlt die Getränke. Robert ist ziemlich durstig unter der Sonne im Süden Deutschlands, wo man am Horizont die schneegekrönten Alpen sehen kann, wo sich Felder über große Hügel erstrecken und im Wald ein See wartet.

Es geht ihnen gut, Bier und Knabberzeug bei der Tankstelle zu kaufen ist kein Problem für Elena. In seinem Film „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, bei dem er nicht nur Regie führte, das Drehbuch schrieb, sondern auch die Kamera selbst bediente, hält Philip Gröning für ein Geschwisterpaar die Zeit an, bevor sie erwachsen werden. Um Zeit, ihre Relativität, ihre Ausdehnung kreisen auch die immer wieder neu ansetzenden Gespräche.

Auf der Wiese liegt Ewigkeit

Nach dem Abi wird Elena den Ort verlassen. Robert muss noch bleiben, das Schuljahr wiederholen. Wie eng die beiden bis dahin zusammengelebt haben, wird nie gesagt, sie spielen das alles. Julia Zange und Josef Mattes agieren in einer Selbstverständlichkeit miteinander, wie sie nur ganz selten im Kino zu sehen ist.

Sie wirken körperlich vertraut und streiten sich in einer Heftigkeit, die die sofortige Versöhnung mit einschließt. Während sich das Licht verändert, der Wind durch den Klee bläst, ein Grashüpfer auf einen Halm klettert, liegt Ewigkeit auf der Wiese. Die Geschwister schwingen sich zu philosophischen Fragen auf, die nur ganz junge Menschen sich zu stellen trauen.

Übermüdung und Überdruss

Die Tankstelle ist das einzige Gebäude weit und breit, die beiden dort in wechselnden Schichten arbeitenden Männer Erich (Urs Jucker) und Adolf (Stefan Konarske) sind lange die einzigen Menschen, zu denen die Zwillinge Kontakt haben. In der allerersten Szene war Elenas beste Freundin zu sehen, offenbar nach einer Nacht mit Robert, was zwischendurch in die Dynamik der Gespräche funkt. Hat Robert mit ihr geschlafen?

Auch Elena möchte noch vor dem Abi Sex haben. Dasein ist In-der-Welt-Sein bei Heidegger, den die Zwillinge lesen, doch sie selbst scheinen sich außerhalb zu befinden. Bis sie eine Grenze überschreiten. Die Tankstelle wird zum Schauplatz eines Ausbruchs der beiden, zunächst nahezu quälend langsam, dann mit wachsender Geschwindigkeit, schließlich mit einer unkontrollierbaren Energie, die aus Übermüdung und Überdruss kommen muss – und mit fatalen Folgen. 

Feine Gespräche in groben Bildern

Philip Grönings Film, der so philosophisch daherkommt, dass er lange an seine Dokumentation aus einem Kloster „Die große Stille“ erinnert, mutet dem Zuschauer ein Finale zu, das an Folter, ja an Terror denken lässt. Die Zwillinge, die handylos in der Landschaft herumstreunen – absolut untypisch für ihre Generation – , provozieren eine brutale Gegenwart.

Der Firniss der Kultur ist dünn. Die feinen Gespräche verfliegen, aber die groben Bilder vom Schluss bleiben im Kopf. An den letzten Eindrücken von „Mein Bruder heißt Robert…“ kann man anknüpfen, wenn man den zweiten Wettbewerbsfilm von Mittwoch betrachtet. 

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot 22.2., 9.30 und 21.15 Uhr, Friedrichstadt-Palast, 14.30 Uhr, HdBF, 25.2., 21.15 Uhr, HdBF

Kritiker-Wertung: Der Film “Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot” erhält vier von fünf Sternen. ★★★★

Legende:

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk